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Apr 8, 2009

Fast Frankfurt XVII

Der Zug kam und mit ihm kam ein deutsch-russischer Mitfahrer, der in meinem Dreierliegeabteil über mir lag und während der Fahrt durch die sonnengetränkte September-Waldsteppe des Landes aus seinem Buch wirtschaftliche Theorien und deren Verwirklichung vorlas. Es hatte etwas surreales, wie wir da liegend durch die Prärie pflügten, wir tranken Tee um Tee, teilten unser mitgebrachtes Essen, standen im Gang, rauchten und schauten hinaus in die kornfeldgesäumte Leere, die sich bis zum Horizont erstreckte. Der Mitfahrer wohnte ausgerechnet auch in Mannheim und studierte in Heidelberg, nach meinem Restaufenthalt in Berlin sollte ich ihn wieder und wieder treffen in den Kneipen und meinen Unterkünften, wir spielten Schach und tranken Export. Mit Marktwirtschaft und Philosophie endete das Land, die Ukraine, meine Reise, die Gedanken, die ich mir gemacht hatte, die Einsichten, alles fand sich in dem einen Nenner wieder, dass man in der Fremde dann eben doch wieder etwas aus der (noch neuen) Heimat trifft. Unsere gemeinsame Fahrt dauerte bis in die späten Morgenstunden, als wir in Berlin Lichtenberg langsam ausrollten auf den klapprigen Schmalspurradgestellen, und wo ich mich in meinem letzten sauberen Shirt in die S-Bahn setzte, um endlich, wenigstens für ein paar Tage, nach Hause zu gehen.

Mar 17, 2009

Fast Frankfurt XVI

Als ich im Bahnhof von Kiev auf meinen Zug zurück nach Berlin wartete, hatte ich Zeit, die Tage in der Ukraine zu reflektieren und nochmal rückwärts zu träumen. Ich holte mir an demselben Stand, an dem ich bei meiner Ankunft mein erstes Abendessen und Bier gekauft hatte, belegte Brötchen und einen Kaffee. Setzte mich auf einen freien Stuhl inmitten von langen Reihen wartender Menschen. Legte die Füsse auf meinen Rucksack. Nahm einen Schluck Kaffee und schloss die Augen.

Und sah das nächtliche Lichtenberg vor mir, die blaue Silhouette des Kiev-Pass-Express, die Reisegruppe vor mir. In Berlin aber hatte die Reise nicht begonnen. Meine Abschiede begannen im August, in Zürich. Von da an war es eine einzige Reise gewesen, ohne Verschnaufpause, Zwischenstop, Rastplatz. Durch diese Rastlosigkeit hatte ich einen besonderen geistigen Zustand erreicht, eine unermüdliche Aufnahmefähigkeit, durch die vielen wechselnden Schlafplätze ausserdem eine Anspruchslosigkeit, die ich mit einer festen Wohnung nie erreichen würde. Die Fremde hatte sich mir in Kiev als die abweisende, nass-kalte und undurchsichtige Einsamkeit präsentiert, als die ich sie kannte und gewohnt war. Aber durch die vielen Couchsurfing-Heimaten, durch die Vertrautheit, die in dieser Fremde so schnell geschaffen wurde von Menschen, die ich traf und begleitete, ist dieser scheinbaren Unwirtlichkeit ein Stück Sorglosigkeit entwachsen. Eine Sorglosigkeit, die mir auch die Ähnlichkeit zwischen dem Äusseren und dem Inneren in mir gezeigt hat. In dem Moment, als ich die Fremde in mir spürte, an dem Strand in Odessa, wurde mir auch bewusst, dass meine Identität eine Mischung geworden war. Die Fremde war in mir; wohnte dort als das Verständnis von Ländern und anderen Kulturen. Nur durch die Einsamkeit konnte die Fremde dorthin gelangen, sich sotief einnisten. Ich sass also zwischen den schlafenden, essenden, erzählenden Menschen in der Bahnhofshalle von Kiev, und das Wissen um ihr Land, ihre Politik, die Sehnsüchte der jungen Generation und die Traditionen der Älteren verband mich mit ihnen. Ich trank den letzten Schluck Kaffee, es war halb acht Uhr morgens. Wartete unruhig darauf, dass mein Zug ausgerufen wurde.

Mar 10, 2009

Do Chemists Dream Of Electric Sheep?

Träume erfordern Schlaf. Den ersten ausgedehnten, häufigen, mir endlos erscheinenden Schlaf habe ich in der Ukraine erlebt, wo sich mein Schlaf-Wach-Rhythmus gelegentlich demjenigen meiner Gastgeber anglich und ich länger im Bett lag, als mir lieb war. Hier lernte ich zu liegen.

Schon in der Ukraine brachte der Schlaf Träume mit sich, die mal wie halbverdaute Erinnerungsfetzen, mal wie zukunftsschwangere Ahnungen daherkamen. Sie hinterliessen ein seltsames Gefühl beim Aufwachen; es kam mir vor, als ob ich viele Stunden lang geschlafen hätte, dabei viel erlebt; dennoch waren die Erinnerungen unvollständig und die Träume meist nicht sinnvoll beendet.

Zurück aus der Ukraine, in Berlin, war der Schlaf noch etwas beinahe Freiwilliges gewesen, bei Tage war ich ohnehin etwas benommen durch das spätherbstlich schöne Wetter der Stadt gereist. In Mannheim hatte der Schlaf bereits etwas zwanghaftes, ich wurde von einer Müdigkeit überrollt, der ich mich nicht zu widersetzen wusste.

Auch wenn der Rhythmus der Arbeit genau derselbe war wie während dem Studium - ich stand um sechs auf und ging gegen 12 ins Bett - hielt ich ihn nur noch mit Mühe durch. Abends in den Bars und Kneipen fing ich gegen neun Uhr an zu gähnen. Richtig müde war ich nicht, nur dieser beängstigende Drang zu Gähnen war da.

Ich schob es auf die Haltung. Meine Haltung hatte etwas gemähliches angenommen, einen beruhigteren Takt. Die Arbeit ging leicht von der Hand, ich kam gut klar in der Stadt. Aber war das Leben wirklich ein ruhiges geworden? Mitnichten. Gerade deswegen fiel mir diese Scheinmüdigkeit so schwer. Zuhause fielen mir bei der Abendlektüre nach 20 Seiten die Augen zu, und wenn ich rausging, schlief ich zwar nicht ein, musste aber gähnen wie ein total Übernächtigter. Ich liess mich nicht von der Haltung beeindrucken - ich ging weiter aus, und gähnte eben verhalten.

