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Jul 24, 2009

Wir nannten es Arbeit XXI

Und: In Englisch!

Then: I'm crawling through Excel-files, eating my way past tables, numbers, borders of reaction-descriptions in Word, from temperatures and pressures, from volume and solvents and cooling-baths to colours, oils, smells, scales. I'm preparing my report of this internship, summarizing up the work, expressing in detail the data, drawing reactions, redoing tables, covering up errors. (BASF/Mannheim/April09)

Now: I’m feeling a little lost between the data this time, at the very same place in the work-landscape, but in another environment, office, lab. Somehow, with all efforts taken, three months is just a little short for an extensive paper with cool theory, experiments, conclusions. Nevertheless, even then the results seem a little thin and I feel a little lost between them, eyeing the spectra and graphs and publications whether there is something I missed, or some error to account for. There is none. Gladly I don’t have to write an article about my life or company-life during the internship, the connections with people I met, all the fun, and all the thinking. (Bayer-Schering/Berlin/July09)

Jul 20, 2009

the happening world

Was gerade in der Parallelwelt geschieht:
1) Die Yes Men arbeiten Bhopal auf. Sie haben die wunderbare Idee gehabt, den Namen der Stadt umzudeuten zu «B'eau Pal», wobei ich ja auch «pâle» ziemlich gut gefunden hätte. Dow Chemicals ist eine der grössten Chemiefirmen der Welt, Stammsitz ist Michigan. Die grösste Chemiefirma der Welt ist die BASF in Ludwigshafen.


2) Urban Affairs residiert im Stadtbad Wedding. Nächsten Samstag ist Urban-Art-Auktion, danach Party.


3) Ich schaue dem Wasser in der kleinen Glasvase zu, wie es immer trüber wird, ich höre den Pinsel auf der rauhen Blattoberfläche und denke mir, sie malt gerade meine Wangen. Ein lustiger Zwischenmieter ist gefunden, die hektischen Wochen sind rum, ab jetzt ist alles Ruhe, Gelassenheit, Gelingen.

Apr 19, 2009

Wir nannten es Arbeit XVIII

Mein letzter Tag fiel auf einen Mittwoch. Ich hatte die letzten Arbeitstage ruhig angehen lassen, arbeitete wenig im Labor, beschäftigte mich mit meinem Abschlussbericht und fuhr früh nach Hause, um die Nachmittage am Verbindungskanal in der Sonne zu verbringen. Mein Chef nahm sich keine Zeit, um rechtzeitig mein Werk vorab zu korrigieren, er setzte erst an meinen letzten beiden Tagen zwei Meetings an, so dass ich zuletzt am meisten arbeitete und beinahe 12 Stunden täglich in der Firma verbrachte. In einem letzten Kraftakt stellte ich den Bericht fertig, übergab den Laborarbeitsplatz, die Reaktionsausträge, die Projekte an meine Kollegen und machte eine Abschiedsrunde durch die Laboratorien und die Büros. An einem Mittwoch also gab ich Spindschlüssel und Werksausweis zurück und stand eine Viertelstunde lang vor dem Schredder auf unserer Etage, um die sensiblen, nicht mehr benötigten Arbeitsaufzeichnungen unkenntlich zu machen.

Ich durchmass die Srecke vom Werkstor zur Wohnung zu Fuss, da ich das Werksrad ja zurücklassen musste. Per pedes entfernt man sich mit einer angenehmen Geschwindigkeit von einer Sache fort.

Apr 13, 2009

Wir nannten es Arbeit XVII

Die Arbeit sollte bald vorbei sein. Aufgrund der Zwischenmiete des Zimmers, das ich unbedingt haben wollte, und die bis über meine vorgesehene Zeit hinauslief, hatte ich mein Praktikum verlängert. Das änderte nichts an den üblichen Symptomen, die das Ende der Arbeit so mit sich bringt. Vorausschauende Unkonzentriertheit. Gedanken über den nächsten Umzug, die nächste Stadt, Sehnsucht nach einem Stillstand, gleichzeitig die Vorfreude auf die unzähligen Autobahnkilometer, eine Reise im Kleinen, immerhin. Mein Chef war unentwegt abgelenkt von seiner eigenen Arbeit. In der BASF brach die Nachfrage ein, die die Auto- und Bauchemie beliefernden Betriebe wurden heruntergefahren, später auch einer der beiden Steamcracker in Ludwigshafen, während der andere, so meinten wir gehört zu haben, bei der Mindestauslastung von 20 % fuhr. Bei all dem wähnten wir uns in der Forschung noch recht sicher, hier war die Krise allenfalls in Emailnachrichten angelangt, aber nicht in handfester Kurzarbeit, Arbeitsplatzflexibilität (ein Prinzip, das im Verbund der BASF beliebt ist: herrscht irgendwo Flaute, schickt man die Arbeiter in andere Betriebe) oder Langweile. Weniger arbeiteten wir schon, denn unsere Vorgesetzten waren oft ausser Haus. Aus Mangel an Firmenexternen Anfragen klapperten sie die Forschungslabors auf dem Gelände ab und die Produktionsbetriebe und fischten jeden noch so unausgegorenen Entwicklungsplan aus den Schubladen, so zumindest unsere Interpretation. Irgendwie mussten wir ja beschäftigt werden, und in der Krise kommt einem jedem Forschungsprojekt recht, lieber jedenfalls als die Kürzug des Budgets. Das Budget, so hörten wir, sollte nicht gekürzt werden, sondern auf dem Niveau des Vorjahres gehalten werden. Das wurde im Februar verkündet, was würde in den kommenden 10 Monaten noch kommen?