Jan 28, 2009

Fast Frankfurt XV

Während meinen ersten Tage in Kiev hatte ich mir das kyrillische Alphabet eingeprägt und konnte seitdem zumindest die russischen oder ukrainischen Worte entziffern, ohne sie jedoch zu verstehen. Fahrkartenkauf aber beispielsweise war etwas, das ohne gesprochenes Russisch einfach nicht funktionierte, selbst wenn ich Destination, Uhrzeit und sogar die Zugnummer in Kyrillisch aufschrieb. Die Schalterfrauen waren mir überlegen, allein schon durch ihre Anzahl. Sie konnten mich unermüdlich hin und her schicken, es gab Schalter, die nur für gewisse Abreisezeiten zuständig waren, dann wiederum aber nicht mit Reservationen dienen konnten. Ich liess mir von Couchsurfern die Tickets und Reservationen besorgen, konfrontiert mit russischsprachigen Helfern kapitulierten die Schalterfrauen sofort und stellten bereitwillig alle möglichen Scheine und Fahrkarten aus, auch meine Reservation für die Rückfahrt nach Berlin, ein Heftchen dick wie ein Reisepass.

Ich kam an einem Donnerstagmorgen wieder in Kiev an. Die Rundreise war zu Ende. Die Stadt war wie verändert, der Sonnenschein im Süden war nun auch hier angelangt und das Bahnhofsgebäude in den ersten Sonnenstrahlen des Tages nicht wiederzuerkennen. Ich holte meine Kamera heraus. Doch die Sicherheitskräfte, die überall herumstanden und patrouillierten, wiesen mich zurecht, eine Erfahrung, die ich im dort, im Bahnhofsgebäude, nicht zum ersten Mal mache. Es muss den Anschein haben, als ob im ganzen Land ein Fotographier-Verbot herrscht, mit einigen wenigen Korridoren oder Sichtachsen, die für Bildaufnahmen geöffnet sind, wie zum Beispiel der Blick auf den Reaktor von Tschernobyl. Es hat den Anschein, als ob das halbe Land ein wichtiges Museum ist mit lichtempfindlichen Bildern und Gebäuden, als ob geheimes Wissen überall herumstünde, unabbildbar, nur für den Selbstgebrauch bestimmt.

Jan 25, 2009

Fast Frankfurt XIV

Bei einem Spaziergang durch Odessa finde ich den Buchladen schliesslich, es gibt ein Regal englischsprachiger Bücher. Ukrainische Klassiker wie «The Master and Margerita» oder russische Autoren waren gut vertreten, allerdings zu Preisen, wie sie selbst in der Schweiz nicht denkbar gewesen wären. Ich erstehe «The Great Gatsby». Später gehen wir essen. Mein Gastgeber ist ein Amerikaner, der schon seit vier Jahren in Odessa lebt, er spricht recht gut russisch und wir unterhalten uns mit Leuten auf der Strasse. Seine Vodka-Sammlung ist beträchtlich. Ich habe nur eine kleine Flasche als Mitbringsel, von einer Marke, die ich in Kiev einmal getrunken habe, und die dort als das Beste angepriesen wurde, was die Ukraine zu bieten hat. Natürlich war es ein bloss ein durch geschicktes Marketing gepuschtes Produkt, aber dennoch bekam ich im Penthouse von dem richtig guten Zeug Kopfschmerzen. Odessa hat einen tollen, französischen Charakter, man sagt den Leuten eine eigenartige Ironie nach, sie fühlen sich beinahe als eigenes Volk und nicht als Teil der Ukraine.

Am nächsten Tag fahre ich ab. Dort, wo ich hinfahre, war früher der Schwerpunkt der Schiffbauindustrie, allerdings wurden seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Unabhägigkeit der Ukraine von Russland viele Betriebe geschlossen. Mykolyaev, eine 600.000-Einwohner-Stadt, besitzt jedoch noch immer einige Grosswerften, in denen auch Kriegsschiffe gefertigt werden. Iryna, eine Couchsurferin, holt mich am Busbahnhof ab. Sie wohnt noch bei ihren Eltern und hat gerade einen Antrag zur Gründung einer Jugend-NGO eingereicht, die erste in Mykolaev. Unter anderem erteilt sie einer kleinen Gruppe von Amerikanern Vertiefungsunterricht in Russisch, wir treffen sie in einem Café neben dem neu erbauten Einkaufszentrum am Prospekt Lenina, dem Riesenboulevard, der durch die halbe Stadt führt.

Dort lerne ich Mandy aus New York kennen, die im Rahmen des Peace Corps der USA Englisch-Unterricht erteilt und mich am nächsten Tag in ihre Lektionen am philologischen Institut der Universität von Mykolaev mitnehmen wird. Englisch studieren vorwiegend Frauen, da die Männer handwerklichen Berufen nachgehen oder eine Ingenieurs-Ausbildung geniessen. So kommt es, dass ich mich in Klassen voller gutaussehener junger Frauen wiederfinde, denen ich etwas über meine Reisen oder mein Leben in Westeuropa erzählen soll. Nicht wenige von ihnen sind schon im Ausland gewesen, sogar in Amerika, was aufgrund der restriktiven Ausreisebedingungen der Ukraine ein nicht zu unterschätzender Aufwand ist. In ihrem zögerlichen, mit wunderschönen ukrainischen Untertöten garniertem Englisch, teils in breitem New-Jersey-Akzent erzählen sie mir von ihren Erlebnissen von anderswo und von den Mängeln ihres Landes und ihren Wünschen für die Zukunft.

Jan 18, 2009

Fast Frankfurt XIII

Als ich das Meer erreiche, bricht die Dämmerung herein. Ich lege meinen Rucksack ab, ziehe Hose und Schuhe aus und stakse über den dreckigen Strand zur Wasserlinie. Das Schwarze Meer ist kalt, und dreckig, und erstreckt sich vor mir bis an den Horizont, wo es farblich, nur durch eine dünne, dunkle Linie, in den grauen Himmel übergeht. Für einen Moment bin ich vollkommen alleine. Die Einsamkeit schwimmt irgendwo vor mir, unter Wasser, als unklares und gespenstisches Etwas, das mich weiter in Richtung Horizont lockt. Ich gehe weiter, das Wasser reicht mir bis zum Schritt. Die Einsamkeit umfliesst meine Beine, lässt mich schaudern, ich verschränke die Arme, lasse den Kopf hängen, schliesse die Augen. In der Dunkelheit hinter den Augen erscheinen Nachbilder des Abteils im Nachtzug, des teppichbelegten Korridors, der jungen Frau im Bett nebenan. Schlief ich, hatte ich geschlafen? Das innere Auge öffnet sich zur trüben Wasseroberfläche, auf der ich mein Spiegelbild erkenne, ich erkenne die Fremde, die jetzt in mir wohnt, die mich im Zug alleine gelassen hat, mich aber hier, am Morgen in dieser noch schlafenden Stadt, am Strand, wieder abgeholt hat.

Ich laufe am Ufer entlang, am Industriehafen vorbei und die 192 Stufen der potemkinschen Treppe empor. In der Innenstadt von Odessa finde ich einen modernen Supermarkt, in dem ich mir Vorräte zulege und Arzneien kaufe. Ich will mich gerade auf die Suche nach dem Buchladen machen, wo es englische Bücher zu kaufen gibt, als mich die Couchsurfing-Connection anruft, die ich drei Tage vorher organisiert habe. Für einen Tag und eine Nacht kann ich in einem luxuriösen Penthouse unterkommen und die erste warme Dusche nehmen seit Mannheim, in einer riesengrossen, alten Soviet-Badewanne.

Jan 12, 2009

Fast Frankfurt XII

Es existieren zigtausend weitere Sagen und Mythen von, über und durch Tschernobyl. Ich habe mir viel Zeit genommen, nach ihnen zu suchen. Es gibt die Erzählung vom Kurzschluss der Maschinen, vom Ende des Elektrischen. So wurde zum Beispiel während der Aufräumarbeiten kurz nach dem Unfall ein deutscher Roboter eingesetzt, der die radioaktiven Trümmer auf dem Dach von Block IV in das Loch schieben sollte, das die Explosion in das Gebäude gerissen hatte. Die Strahlung liess seine Schaltkreise durchschmoren und der Roboter fuhr vom Dach. Radioaktive Trümmer wurden bis weit in die Umgebung geschleudert, wo sie erstmal liegenblieben. Strahlung erzeugt Wärme, weswegen die Umgebung der Stücke für Tiere einen bevorzugten Schlafplatz darstellte. Die Strahlenkrankheit selber, die Auswirkungen und Symptome, waren damals wenig erforscht. Der menschliche Körper wird ganz unterschiedlich geschädigt durch Strahlung, je länger und intensiver, desto schlimmer. Strahlung führt oft zu Verbrennungen der Haut, schädigt innere Organe und kann Krebs und Tumoren erzeugen. Die Feuerwehrmänner, die als erste am Ort der Katastrophe ankamen und das Feuer bekämpfen wollten, wurden schon bald wegen ihres schlechten Zustands in ein Krankenhaus gebracht und später in eine radiologische Klinik in Moskau transferiert. Innert sieben Tagen waren alle von ihnen tot. Sie wurden in versiegelten Zinkkassetten beerdigt, unter Betonplatten.

Von der Strahlung spüren wir nichts. Es regnet, und der Regen wäscht die Luft, hält sie frei von strahlenden Staubpartikeln, die wir einatmen könnten. Dort, im Innern des Körpers, würde die Strahlung ernste Schäden anrichten. Selbst in der Nähe des Reaktors ist die Radioaktivität auf sehr niedrige Werte gesunken, anders sieht es aus in den Wäldern und Feldern, die die Strassen säumen, welche durch die Zone führen. In Prypiat, der Stadt, die ehemals für die Arbeiter des Kraftwerkkomplexes gebaut wurde, gibt es ebenfalls noch Stellen, an denen das Dosimeter höhere Werte anzeigt. Prypiat ist eine Zeitkapsel. Vieles ist hier unverändert, seit die Stadt Ende April 1986 von den 50'000 Bewohnern fluchtartig verlassen wurde. Man findet einige arrangierte Artifakte, wie etwa die Kinderpuppen neben einem Haufen Gasmasken, oder Wandzeichnungen in den Gebäuden. Die Stadt ist von der Natur geradezu überwuchert. Selbst auf dem Balkon des zehnstöckigen Hotels wächst ein Bäumchen aus dem Moos, das den Fliesenboden bedeckt. Wir kommen nur ganz kurz hierher. Es ist früher Nachmittag, als wir wieder in den Transporter steigen und aus der Zone herausfahren. Die Landschaft normalisiert sich wieder, im Geiste zumindest, denn einen sichtbaren Unterschied gibt es nicht zwischen der Wildnis der Zone und den Wäldern kurz vor Kiev.
Ich bin noch in Gedanken versunken, als mein Nachtzug ausgerufen wird, der mich nach Odessa bringt. Ich starre lange meine Wanderschuhe und meine Jeans an, die mir jetzt fremd vorkommen, verunreinigt. Sie waren in der Zone, sind staubig und die Schuhe mit Schlamm verschmutzt. Ich fahre zweiter Klasse, das sind bequeme Vierer-Liegeabteile, ich bin allein bis auf eine junge Frau aus Odessa, die in Kiew ihre Tanten besucht hat. Ich nehme die Landschaft nicht wahr, es gibt nichts draussen zu sehen. Ich habe noch immer den Reaktor vor meinem Auge, wie er in der Landschaft steht, eingezäunt in kleine Betonmauern, gestützt von gelben Krangerüsten und den Stahlbetonbögen des Sarkophags. Der Reaktor summte – es war ein hohes Geräusch in der Nähe zu hören, es schien, als vibriere er.