In diesem Klima schrieb ich also meinen Abschlussbericht, bereitete eine Präsentation vor, stellte mich langsam auf einen Abschied ein, ging früher nach Hause.

Mar 26, 2009

Wir nannten es Arbeit XVI

Seit dem 01.10.2008 sind Sie als Praktikant in unserem Unternehmen tätig. Wir sind gerne bereit, Ihr Praktikum bis zum XX.XX.2009 zu verlängern. Ihr Urlaubsanspruch bleibt unverändert bei insgesamt 10 Tagen.

Feb 26, 2009

Wir nannten es Arbeit XV

In der BASF findet die Firmenevaluation im Labor statt, so wie die Politik am Küchentisch. Im Diskurs unter den Laboranten lerne ich grundlegende Dinge des Betriebsklimas von einem interessanten neuen Blickwinkel kennen. Sicherheit ist immer ein beliebtes Thema. Die BASF tut seit einiger Zeit alles, um die Unfallstatistik niedrig zu halten, damit das Image nicht leidet. Im Grunde ist Chemie eine gefährliche Angelegenheit, im Labor fängt Sicherheit also an. Dort endet sie aber nicht, denn das riesige Firmengelände beherbergt andere Quellen, von denen Gefahrt ausgeht. So verzeichnet die gerade veröffentlichte Unfallstatistik des vorherigen Jahres den Löwenanteil bei den «Wegeunfällen», bedingt durch den starken Betriebsverkehr und die bunte Mischung aus Fortbewegungsmitteln, von Fahrrädern über Gabelstapler, Transporter, LKWs bis hin zu ganzen Güterzügen. Auch ich fühle mich morgens, wenn ich nach einer alkoholreichen Nacht etwas zu spät durch die Firma fahre, gelegentlich etwas unsicher auf meinen zwei Rädern. Gerade Ende Januar ist bei meinem Laborgebäude um die Ecke ein Fahrradfahrer beim Zusammenstoss mit einem Lastwagen tödlich verunglückt. Und heute erzählte mir ein Kollege, dass er gestern am Werkstor vom Werkschutz, der BASF-eigenen Polizei, auf Alkohol hin getestet wurde, weil er angeblich so seltsam gelaufen sei. Sowas sollte mir besser nicht passieren. In diesen Tagen finden die Mitarbeitergespräche in meiner Abteilung statt, in denen meine Kollegen von ihren Chefs gelobt oder getadelt werden. Direkt davon abhängig ist die Persönliche Erfolgsbeteilgung, oder kurz PEB, die es in der BASF für jeden Mitarbeiter jährlich sozusagen als zweites Weihnachtsgeld gibt. Ein Basissatz ist fest, zusätzlich Kohle gibt es bei guter Führung, weniger bei häufigem Fehlverhalten. Kein Wunder, finden in diesen Tagen (ebenso wie vor Weihnachten) häufiger Stichkontrollen an den Werkstoren statt. Wer klaut oder besoffen zur Arbeit kommt, kriegt keine PEB, und kein Weihnachtsgeld.

Die Sicherheitsmanie greift soweit um sich, dass sie im Laboralltag wie ein konstantes, unterschwelligs, an Brave New World erinnerndes Dröhnen angelangt ist. Irgendwelche Akademiker in den dafür zuständigen Abteilungen kreieren mit Vermarktungsagenturen immer neue, auf das Bewusstsein der Mitarbeiter abzielende Methoden. Meine Kollegen müssen mittlerweile Planspiele spielen, «Sichermacherboxen» öffnen, und irgendwann vielleicht auch mit Karten herumfuchteln, die an jene eines Schiedsrichters beim Fussball erinnern. Sie sollen, mit den Aufdrucken «Sicher!» und «Sicher?», die Kollegen auf ihre vorbildliche oder nicht vorbildliche Arbeitsweise aufmerksam machen. Wenn es nach dem Willen irgendwelcher bewusstseinsverändernder Sichermacher in den oberen Etagen geht, laufen wir alle bald wie Marionetten herum, zitieren Sicherheitsslogans («Sichermacher sind Vorbild, packen mit an und helfen, Missstände sofort zu beseitigen») und zeigen die rote Karte bei der leisesten Übertretung. Ob diese Gehirnwäsche, die auch als Kontrollelement den eigenen Kollegen gegenüber instrumentalisiert wird, dazu führt, dass die Arbeit sicherer wird, bleibt offen. Sicher ist, dass die Arbeit weniger wird, wenn man sich penibel an jede Vorschrift halten muss und dazu auch noch ständig auf seine Kollegen achten soll.

Feb 14, 2009

Do Chemists Dream Of Electric Sheep?

Mich neulich wieder über das Fotographierverbot im Werk geärgert. Die Anlagen und Rohrbündel, die sich wie Schlangen durch das Gelände ziehen, die in ihrer stählernen Mattheit leicht gekrümmt unter dem blauen Himmel liegen, gäben ein tolles Motiv ab. Minutenlang starre ich aus dem Fenster, vergesse ganz meinen Analysenbericht, lege die Zeitung beiseite. Ich nehme mir ein Papier aus dem Drucker und einen Bleistift. Dann zeichne ich das Ganze eben, denke ich.

Feb 10, 2009

Wir nannten es Arbeit XIV

Mein Arbeitspensum sah 37.5 Stunden pro Woche vor, sowenig habe ich nie zuvor in meinem Leben gearbeitet. Ich stand dennoch, vielleicht nach alter Gewohnheit, um sechs Uhr auf, trank mit den Kollegen um sieben schon einen ersten Kaffee, und war eine Viertelstunde später in meinem Labor. So konnte ich, der Anforderung folgend, nach siebeneinhalb Stunden plus eine Stunde Mittagspause, um viertel vor vier wieder abdampfen und hatte so den Nachmittag und ganzen Abend für mich. Ich hatte «Vertrauensarbeitszeit», musste nicht zu Beginn und Ende der Arbeit stechen, auch nicht aufschreiben. Ich konnte später kommen und später gehen, früh kommen und lange bleiben, gar nicht kommen oder nach durchzechten Nächten erst zur Frühstückspause um halb zehn auftauchen und um drei, mit einem klareren Kopf und etwas Arbeit hinter mir, wieder gehen.

Feb 2, 2009

Wir nannten es Arbeit XIII

Irgendwann ging der leichte Bauchansatz, der sich nach jedem gehaltvollen Mittagessen in der Firma bildete und sich während des restlichen Tages langsam auflöste, nicht mehr weg. Eigentlich ist die tägliche Fahrradfahrt gut dazu geeignet, die Kantinenkalorien abzubauen, bei fünf bis sechs Mahlzeiten pro Tag reicht das Mass an Bewegung aber nicht mehr aus. Die Röhrenhosen sind zu eng geworden. Meine Arbeitskollegen machten sich schon darüber lustig, dass ich in die typische BASF-Falle getappt sei, nämlich die der Gewichtszunahme. Junge, unterernährte, hungrige Chemiker kommen von der Universität in die behüteten Zustände der Firma, in der regelmässige Mahlzeiten und Kaffeepausen auf sie warten. Bei mir allerdings ist es ein freiwilliges Hineingehen, die Zeit zwischen den Studien soll völlig dem Wohlergehen dienen, ich gehe dreimal pro Woche ins Fitnessstudio und auch in die Sauna, esse in Mengen und auch gesund und lasse wenige Gelegenheiten aus, Wein aus der Region oder von anderswo zu verkosten. Endlich hat das von Entbehrungen geprägte Studentenleben ein Ende! Ende des Prekariats. Bloss die gelegentlichen Reisen nach Berlin und Zürich sind zuviel des Guten und lassen die alten Zeiten wieder zurückkehren, in denen ich mich in die Arme des Plastikgeldes geben muss.

Jan 15, 2009

Wir nannten es Arbeit XII

Zurück aus Berlin erwarteten mich auch in Mannheim eisige Temperaturen, wenn auch nicht so frostig wie im Norden. Der erste Weg zur Arbeit nach dem Urlaub ist kalt. Im Werk hole ich mir an der Kleiderausgabe sofort lange Unterhosen und Unterhemden. Keine zwei Tage später wird eine Alarmmeldung in allen Gebäuden ausgegeben, dass Eisregen droht und man die Zweiräder tunlichst stehenlassen solle und besser die Busse benutzt. Die Durchsage habe ich allerdings verpennt, weil ich erst um halb zehn, zum zweiten Frühstück, ins Labor kam. Der Eisregen ist weniger schlimm als erwartet, es liegt aber eine geschlossene Schneeschicht und ich fahre vorsichtig. Die BASF, für die die Unfallstatistik fast ebenso wichtig ist wie das Ergebnis vor Steuern, möchte uns Fahrradfahrer natürlich von der Strasse haben, da bei Unfällen schnell Verletzungen passieren. Dabei ist der motorisierte Werksverkehr eigentlich dafür verantwortlich, dass wir uns Blessuren holen. Ich schaffte es bis zum Werksausgang unfallfrei und schlitterte erst in Mannheim, auf dem Weg zur Post, beinahe in eine Ampel und in den fliessenden Verkehr.