Bilder aus der verlassenen Stadt Prypiat:



Dec 21, 2008

Fast Frankfurt XI

Eine beklemmend historische, religiöse Analogie zum GAU von Tschernobyl, die auch von «kid of speed» kultiviert wurde, ist jene des Wermutstrauches aus dem Buch der Offenbarung. Es ist ein biblisches Monument, eine Interpretation, die in ihrer vermeintlichen Treffgenauigkeit von den das Apokalyptische liebenden Russen natürlich sofort annektiert wurde. In der Bibel steht:

«Und der dritte Engel blies seine Posaune; da fiel ein grosser Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Ströme und Quellen. Und der Name des Sterns ist Wermut. Und der dritte Teil des Wassers wurde bitter, und viele Menschen starben von dem Wasser, weil es so bitter geworden war.»
(Offenbarung 8:10, 11)

Ob das aus dem russischen Kyrillisch transkribierte «Tschernobylik» nur die Pflanze Beifuss beschreibt, oder auch die Pflanzenart Wermut mit einschliesst, die zur selben Gattung gehört, darüber lässt sich streiten. Zumindest wächst Wermut in der Gegend um Tschernobyl (Transkription aus dem Ukrainischen eigentlich «Tschornobyl»). Und die Bitternis der Katastrophe lässt sich auf jeden Fall vortrefflich mit dem Geschmack der Pflanze vergleichen. Und natürlich ist die Reaktorexplosion, die promethische Fackel, die als Symbol in der realen Umgebung der Anlage mehrfach auftaucht, ein gutes Sinnbild für den brennenden Stern, der vom Himmel auf die Erde fiel. Die Opfer sind da, in der späteren Ukraine, Weissrussland, dem Baltikum, Westeuropa. Das verseuchte Grundwasser im südlichen Drittel des Landes ist da. Es ist alles da, was in irgendeiner Weise auf die Offenbarung zutrifft, und natürlich sind die Gläubigen da, die Schwarzseher und Schwarzmaler. Es passt zum Poetischen dieser Katastrophe, deren Ausmass so gigantisch ist und so ungekannt, dass es eigentlich nur auf poetische Weise erschlossen werden kann, denn prosaische, faktische Mechanismen funktionieren hier nicht mehr.
Prometheus, wie er keine 200 Meter vom zerstörten Reaktorblock IV entfernt steht. Ursprünglich als Mahnmal für die friedliche Nutzung der Atomenergie aufgestellt, während die Anlage noch im Betrieb war.

Dec 20, 2008

Fast Frankfurt X

Als ich auf dem Weg in die Ukraine Mitte September im ICE nach Frankfurt hineinrollte, als ich die Hochhäuser und die spiegelnden Fassaden der Bankentürme sah, die mächtigen Hallen des Hauptbahnhofs im neoklassizistischen Stil, auf denen die Figuren von Atlas, Dampf und Elektrizität spielen, da war mein Bild von einer Stadt vervollständigt. An dieses Bild musste ich denken, als ich im Transporter an den Kontrollposten vorbei in die Stadt Tschernobyl fuhr, die so etwas wie die Antithese zu diesem Bild darstellt. Die Häuser marode und grösstenteils ungenutzt, verlottert und von der sie umgebenden Natur nach und nach erobert. Die Strassen breite Flächen von Altasphalt, ohne Markierungen und an den Rändern befallen vom Graswuchs. Wasserleitungen verlaufen oberirdisch wie die Arterien der Zivilisation, sie schlagen Tore über die Strassen, wechseln spielerisch die Richtung, finden zusammen und verschwinden in den Hüllen der Gebäude. Ausserhalb der Stadt ist die Strasse oftmals in die Erde eingesunken, es scheint, als ob sie langsam untergeht und verschluckt wird. Es ist, wie wir erfahren, wegen den Aufschüttungen so, weil in grossen Teilen der Zone die oberen Bodenschichten abgetragen wurden und Dörfer oder Anlagen nach der Einebnung unter einem Meter Erde von anderswo begraben wurden. Vorbei an diesen Hügelgräbern, auf denen verwitterte Radioaktivitätswarnschilder stehen, fahren wir durch die sich bis zum Horizont erstreckende Einöde, es regnet natürlich immer noch, die Scheibenwischer erzeugen kurze Fenster, die auf die vor uns liegende Strecke gehen. Inmitten der Leere stehen Ruinen wie Pilze, die einsam wachsen. Eine gigantische Umspannstation. Eine Wasseraufbereitungsanlage, die komplett mit Zement verschalt wurde, die Schutzschicht wirkt wie ein eckiges Kleidchen. Das riesige Wasserreservoir, das sich der Strasse entlang in breiten Kanälen erstreckt, ist wie eine künstliche Auenlandschaft. Die Kanäle sind ein Aquarium mit amputierter Nahrungskette, die Flusswelse darin stehen auf ihr ganz oben und wachsen bis auf zwei Meter Länge heran. In der Ferne sehen wir die Silhouetten der Kühltürme und der unfertigen Reaktorbauten. Sie sind nur bis zur Hälfte fertiggestellt. An den oberen Rändern ragen die Stahlträger und Baukräne wie Stofffransen in den Himmel. Wir sehen von weitem auch schon den eigentlichen Reaktor, wegen dem wir alle hier sind, wegen dem alle kommen, Wissenschaftler, Mystiker, Künstler, Touristen; allesamt Nihilisten. Und alle hinterlassen etwas, hinterlassen Geschichten, Mythen, Bilder, um die Zone um ihren eigenen, persönlichen, manchmal manischen Surrealismus zu bereichern. Wir erinnern uns an die Internet-Sage von «kid of speed», einer Frau, die im Internet Fotos aus der Zone veröffentlichte und vorgab, mit ihrem Motorrad und dem Passierschein ihres Vaters alleine durch die Zone zu brettern. Es war natürlich gelogen, sie war lediglich als Teil einer Besuchergruppe dort gewesen und hatte die Aufnahmen abseits des Busses gemacht und mit einigen interessanten Fakten von Wikipedia angereichert.



Dec 8, 2008

Fast Frankfurt IX

In der Botschaft findet ein Treffen statt zwischen der Politikfabrik-Gruppe und Vertretern von Politik und Medien der Ukraine, sowie zwei Studentinnen der Universität. Danach gibt es Buffett, mein Abendessen, auf das ich an diesem Tag sehr lange gewartet habe. Im Gespräch mit einem Abteilungsleiter eines ukrainischen Fernsehsenders, mit der Leiterin einer ukrainischen NGO, im Blickkontakt mit den Politikfabrik-Leuten, die mir in dieser kurzen Zeit schon so vertraut geworden sind, auf diese Weise bin ich für einige Stunden aus Kiev ausgeschlossen, der Regen und die Fremde sind mir nicht bis in die Botschaft gefolgt. Sie warten draussen, in den Strassen, und werden mich später wieder in Empfang nehmen. Aber als sich einer der Organisatoren der Politikfabrik an den Flügel im Atrium der Botschaft setzt und losklimpert, als das ukrainische Bier zu wirken beginnt, als Gruppenfotos gemacht werden und der Anlass langsam zu seinem Ende kommt, da habe ich die Stadt, das Vorhaben, die Einsamkeit des Reisen vergessen und werde von der Gruppe mit in ihr zentral gelegenes Apartment genommen.
Später, nach einigem Vodka, guten Erzählungen und einem eigenartigen Heimatgefühl stehen wir auf der Strasse, «Team Nord» und ich. Es stellt sich raus, dass wir doch nicht im selben Hostel übernachten, also mache ich mich auf, in die Dunkelheit, doch schon vor dem Hyatt lenke ich ein, lasse ab von der Fremde und steige in die teure Vertrautheit eines Taxis, das mich zum Hostel bringt. Der Regen ist wieder da, er plätschert vor dem Zimmerfenster auf die Wellblechdächer im Innenhof, er bringt Schlaf mit sich und Träume, die ebenso tropfenhaft durch die Nacht fallen, ihren Weg verlassen und in das Labyrinth der Stadt sinken, durch das ich mich kämpfen werde die nächsten Tage. Keine Karte von Kiev sieht aus wie die andere, mit ihnen ist es wie mit den Uhren auf den Strassen und in den Geschäften, die stets eine unterschiedliche Zeit anzeigen. Raum und Zeit, die beiden Realitätsachsen verbiegen sich hier. Die Tage, in denen ich die Stadt kennenlerne, Leute treffe, Telefongespräche führe, Museen besichtige und Metro fahre, sie ziehen sich in die Länge, überschneiden und wiederholen sich. Die Orte ähneln einander, die Gebäude wechseln die Strassenseite, Norden ist mehrmals woanders, nur der Dnjepr ist stets derselbe, breit und ruhig fliesst er am Rande der Stadt, gesäumt von Stränden und Vergnügungsbuden, die alle bereits ihren langen Winterschlaf angetreten haben.
Die letzte Nacht, die ich in Kiev verbringe, ist klar und regenlos. Ich quartiere mich kurzerhand bei der Couchsurferin aus und in einem zentral gelegeneren Hostel wieder ein. Ich gehe erneut in das Apartment der Politikfabrik, wir gehen in einen der vermutlich teuersten und groteskesten Clubs der Stadt, direkt neben der japanischen Botschaft. Hier gibt es sie noch, die Westler im Anzug mit Zigarre, die Vodka aus der Flasche trinken, die ukrainischen Schönheiten mit ihren tartarischen Gesichtszügen, hohen Wangenknochen und filigranen Schulterblättern. Um den Maydan, den Platz der Unabhängigkeit, sieht man mehr Porsche Cayennes als in Stuttgarts Innenstadt. Auf dem Weg zurück finden wir eine Patronenhülse auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Regierungsgebäude.
Der Schlaf in dieser Nacht lässt auf sich warten. Ich liege halbnackt neben dem offenen Fenster. In den zwei Stunden, bis der Bus nach Tschernobyl fährt, gesellt sich irgendwann ein Laken hinzu, eine Bettdecke, ein Kissen.

Dec 2, 2008

Fast Frankfurt VIII

«Ein einfaches Gedicht, einfache Reime. Jakub Kolas hatte es 1906 geschrieben, einer der weissrussischen Dichter, deren Statuen in den Minsker Stadtparks standen.

Unser armes Vaterland,
lauter Wälder, Sumpf und Sand.
Dort ist eine kleine Lichtung,
dichter Fichtenwald am Rand.


Kolas hatte das Land in seinem vorrevolutionären Halbschlaf gemeint, aber was hiess das schon, es war immer noch so.»
-Büscher

Kiev weckte mich mit dem blassen Schimmer des Dunstes, der durch die hohen Fenster schien, es war halb zwölf, ich war schweissgebadet, drehte mich auf die andere Seite in diesem Bett, das so fremd schien um diese Uhrzeit, mir aber für die letzten zwölf Stunden wie die letzte Ruhestätte vorgekommen war. Auf dem Gang blickten mich russisch aussehende Mädchen verdutzt an. Das Wasser der Dusche war kalt, sehr kalt, ich wollte nicht warten bis wärmeres kam. Mit einem Rucksack wie meinem kommt man nirgends ungesehen vorbei, ich fürchtete die Rezeptionsfrau und dass ich Aufschlag zahlen müsste, weil ich vermutlich die Check-Out-Zeit verschlafen hatte. Ein solches System war hier aber noch nicht etabliert, ich gelang ungeschoren auf die Strasse, wandte mich nach rechts und stand auf der Kreshatyk. Links von mir lehnte sich ein marmorbrauner Lenin gegen den Wind des Verkehrs, gegen eine gigantische Markthalle – und gegen den Regen. Der Regen hatte nicht aufgehört, er war stärker geworden, und er sollte die nächsten Tage andauern. Ich hatte beschlossen, noch eine Nacht in der Innenstadt zu bleiben und erst dann die Schlafgelegenheit bei Andrii in Anspruch zu nehmen, einem Couchsurfer, der einige Metrohaltestellen entfernt wohnte. Das Hostel, das ich aufsuchte, war eines der drei oder vier, die es in ganz Kiev gab. In einer alten sowjetischen Wohnung eingerichtet ähnelte die «Jugendherberge» einer brackigen WG, deren Zimmer zu Massenschlägen umfunktioniert waren. Es regnete. Der Regen tropfte von den Wellblechdächern in die grossen Pfützen des Innenhofs, auf nassen Teer, Schlaglöcher, Autos. Ich spannte etwas Schnur durch das Zimmer, in dem ich ein Bett ergattert hatte und das jetzt verlassen war, hängte meine nassen Kleider auf und fuhr zurück zur Kreshatyk. Der breite Boulevard, im sowjetischen Volksmund vermutlich «Prospekt» genannt, war ein Architekturmuseum im stalinistischen Stil. Grosse, erhabene Gebäude erstreckten sich zu beiden Seiten, allesamt Neubauten. Ich folgte dem Strassenverlauf in der Richtung, wie sie auch von den Panzern der roten Armee eingeschlagen worden war, damals, nach dem Ende des grossen Krieges. Die Deutschen hatten die Hauptstrasse und die angrenzenden Gebäude komplett vermint hinterlassen und wenig war von den alten Bauten übriggeblieben. Die Fremde war da, um mich herum, mit tausenden Gesichtern, sie schwatzte auf mich ein in hundert Sprachen, wollte mich hier und dorthin führen, aber gab mir nichts zu essen. Sie trieb mich an den russischen Kantinen vorbei, in denen in einem romantisch-ländlichen Ambiente russische Schnellküche serviert wurde. Ich ass nichts, kaufte nur in einem Supermarkt eine Flasche Wasser. Dann ging ich in eine der Kaufhallen, die unterirdisch um die Metrostationen herum gewachsen waren. Hier kaufte ich ein Paar spitz zulaufende Kunstlederschuhe mit eingearbeitetem Wildlederimitat, eine Art, wie es in der Ukraine Mode gewesen war, oder noch immer ist. Mit diesen dünn besohlten Schühchen stiefelte ich in Richtung des Regierungsviertels in der Nähe der Universität, wo ich mir an einem Stand zwei Bananen kaufte, die Kapuze abstreifte und zur deutschen Botschaft ging.