Dec 27, 2008

Wir nannten es Arbeit XI

Die Vorweihnachtszeit ist als Praktikant die anstrengendste Zeit des Jahres. Ich treffe alle neuen Bekannten auf einen oder zwei letzte Vorweihnachtsdrinks oder ein leckeres Abendessen, es wird erzählt, wie man Weihnachten verbringt, ob man sich darauf freut, man schmiedet Pläne für Silvester. Gleichzeitig gibt es einige letzte Sitzungen im Betrieb zum Thema Sicherheit oder Effizienz, in denen ich immer drohe einzunicken wegen der ein oder zwei Vorweihnachtsabschiede am Vorabend. Auch die Arbeitskollegen wollen natürlich alles wissen über die Feiertage, wie ich sie verbringe, wo, was ich an Silvester mache, wann ich aus den Ferien wiederkomme. Ich habe alle meine Freitage auf das Jahresende gelegt, zwei Tage vor dem 24. freigenommen und frei bis einschliesslich den 11. Januar. Wir sitzen also in unserer Innovationsecke, die zwei Kollegen aus dem Labor nebenan sinnieren über die Vorteile des Citroen C5, der Autokauf ist gerade das grosse Thema, nachdem die Regierung Steuererleichterungen gewährt und die Pendlerpauschale wieder ab dem ersten Streckenkilometer gilt. Wir holen uns noch einen Milchkaffee an der WMF-Maschine, wir setzen uns hin, obwohl ich längst wieder im Labor sein wollte, meine Destillation überwachen. Ich werde gefragt, wie, wann, wielange Weihnachten, wie, wann, wielange Silvester. In der Woche vor Weihnachten gibt es das Weihnachtsfrühstück, das Kolleginnen aus unserer Gruppe organisieren, mit denen wir auch sonst immer frühstücken um halb zehn. Dafür geht fast ein ganzer Vormittag drauf, es ist eine gesellige, eine grosse Runde mit den Akademikern und dem Gruppenleiter. Von den Resten können wir noch fast die ganze Woche frühstücken in unserer kleinen Gruppe. Ausgiebiger als sonst, auch länger. Bei all den Arbeitsausfällen muss ich mich richtig ranhalten, um das Projekt wie geplant rechtzeitig vor den Ferien abzuschliessen. Ich arbeite von 7 bis 6 Uhr abends, mit vielen Unterbrüchen zwar, aber ich arbeite. Ich destilliere mich verrückt an dem gelben Öl, das mal mein Produktmuster sein soll. Ich quetsche jeden Tropfen Reinheit aus der Sauce raus. Ich stöhne vor der Glasapparatur, in der meine kostbare Pampe langsam eine Dunkelfärbung annimmt, aus einem Stich ins Braune wird schnell Schwarz. Und tatsächlich: Am letzten Donnerstag tropft gegen 17:45 das letzte der 100 Gramm aus dem Kondensator, ein Milligramm davon wird kurz analysiert, vermessen, dann noch zwanzig weitere Milligramm eingetütet und zur Abteilung GKA geschickt, wo die Artillerie der betriebseigenen Analytik den Stoff auf Herz und Nieren prüft und schaut, ob er meinen und den Anforderungen des Kundens entspricht. Es ist 6 Uhr abends und draussen schon längst dunkel, als ich die Apparaturen ausschalte, die den Rest meiner Pampe wie im Krankenhaus am Leben erhielten. Der sogenannte «Sumpf» der Destillation ist jetzt eine braune, zähflüssige Crème, wie Karamell, vermutlich ist ein Teil meines Produkts unter den hohen Temperaturen polymerisiert, zusammen mit dem hochsiedenden Lutrol, das als Sumpfverdünner diente, liegt jetzt eigentlich reines Plastik vor. Die Sauerei mache ich morgen sauber. Ich bin der Letzte im Labor – mache das Licht aus, gehe mich umziehen. Morgen dann nur noch das Weihnachtsmenu zum Mittagessen und Ferien.

Dec 4, 2008

Wir nannten es Arbeit X

Die Anlagen des Betriebs liegen mit ihren riesigen Speichertanks, Schornsteinen und Rohrgewirren ruhig da, ihre Aussenhaut glitzert in der Wintersonne. In ihrer Untätigkeit scheinen sie wie grosse, schlafende Metalltiere.
Im Labor herrscht eine angenehme, trägmachende Wärme. In den halbverspiegelten Fenstern des gegenüberliegenden Gebäudes erstreckt sich das zerstückelte Panorama des Himmels, wie er hinter uns liegt. Gelegentlich öffnen und schliessen sich Glastüren im Gebäude, heliographieren dabei die Sonne.
Nach dem Mittagessen ziehe ich mich um und gehe ins Sitzungszimmer im Erdgeschoss, wo ich zu einer Informationsveranstaltung eingeladen bin. Mit mir nur fünf andere Praktikanten. Es gibt Kaffee und Weihnachtsgebäck, die Organisatoren von HR respektive Hochschulrecruiting lassen sich nicht lumpen. Die Vorträge sind eher allgemein gehalten, dümpeln ein wenig an der Oberfläche der Materie, behandeln die Energieeffizienz, wie könnte es anders sein, Ökologie-Thematik, einfache Klassifizierung des Themas, der Forschungsbereiche, Herstellungsgrundlagen. Wir lernen die Unterschiede kennen von Bier in Glasflaschen, Dosen, PET-Flaschen. Wir fragen bis an die Grenze des Erzählbaren, bis dorthin, wo die Geheimhaltungsklauseln greifen und wo Stoffe, Katalysatoren und Verfahren nurmehr mit Nummern und Codes bezeichnet sind, damit nicht auf deren Natur geschlossen werden kann.
Es ist später Nachmittag, als wir zur Werksbesichtigung aufbrechen, es dunkelt und schwere Wolken ziehen auf. Im Styropor-Plant II machen wir einen Rundgang mit einem älteren Ingenieur, das ganze, riesige Gebäude wird allein von vier Leuten kontrolliert, die zwischen den Kontrollräumen umherwandern, gelegentlich nachfüllen, Proben ziehen, aufräumen. So werden 150.000 Tonnen pro Jahr produziert, nebenan in Plant I nochmal soviel. Nach einem Gang durch den Reaktorensaal fahren wir ganz nach oben. Es hat zu regnen begonnen und ein heftiger Wind bläst uns entgegen, als wir aus dem Fahrstuhl direkt auf das offene Dach stolpern. In den Mulden der Abdeckung hat sich Wasser gesammelt und gekauert staksen wir zum Geländer am Rand. Vor uns erstreckt sich die Metallwüste mit ihren vielen Lichtern, zum ersten Mal fühle ich mich richtiggehend als ein Teil von ihr. Unter uns liegen die grossen Styrol-Tanks, von wo aus die neue Polystyrol-Anlage und die beiden Styropor-Plants gespeist werden. Neben uns glüht die Fackel, die das abgesaugte Pentan verbrennt. Styrol wird unter unseren Füssen in 7 Reaktoren polymerisiert, wodurch sich Kügelchen bilden, deren Wachstum irgendwann durch Beimischung von Pentan abgebrochen wird. Die «beads» erhalten dann eine Formulierung wie ein Medikament, sie werden beschichtet und nach Grösse ausgesiebt, bei diesem Prozess entsteht viel Staub, wie wir später sehen, ein Geschoss tiefer, wo die Rüttler stehen, wo die sich zersetzenden Peroxide einen starken, süsslichen Geruch hinterlassen und wo an den Wänden, auf den Maschinen, auf den Neonröhren fingerdick der weisse Staub des Beschichtungs-Stereats liegt wie Schnee. Wasserdicht in ein-Tonnen-Gebinden verpackt finden die «beads» ihren Weg nach Übersee oder England, wo sie geschmolzen und aufgeschäumt werden und als Styropor weiterleben.

Dec 1, 2008

Wir nannten es Arbeit IX

Zwischen den Pausen arbeiteten wir. In Deutschland macht man traditionell um halb zehn Uhr Frückstückspause, ich ass natürlich schon vorher eine kleine Mahlzeit, zuhause. Gegen halb eins geht es dann zum Mittagessen in die benachbarte Kantine, den «Roten Ochsen», wo eine Essensrunde mit den Arbeitskollegen oder mit anderen Praktikanten schonmal eine Stunde dauert – ein Zeitfenster, das ungekannt war zu Uni-Zeiten, wo innert 45 Minuten turbo gegessen und turbo Kaffee getrunken wurde. Die Kaffeepause nach dem Mittagessen lasse ich ohnehin aus, da dieser Koffeinschub nichts hilft, stattdessen versuche ich, vor der richtigen Kaffeepause um drei noch etwas zustande zu bringen. Seit etwa einem Monat nennt unsere Abteilung eine «Innovationsecke» ihr Eigen, eine modern eingerichtete Örtlichkeit im Gebäude nebenan, mit grossformatigen Wissenschaftsbildern auf Panels und Flachbildschirmen, runden Glastischen, Plastikstühlen mit fliessenden Formen sowie einer 1A WMF Kaffeemaschine. Für den Kaffee (oder Latte Macchiato oder Chocolato) bezahlt man nichts, man tut schliesslich seinen Dienst an der Forschung, wenn man sich wie vorgeschrieben mit Kollegen oder Fremden aus anderen Abteilungsbereichen trifft und gemeinsam neue Ideen ausbrütet. Wir gingen natürlich auch so hin, ohne Fremde, zwischen unseren Pausen, und diskutierten über unsere Vorgesetzten, das Abteilungsklima, oder die Weltwirtschaftskrise. Die Weltwirtschaftskrise – die Etymologie dieses mächtigen Wortes ist zumindest uns völlig klar: Während sich die Zeitungen und die Infokanäle des Intranets noch mit «Schieflagen im Finanzsystem» oder «Rezessionsängsten» zufrieden gaben, bliesen die Sparer unserer Firma gleich ganz kräftig ins Horn. Wie es in einer Email hiess, würden auf Grund der «Weltwirtschaftskrise» Betriebsanlässe (auch bereits geplante) gestrichen. Ausserdem gäbe es keine Kekse mehr bei Sitzungen. Dass die Not bei uns schon so gross ist, dass selbst die Kekse in Zukunft wegfallen sollten, zog uns wirklich die Schuhe aus. Bei meinen Fahrten durchs Werksgelände hatte ich schon immer geglaubt, weniger qualmende Fabriken zu sehen und weniger Tankzüge, die zwischen den Fabriken und dem Umschlaghafen pendeln. Nun war es also amtlich. Der Vorstand fliegt nur noch Business-Class, nicht mehr in der First. Alle Investitionsplanungen müssen noch einmal einer Kostenerträglichkeitsanalyse unterzogen werden. Es gibt keine teuren Neugeräte mehr. Es gibt keine Kekse mehr.

Nov 7, 2008

Wir nannten es Arbeit VIII

Kontext:
Auf der Fahrt durchs Werksgelände, wenn ich an der GuD I-Anlage vorbeifahre, wo auf der der Strasse zugewandten Seite hinter Gittern die grossen ABB-Transformatoren vor sich hinbrummen, deren Sound mich an die ersten Bassakkorde aus «Thriller» erinnert.

Ein rostiges Dach, das einen zusammengeschusterten Eindruck macht. Ein Kamin, der von einem Stahlgerüst umgeben ist. Ein Gebäude, dessen Ausmasse etwas Bulliges an sich haben, Kantiges, Unwirkliches. Erinnerungen an Tschernobyl, den Reaktor. Ludwigshafen erscheint plötzlich als Prypiat, als Arbeiterstadt neben dem Unglücksort, das Unwesen des Fabrikgebäudes als der Sarkophag von Tschernobyl. Wie lange, bis sich die Katastrophe hierher verschiebt? William Gibson beschrieb einen Charakter in einem seiner Bücher als «das Produkt der Schuttwelle, die den Kern des radioaktiven alten Bonn umschliesst», und Bonn ist keine zwei Autostunden entfernt.