Nov 20, 2008

Fast Frankfurt VII

Reiseaufzeichnungen, Woche 3
Eine regennasse Nacht empfängt mich in Kiev. Der Rucksack ist ungewohnt nach einem ganzen Tag im Zug. In der Eingangshalle des Bahnhofs erwarten sie mich, die Fahrgast-Fänger der Taxileute. Ich entscheide mich für eine ernst aussehende Frau, die ein wenig Englisch kann. Ihr Preis ist ambitioniert, es ist der Touristenpreis, den man beim ersten Besuch immer zu hören bekommt. Ich hatte mir die Ukraine als ein billiges Land vorgestellt, und tatsächlich waren einige Dinge billig, aber gerade in den letzten zwei Jahren hatte es eine enorme Teuerung gegeben, und durch die flexible Preishandhabung bekommt man das als Fremder besonders zu spüren. Und fremd fühlte ich mich hier – in den harten Sitzen eines Ladas, dessen Fensterscheiben schlierenartige Kaleidoskope waren, die Lichter des Verkehrs, der Geschäfte, der Ampeln und die dunklen Schemen der Passanten wurden zerstückelt und zu einer unwirtlichen Welt neu zusammengesetzt. Ich hatte erwartet, von dem Geld, das ich der Taxifrau gab, auch das Hotel bezahlen zu können, damit lag ich weit daneben. Die Frau an der Rezeption sprach etwas Deutsch und gab mir ein Doppelzimmer, für eine Nacht, zu einem Preis, den man eher in London oder Paris erwartet hätte. Vorhin, an einem der zahlreichen Stände im Bahnhofsgebäude, hatte ich etwas Essbares und zwei Flaschen Bier gekauft, die ukrainische Sorte. Mit diesem letzten Mahl kauerte ich mich nun in die vollen Decken im riesigen Bett des Hotels, der Raum war zugig, hatte aber enorm hohe Decken, eine Spielart der Sowjet-Architektur, die ich hier noch öfters zu Gesicht bekommen sollte. Und in diesem sich endlos nach oben erstreckenden Raum, beleuchtet nur von einer Nachtischlampe mit altmodischem Stoffschirm, begleitet von den Geräuschen des Nachtverkehrs auf der Kreshatyk, durch den ab und zu die dumpf knarrenden Warnsignale der Polizeiautos schnitten, in diesem eigenartigen Territorium glitt ich langsam hinüber in den Schlaf, in einen tiefen, traumreichen Schlaf, der fast bis zum nächsten Mittag andauern sollte. Die Fremde hatte mich wieder und behielt mich bei sich, drehte mich im Bett um eine Zeitzone weiter, zerrte die dem Körper hinterherreisende Seele durch die Landschaften der Kornkammer, durch Wälder und Steppe, Steppe und Wälder und durch kleine Dörfer mit nichtssagenden Bahnhöfen und kyrillischen Anzeigetafeln. All das eine weite, unbekannte Fremde, die nicht zu entziffern war, die in ihrer Geschäftigkeit vor der Ruhe eines Reisenden keinen Respekt hat. Und durch dieses Niemandsland schliesslich hinein in den Strudel von Kiev, in den Strudel der Menschenmengen und Staus. Mit diesem letzten, überwältigenden Drall der Gedanken schlief ich ein und träumte von überindustrialisierten Städten mit Flüssen, die sich in eine tiefe Kluft gefressen haben, und mit entfremdeten Tieren.

Nov 15, 2008

Fast Frankfurt VI

Reiseaufzeichnungen, Woche 3
Nachmittags kommen wir an die polnisch-ukrainische Grenze. Die Grenzer sind strenge Männer mit Tarnanzügen und Hunden. Ein älterer Mann hat wohl keinen gültigen Reisepass dabei, wir sehen von den Fenstern im Gang aus, wie er den Zug verlässt, die Grenzer tragen ihm seine Sachen hinterher. Bei ihrem Auto gibt es noch eine längere Diskussion und Telefongespräche, dann steigen sie ein und auch wir setzen uns wieder in Bewegung, fahren in eine grosse Halle, in der der Zug Waggon für Waggon umgehoben wird. In Russland und den GUS-Staaten Ukraine und Weissrussland sowie im Baltikum fahren die Züge auf einer breiteren Spur als in Westeuropa. Die Intention des Zarentums, auf diese Weise eine wirkungsvolle Verteidigungsmassnahme zu erhalten, würde sich später als Hindernis im Warenverkehr herausstellen. Die neuen Umhebe-Systeme erledigen den Vorgang in wenigen Stunden, früher dauerte es halbe Tage. Wir müssen im Zug bleiben und beobachten von den Türen der getrennten Waggons aus die Arbeit, füttern einen Hund, versuchen, auf die grimmigen Gesichter der Bahnarbeiter ein Lächeln zu zaubern. Mit den breiteren Radachsen verläuft die Fahrt ruhiger, angenehmer. Bis Kiev sind es noch sieben Stunden. An einem Bahnhof halten wir länger und alte Frauen mit Einkaufstüten voller Teigtaschen, Khefir, Bier, frischen Fischen und Zigaretten drängen sich durch die Gänge der Waggons. Die Landschaft zieht vorüber, der Zug ist wie eine Zeitkapsel, ein Gefängnis zwischen Abfahren und Ankommen, aber auch eine Denkpause zwischen Studium, Arbeit, Leben in Deutschland. Was kommen wird, was kommen mag, in Kiev, Berlin, und wieder zurück in Mannheim. Ich bin zum Glück eingesperrt in der Unfähigkeit, noch etwas ändern zu können, die nächsten Schritte sind arrangiert, das Finanzpolster ist da, und das Beste gibt es ohnehin kostenlos. So lerne ich noch mehr von den Mitgliedern der Politikfabrik, deren Organisationsteam von fünf Personen sich in Kiev in eine Wohnung einmietet. Die vier anderen Teams – eins für jede Himmelsrichtung – müssen vorbereitete Aufgaben erfüllen in den verschiedensten Orten des Landes, Donetsk, Liev, Odessa, Simferopol. Die Tagesberichte werden mit Bildern und Videos garniert und direkt von ihren Smartphones auf die Blog-Seiten im Internet geladen, das Internetpublikum stimmt ab, wer wohin muss, und was es zu erledigen gibt. Diese einzigartige Art der Aufklärung bringt mich zu der Frage, welche Aufgaben ich denn habe, und wo ich hinwill. Erstmal in Kiev bleiben, erstmal ankommen, landen, einschlafen. Und so schlage ich um halb zwölf nachts, als wir in den Sackbahnhof einrollen, nicht die Einladung für den nächsten Tag aus, setze mich dann aber ins Taxi und nehme ein Zimmer in einem einfachen Hotel nahe dem Hauptboulevard Kreshatyk.