Meine Kette klackert zu sehr, sie sitzt etwas lose, vielleicht ein Glied zuviel drin. Ich werde das Rad am Montag zu der Werkstatt nahe Tor 11 bringen müssen. Keine fünf Minuten, nachdem ich das gedacht habe, sind meine Finger, meine Feinmechanik, mit «Sprühöl 88» vollgesaut, dem hochwertigen Feinmechaniköl mit Additiven für bessere Hochdruckbelastung, Korrosionsschutz und Alterungsbeständigkeit für zuverlässige Schmierung der Feinmechanik, das ich noch am Tag zuvor appliziert habe. Ein Glück, so ging die Arbeit viel leichter.

Nov 1, 2008

Wir nannten es Arbeit VI

Im Labor übe ich mit den Laboranten gerade die richtige Bedienung des
Telefons, eine Technik, die ich noch von meiner Zeit im Hyatt
beherrsche: «Syntheselabor L4-04, hier ist so-und-soundso, mit wem
spreche ich?». Die Hochstapler kontern natürlich sofort mit
«Laborstand Dr. Gralla, Abteilung Schwierige Synthesen, was kann ich
für Sie tun?»
Es braucht viel Überzeugungsarbeit, mit Pfälzern in einem Raum zu
sein.

Oct 28, 2008

Wir nannten es Arbeit V

Ein hingeklatschtes «BEH», vokalisiertes «OA», dann, singhaft leicht erhoben, das scharfe «ÄSS», und schliesslich das «ÄFF», das wie ein feuchter Händedruck daherkommt. Voilà, das ist die rheinland-pfälzische Interpretation unseres Firmennamens, der ja eigentlich rechts-rheinischen Ursprungs ist («Badische Anilin- und Sodafabrik»), aber kurz nach der Gründung 1865 nach Ludwigshafen in die damals bayrische Rheinpfalz gewechselt ist, wo es vom König erstmal Subventionen gab. Die Pfälzer («Pälzer» im O-ton) dominieren auf Laborebene, um sie und ihren Dialekt kommt man nicht umhin. Sie wohnen zwischen Rebbergen an der Weinstrasse, in Frankenthal, Landau oder Speyer und reisen so von weit her an, weil sie sehr heimatverbunden sind. Die Pfälzer sind freundliche und offene Menschen, nicht so brav wie die vielen Gutmenschen aus Baden-Württemberg. Und zumindest einige Kollegen aus der Gruppe haben es faustdick hinter den Ohren. Die Gruppe: Das ist Gruppenleiter Ebel, ein gesetzter, älterer Mann mit Schnurrbart und ruhigem, wenn auch pfälzischem Auftreten. Er hat das Amt seit 20 Jahren inne. Ihm unterstellt sind die Laborleiter, jüngere Exemplare, die sich erstmal die Sporen verdienen müssen. Mein Chef zum Beispiel kommt gerade von einem Postdoc-Aufenthalt in San Diego beim Halbgott der Organischen Chemie höchstpersönlich: Professor KC Nicolaou. In seinem Team geht es eher ruhiger zu und her, im Labor aber bin ich ohnehin mit Laboranten von anderen Teams zusammen, und bei uns steppt der Bär. Wie ich von anderen Praktikanten erfahren habe, bin ich in eines der lebendigsten und nettesten Laborteams geraten, mir wird immer geholfen und wir haben viel Spass. Zwar hat nicht jeder seinen eigenen Computer-Arbeitsplatz, aber eine Kollegin ist nur jede zweite Woche da, also komme ich immer irgendwo unter. Auch habe ich genügend «bench»-Freiheit, einen riesigen Abzug und genügend Material und Laborutensilien. Schon nach zwei Wochen herrscht bei mir eine gesunde Ordnung, die sich mit dem umliegenden Chaos paart. Ich bin schon wieder verliebt in das Geäst der Wasserschläuche und Glasapparaturen, in die Reaktionsbeschreibungen und Analysenaufträge, in die bunte Pampe und die Ölheizbäder. In der BASF wird weniger akademisch gearbeitet, wir werden anders eingekleidet. Weisse Labormäntel sind passé, möglicherweise will man den Laboranten einen so kompetenten Eindruck nicht gönnen, wie ihn der Kittel erzeugt. Die zur Verfügung stehenden Kittel sind grau, deswegen trägt sie fast niemand. Die meisten arbeiten in Blaumann und weissen Antistatik-Schuhen, die sehr bequem sind. Für obenrum gibt es als Alternative (anstelle der schnöden blauen Jacke) ein schlichtes blau-graues Baumwollhemd, das gerade mit hochgekrempelten Ärmeln eher an Atelierkleidung erinnert als an Handwerker im Labor. Mein Lieblingsstück, natürlich.

Ein Bild der Forschung aus Universitäts-Zeiten. In der BASF sind Fotoapparate natürlich streng verboten.

Oct 23, 2008

Wir nannten es Arbeit IV

Oder: Hin und wieder zurück.
Tiefer Schlaf, von wirren Träumen durchzogen, ereilt mich hier, nach rund einem Monat Mannheim, jede Nacht. Der Wecker kommt zu früh, aber gerade rechtzeitig, um grössere Abstrusitäten zu verhindern. Mit einem Satz bin ich im Bad, prüfe den Sitz der Schlaf-Falten, esse etwas. Bei der ersten Zigarette blicke ich, auf der Dachterrasse unter dem tiefschwarzen Himmel stehend, in Richtung Pfalz, wo Scheinwerfer die am Fluss stehenden Verladestationen als Silhouetten abbilden. Im schwarzen Jogginganzug, die IKEA-Handtasche umgehängt, eile ich die Treppen herunter in den Innenhof, wo das Rad steht. Die Quadrate beginnen, sich mit Leben zu füllen. Ich kreuze den Luisenring, bin schon am Verbindungskanal, fahre gleich die Rampe der Kurt-Schumacher-Brücke hoch, überhole andere «Aniliner», die man leicht an den BASF-Jacken und –Helmen erkennt. Auch ich trage Helm, auf dem Werksgelände ist das Vorschrift, und ihn erst am Tor anzuziehen umständlich. Über dem Rhein lichtet sich langsam die Dunkelheit, das grelle Scheinwerferlicht der Hafenanlagen liegt jetzt scharf links, jeden Morgen ist die Dämmerung etwas weniger hell, es ist viertel nach Sieben. Weisse Möwen fliegen in Gruppen knapp über die schwarzen Wasser des Rheins, der tief unter mir dahinfliesst. Die Brücke dauert ewig, der Berufsverkehr auf der anderen Seite zieht vorbei. Am Ende der Brücke rolle ich die Rampe herunter, halte kurz vor Tor 7. Mein Ausweis öffnet die Schranke, ich schiebe das Rad durch, steige wieder auf.
-
Auf der Rückfahrt ist es mild, nicht selten scheint hier die Sonne am Nachmittag, auch wenn der Morgen neblig und wenig vielversprechend aussieht. Der Berufsverkehr geht jetzt in die andere Richtung, wieder mir entgegen, viele Laster sind darunter. Im Jungbusch, dem «Szeneviertel», schlängele ich mich durch die mir entgegenkommenden Autos in Einbahnstrassen, komme an Spielplätzen vorbei, die komplett türkisch besetzt sind, und wo man bei den am Rande sitzenden Figuren nie weiss, ob es Eminem-Gangster sind oder junge, bildhübsche Türkinnen mit Kopftuch. Die letzte Zigarette wieder auf dem Dach, in der Sonne. Bald ist Zeitverschiebung.

Oct 21, 2008

Wir nannten es Arbeit III

Gestern bei einem Kontaktforum gewesen, zu dem ich letzte Woche von HR eingeladen wurde. Da das Treffen ausschliesslich für Naturwissenschaftler war, traf ich dort auch zum ersten Mal alle Praktikanten meines Faches. Einige von ihnen machen das Praktikum, um die Zeit bis zum Beginn der Promotion zu überbrücken und wurden von ihrem Professor eingeschleust – dementsprechend sind sie eher zurückhaltend und können sich nicht so ganz auf die industrielle Arbeitsweise einstellen. Wir haben uns verabredet, mal Mittagessen zu gehen. Da wir alle so verstreut über das Werksgelände verteilt sind, erfordert das sorgfältige Planung. Beim Kontaktforum haben wir Wissenschaftler kennengelernt, die schon länger in der BASF tätig sind. Der Einstieg ist immer gleich: Man hat einen PhD in Biologie, Physik oder Chemie und leitet als erstes ein Labor oder einen Zusammenschluss von Labors, so wie es mein Chef auch gerade tut. Zwei bis drei Laboranten (und, wenns hochkommt, ein fleissiger Praktikant, so wie ich) arbeiten an den Projekten, die man ausarbeitet. Den Kontakt zur «echten» Chemie oder Biologie, zum Handwerk, hat man zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Man sitzt im Büro und steht nicht mehr im Labor. Nach drei bis vier Jahren bietet sich die Möglichkeit, die Abteilung zu wechseln, unter Umständen auch das Arbeitsfeld. So kann man im technischen Marketing landen, bei der Produktion, und so weiter. Auf diese Weise lernt man viele Bereiche des Konzerns kennen, unter Umständen auf anderen Kontinenten, und kann so die goldene Mitte ausloten, wo man sich am wohlsten fühlt. Für Dr. Simon Champ, der mir beim Mittagessen gegenüber sass, bedeutet das Marketing im Kosmetik-Bereich. Er klärte mich über die Trends der nächsten zehn Jahre auf, und verlor auch einige Worte über Anti-Aging, got2b Haargels und UV-A-Strahlung. Noch ein Wort zum Mittagessen: Das fand im BASF Casino statt, dem besten Lokal des Betriebs, wo nur auf Einladung gespiesen wird. Für einmal durften wir uns fühlen wie auf der Vorstandsetage und bekamen vier köstliche Gänge serviert. Als wir fertig waren, so gegen zwei, halb drei, beschlossen wir, dass wir für heute genug gearbeitet hätten und machten uns auf den Weg nach Hause.