Nov 12, 2008

Die dritte Dosis

A, B, C.
Wer es schafft, bis P zu buchstabieren, der kann dort aufhören, denn den Rest übernimmt PROSUMER, wir sagen unseren Dank. Er diktiert uns das ABC der Elektronik, lehrt uns zu laufen, sozusagen, auf eine tech-housige Weise, in dieser einstündigen Aufnahme vom letzten Jahr. Alles unter dieser Nummer (Popups zulassen). Die anderen drei Dosen, Assoziationen zu Tschernobyl:
A) Büscher, 2003: «Die Zone. Seine Laune hob sich, er begann Witze zu reissen und lachte mich aus, dass ich hierher wollte. In ein paar Jahren würde der ganze Horror in ein grosses esoterisches Spektakel und "Business" umkippen, und aus dem Westen, dem verrückten, ewig nach neuen Kicks suchenden Westen, würden massenhaft Leute anreisen, um sich dem Kraftfeld des Reaktors auszusetzen.
"Die Potenz! Denk nur an die Potenz, lauter alte Männer werden kommen und am Ufer des Dnjepr sitzen, weisst du, wie früher in den weissen Liegestühlen auf den weissen Terrassen der Lungenheilanstalten." Er liess das Steuer los, riss die Arme hoch und schrie: "Energie! Diese klasse Energie, spürst du sie? Spürst du - ihn? Alle wollen ihn sehen." Er kurbelte das Seitenfenster herunter und zeigte irgendwohin. "Reaktor! Reaktor! Guter Gott, ich habe den Reaktor gesehen!"»

B) Kracht, 2005: «Wer Tschernobyl betritt, betritt die Bibel. Die Fackel, welche als metallenes Symbol die Besucher der Arbeiterstadt vor den Toren des Reaktors begrüsst, ist der Schweif des grossen Sterns aus der Offenbarung des Johannes, der vom Himmel fiel. Der Unfall geschah, wie ein Unfall geschehen muss in der Moderne: als fehlgeschlagener Test für den Ernstfall. Man wollte wissen, was passiert, wenn die entscheidenden Kühlsicherungen ausfallen, und hatte vergessen, das zu testende Rettungssystem zu aktivieren. Der anzutretende Beweis führte zum grössten anzunehmenden Unfall, zur Katastrophe, Armageddon, Jehennum. Unter den wachsamen Augen der Prüfer versagte das von ihnen entwickelte System, weil es ausgerechnet zu der Überhitzung kam, die man vermeiden wollte. Das Höllenfeuer setzte immense Massen Radioaktivität frei, die von den stark wehenden Aprilwinden in drei verschiedene Richtungen getragen wurde. Zunächst nach Westen, in die Ukraine, dann nordostwärts weit bis nach Weissrussland hinein, und nach Russland. Nicht nach Süden, wo die Hauptstadt Kiew liegt. Die unsichtbaren Todeswolken wehten unerkannt, weil niemand wusste, was geschehen war. Der Reaktor 4 musste mit einem Stahlmantel, dem Sarkophagus, umbaut werden und ist heute als Mini-Modell im Demonstrationsbüro gleich neben dem echten Reaktor zu sehen, durch die verkohlten Reste im Innern kriechen winzige schockgefrorene Rettungsarbeiter aus Plastik.»

C) myself, 2008: «Dann sehen wir den stählernen Sarg, der das zerstörte Reaktorgebäude von Block 4 abschirmt. Darin, wie ein Embryo im Mutterleib, glühen 180 Tonnen radioaktiver Überreste der atomaren Katastrophe vor sich hin. Draussen spüren wir nichts. Ukrainischer Herbstregen wäscht die Luft, hält sie frei von strahlenden Schwebeteilchen, die wir einatmen könnten. Erst im Innern des Körpers würde der Staub von Tschernobyl echten Schaden anrichten – nach Innen aber gelangt die Katastrophe nicht, sie muss auf ewig abgeschlossen in ihrer Zone bleiben, das Ausmass, der Charakter, er kann nie verstanden, verinnerlicht werden.»

Nov 7, 2008

Wir nannten es Arbeit VIII

Kontext:
Auf der Fahrt durchs Werksgelände, wenn ich an der GuD I-Anlage vorbeifahre, wo auf der der Strasse zugewandten Seite hinter Gittern die grossen ABB-Transformatoren vor sich hinbrummen, deren Sound mich an die ersten Bassakkorde aus «Thriller» erinnert.

Ein rostiges Dach, das einen zusammengeschusterten Eindruck macht. Ein Kamin, der von einem Stahlgerüst umgeben ist. Ein Gebäude, dessen Ausmasse etwas Bulliges an sich haben, Kantiges, Unwirkliches. Erinnerungen an Tschernobyl, den Reaktor. Ludwigshafen erscheint plötzlich als Prypiat, als Arbeiterstadt neben dem Unglücksort, das Unwesen des Fabrikgebäudes als der Sarkophag von Tschernobyl. Wie lange, bis sich die Katastrophe hierher verschiebt? William Gibson beschrieb einen Charakter in einem seiner Bücher als «das Produkt der Schuttwelle, die den Kern des radioaktiven alten Bonn umschliesst», und Bonn ist keine zwei Autostunden entfernt.