Oct 12, 2008

Wir nannten es Arbeit II

Als ich gestern nach dem Mittagessen in die Garderobenräume im Keller gegangen bin, um meine Zeitung zu holen, lag dort auf einer der Sitzbänke der Laborant von nebenan, bei seinem Kopf tickte ein Wecker. Es war ein bisschen gruselig, ihn dort so zu sehen, er ist auch etwas gruselig wenn er nicht schläft, aber in diesen gedrungenen Garderobenräumen, wo zwischen den Spinden nicht viel Platz ist, war es speziell gespenstisch ihn dort so liegen zu sehen, ein wenig wie bei Dracula, nur ohne Sarg. Meine Arbeitskollegen im Labor in der Abteilung für marktnahe Produktentwicklung sind die Zahnräder, durch die sich die BASF überhaupt erst bewegen kann. Die meisten von ihnen arbeiten hier schon seit mehr als zehn Jahren. Nach der dreijährigen Ausbildung zum Laborant im Betrieb werden sie oft direkt von der BASF übernommen. Ihre Arbeit umfasst die mehrstufige Synthese von Chemikalien und, wenn ihr Projekt erfolgversprechend ist, auch das Scaling-Up, das im abteilungseigenen «Technikum» durchgeführt wird, einer Pilotanlage, in der die Reaktionen auf grösserem Massstab getestet werden. So optimiert die BASF einerseits bereits bestehende Prozesse in ökonomischer und ökologischer Hinsicht und erweitert andererseits ihr Chemikalien-Portfolio. Das Chemikalien-Portfolio – jeden Nachmittag auf der Rückfahrt durch das Werksgelände schnüffele ich mich durch die halbe Produkt- und Zwischenprodukt-Palette der «Chemical Company». Seit der zweiten Praktikumswoche nenne ich eines der begehrten BASF-Werksräder mein Eigen, das ich direkt vom Chef bekommen habe. Auf dem Weg vom Laborgebäude zum Werkstor in Ludwigshafen fahre ich auf der Anilinfabrikstrasse, wo lange Kolonnen von Tankwaggons über das Schienennetz zu den Abfüllstationen der Produktionsbetriebe und wieder zurück zum Landeshafen geschoben werden. Die BASF ist ein Organismus – Nahrung kommt in Form von Rohöl mehrmals täglich per Frachter an den Pipelines des Landeshafens an, von wo es zu den Steamcrackern geleitet wird. Dort werden die Kohlenwasserstoffe in handliche, kleinere Monomere zerlegt, aus denen Plastik gemacht wird, Farben, Lacke, Pharmavorprodukte und anderes. Energie kommt von den werkseigenen kombinierten Energie- und Dampfanlagen, die Strom und Wasserdampf erzeugen. Organismus heisst bei der BASF «Verbund», die BASF unterhält sechs Verbund-Standorte weltweit, Ludwigshafen ist davon der grösste.

Oct 3, 2008

Wir nannten es Arbeit I

Der Arbeitsvertrag über sechs Monate war im ersten und einzigen Antwortbrief gekommen, den ich von der BASF erhielt. Es gab kein Interview, auch nicht per Telefon, wie es mir Schering in Berlin angeboten hatte. Ich glitt also völlig widerstandslos vom Studium in die Praktikumszeit bei der grössten chemischen Firma der Welt, die zugleich eine der bestgeführten von ganz Deutschland ist und in der Landschaft der Landesökonomie so etwas wie einen Konjunkturindikator darstellt. Mit mir fingen 30 weitere Praktikanten an, die wie ich in ihren Zwanzigern steckten und von denen die meisten aus der Umgebung kamen, einige schrieben ihre Diplomarbeit und waren nur wenige Tage pro Woche tatsächlich in Ludwigshafen. BASF und Chemie, Ludwigshafen und Mannheim, es gibt in der Rhein-Neckar-Metropolregion wenig, das gegensätzlicher wäre. Von den 30 Praktikanten haben bloss drei tatsächlich etwas mit Chemie zu tun, ich bin einer davon. Der Rest beschäftigt sich mit den Dingen, die eben so anfallen in einem Unternehmen mit fast 100.000 Mitarbeitern auf fünf Kontinenten und einem jährlichen Umsatz von 58 Milliarden Euro. Da wäre die Marketingabteilung, Public Relations, Finanzen und Rechnungswesen, Controlling, ausserdem werden Praktikanten in Tochterunternehmen in der Region eingesetzt. Ludwigshafen, im Bundesland Rheinland-Pfalz links des Rheins gelegen, ist eine Stadt, die im Grunde nur für die BASF existiert, deren Firmensitz dort ist. Jeder, der mit BASF zu tun hat oder in der Metropolregion wohnt, hat mir abgeraten, dort hinzuziehen, viele sind nicht einmal in der Stadt gewesen. Ludwigshafen ist also so etwas wie das spukhafte, angeblich nicht-existente Bielefeld, über die Rheinbrücken zwar schnell erreichbar, aber psychologisch weit entfernt. Im Gegensatz zu Bielefeld, dessen Vorhandensein ich bezeugen kann, ist es auch schwer, sich hinter den Hafenanlagen und Industriegebieten eine echte Stadt vorzustellen. Es ist einfacher, die Produktions- und Handelsbetriebe endlos in die Ferne weiter zu projizieren. Mannheim wiederum, rechts des Rheins gelegen, ist eine handfeste, putzige Stadt mit einem kreisrunden, gitterförmig gearteten Zentrum, der «Quadratstadt». Um das Schloss herum angelegt, in dem heute die Universität residiert, wollte der damalige Kurfürst der Pfalz um 1600 damit sein absolutistisches Weltbild verdeutlichen. Strassennamen gibt es keine, stattdessen hat jeder Häuserblock eine Buchstaben-Zahlen-Kombination; ich wohne gerade in der J6, die Stammkneipe ist in der S1.