Meine Kette klackert zu sehr, sie sitzt etwas lose, vielleicht ein Glied zuviel drin. Ich werde das Rad am Montag zu der Werkstatt nahe Tor 11 bringen müssen. Keine fünf Minuten, nachdem ich das gedacht habe, sind meine Finger, meine Feinmechanik, mit «Sprühöl 88» vollgesaut, dem hochwertigen Feinmechaniköl mit Additiven für bessere Hochdruckbelastung, Korrosionsschutz und Alterungsbeständigkeit für zuverlässige Schmierung der Feinmechanik, das ich noch am Tag zuvor appliziert habe. Ein Glück, so ging die Arbeit viel leichter.

Nov 4, 2008

Fast Frankfurt V

Reiseaufzeichnungen, Woche 3
Die Reisegruppe stellt sich heraus als NGO auf Betriebsausflug. «Politikfabrik» aus Berlin erkundet mit Sponsorenverträgen in der Tasche und unter der Schirmherrschaft des Auswärtigen Amts das Land, das mit einem Fuss schon auf dem Weg zur EU und NATO ist. Weiter allerdings nicht, denn noch immer beherrscht russlandnahe Politik und Lobbytum die Ukraine, die früher die Kornkammer der Sowjetunion war. In der Staatsbahn gibt es nichts zu essen, ich habe auch nichts eingesteckt ausser einer Literflasche Mineralwasser. Die Mitglieder der Politikfabrik aber füttern mich mit Informationen und Essen. Das Dreierabteil des Nachtzug-Express teile ich mit Alexej, einem Ukrainer, der Nabokov liest und in Mecklemburg-Vorpommern eine Postdoc-Stelle innehat. Auch von ihm gibt’s Essen – seine Taschen sind gefüllt mit Köstlichkeiten, die ihm seine Frau zubereitet hat. So gerät die Fahrt anstatt zum Fastentrip zur Gourmet-Kutsche. Warschau passieren wir nachts, unser Abteil ist jetzt voll. Die Schaffner sind smarte, gutgekleidete Herren, auf ukrainisch «provodnik», denen Alexej sofort Schmuggel unterstellt. Über gebratenem, mariniertem Putenfleisch, gekochten, ungeschälten Kartoffeln, Paprika und Mohrrüben, Kuchen und Brot erklärt er mir die Jetztzeit des jungen Staates aus seiner Sicht, die ziemlich pessimistisch ist. Die Fenster-Landschaft des nächsten Tages ist nicht pessimistisch, sondern einfach neutral. Steppe, Wälder, vereinzelte Häuser und Siedlungen. Noch sind wir in Polen. Die Nacht ist angenehm in Zügen wie diesen; alten, breiten Metallmonstern mit irrsinnig hohen Einstiegen. Es sind einfache Pritschen, auf die allerdings gut gepolsterte Matrazen ausgerollt werden, es gibt eine Wolldecke, Kissen und weisse Bezüge. In der Erwartung von Buchläden mit einer englischen Abteilung beschränkt sich mein Lesestoff auf einige Zeitungen und den «lonely planet». Der geringe Umfang dieses Reiseführers spricht Bände über den Tourismus in der Ukraine. Der Reiseführer listet all die wenigen Dinge auf, die es zu besichtigen gibt, räumt aber im selben Atemzug ein, dass es beinahe unmöglich ist, es auch wirklich zu tun. So etwa das Museum, das in einem ehemaligen Kontinentalraketensilo der Sowjetunion eingerichtet wurde: «It’s a fascinating museum, but there are no english guides and getting here is a considerable hassle unless you’re driving from Kyiv to Odessa.» Fahren steht hier für Autofahren, was für ungeübte Lenker ein Abenteuer für sich ist.

Oct 25, 2008

Fast Frankfurt IV

Reiseaufzeichnungen, Woche 2
Ankommen. Abfahren. Nie ankommen, nie abfahren. Immer mit der Reisetasche in der Hand, ein wechselndes Sortiment von wichtigsten Habseligkeiten auf sich führend, in einer neuen Stadt, mit anderen Strassen, Namen, Geschäften. WG-Besichtigungen, Pläne für die Zukunft, sich schon wieder mit dem Wohnen beschäftigen, obwohl doch gerade erst der Überwurf der sicheren Wohnung abgestreift wurde. Küche, Bad, Balkon. Fenster zum Innenhof, oder zur Strasse, oder aufs Nebenhaus, oder Blick auf die Schienen. Kirche in der Nähe, nerviges Getöne am Sonntagmorgen? Wie weit zur Brücke, zur BASF? Waschmaschine, Wandschränke, Stuck? Die Koordinatensysteme des Lebens werden wieder neu ausgerollt. Die Beschreibung der Örtlichkeiten, mit Einkaufsmöglichkeiten, Friseur usw. erinnert mich an Thailand, wo in jedem grösseren Stranddorf die Seven-Eleven Supermärkte als Orientierungshilfen dienten, da es sowas wie Adressen in unser damaligen Welt nicht gab. Grundlage jeglichen Prekariats sind in Mannheim: Lidl, Aldi, oder eben Plus oder Norma, wenns nicht anders geht. Tengelmann, von vielen liebevoll «begehbarer Kühlschrank» genannt, unverzichtbar für Alkoholika. Metzgereien, Bäckereien, Büchereien...mit jeder Erwähnung zieht ein neues Leben vor meinen Augen vorbei, ein gutbürgerliches, mit Bäckereibesuchen, Stofftüten, Fahrradkorb. Ich beantworte Fragen, ziehe Wohnungstüren hinter mir zu, dritter Stock, vierter Stock, Erdgeschoss. Alles nur Maskerade! Die Gutbürgerlichkeit fällt von mir ab, ich bin doch nur Tourist. Ich gehe zurück in die J6, packe den Rucksack, ein letztes Sandwich am Bahnhof, dann der ICE nach Berlin, wo ich abgeholt werde und wo uns die vertraute S-Bahn durch die Nacht nach Lichtenberg fährt, wo der D345 wartet, Destination Kiev Pass. Vor mir eine lärmende Reisegruppe. Wir trennen uns. Einsteigen, hinsetzen, und plötzliche Ruhe, gepaart mit freudiger Erwartung. Der Zug ruckt an, die Reisenden in den anderen Abteilen, die noch stehen, rufen erstaunt aus. Wir lassen die Lichter hinter uns und fahren in die Dunkelheit, dorthin, wo die polnische Grenze steht.