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Apr 13, 2010

the happening world

Eine Befindlichkeitsanalyse.

Nachts streifen wir, vom ohnmächtigen Gefühl der Langeweile und dem unbändigen Drang der Entdeckerlust gleichermassen getrieben, durch die Strassen des Bötzowviertels. Rund um den Helmholtzplatz und in der Kastanienallee waren die Kneipen uns einst: eine Heimat. Hier fanden wir stets Linderung von den Grossstadtsorgen, zusammen mit anderen Getriebenen konnten wir uns jeden Abend in wohlbekannte Sessel sinken lassen und erlebten doch immer etwas Neues. Seit einiger Zeit aber kommt uns diese ewige Wiederholung öde vor, wir fuhren Richtung Osten um zu finden: ein Abenteuer. Stellten uns in den Strassen und Bars dort verruchtere, originellere Leute vor, aber fanden: nichts. Es mag etwas gewagt sein, an einem Montagabend die Trinkfreudigkeit der Bewohner eines Viertels beurteilen zu wollen, aber dort war alles so geleckt und brav und still, dass das Adjektiv «bötzig» bei uns von nun an für ebenjene Attribute steht.

Tagsüber streife ich, vom unbändigen Durst nach Wissen und der Lust auf neue Kontakte gleichermassen getrieben, durch die Gänge der Universität. Rund um die Silberlaube und das Institut für Chemie waren mir die Hörsäle, Cafés und Bibliotheken einst: eine Heimat. Jetzt ging ich hier ziellos, noch ohne Lernauftrag, und hatte Mühe mir auszumalen, wie ich dieses Semester rein punktemässig auf die Reihe kriegen sollte. Es fehlte an spannenden, anspruchsvollen Vorlesungen. Gelegenheiten, um sich ganz ursprünglich in der Mensa zum Mittagessen und zum Gespräch zu treffen und danach auf dem Dach in der Sonne zu sitzen, gab es genug; die Beschäftigung mit Skripten und Übungen aber fehlte noch gänzlich.

Mar 7, 2010

the happening world

Es war der sechste Samstag in Folge und das Gefühl, zwischen Arbeitswoche und Sonntag zu stehen, leierte mich langsam aber sicher aus. Ich stand zwischen Arbeitspflichten und dem Wunsch, mich gehen zu lassen und mich auf das Kommende vorzubereiten. Um mich herum passierten die verrücktesten Geschichten, Freunde und Mitbewohnerin gleichermassen muteten mir die neuesten wilden Entwicklungen in ihren Leben zu, verlangten Rat von mir und Verständnis, wo ich einfach nur Feierabend haben wollte und überdies mit dem Nachvollziehen der stories überhaupt nicht hinterherkam. Ich verspürte das tiefe Bedürfnis, diesen Planeten zu verlassen und auf einen anderen zu ziehen, weil alles zuviel war. Es war das Gefühl, dass die Moderne, die verrückte, falsch-gerichtete und kurzsichtige moderne Welt mich überrollte und ich nicht mehr Schritt halten mochte.

Eine Freundin holte mich in Charlottenburg ab und gemeinsam gingen wir ins Schwarze Café, wo wir die gefühlten nächsten 10 Stunden verbrachten. Dieser Ort ist immer gut, wenn man nicht zeitreisen will, sondern wie in einer Zeitkapsel eingesperrt verweilen will, die wechselnden Gäste, das Personal, sie alle warfen uns gutmütige Blicke und kokettierende Sätze zu, während wir unseren Kaffee tranken und Suppe löffelten. Wir waren die Ausgelaugten der Nacht, hatten kaum geschlafen und fühlten uns gebeutelt vom Leben und den Umständen. Wir betrachteten den Schnee, der in dicken Flocken fiel, bestätigten uns gegenseitig, dass wir mit dem Leben mithielten, zahlten dann und fuhren zum Alex. Die Menge in den S-Bahnen und Geschäften hatte weiter zugenommen, dabei war schon beinahe alles geschlossen, als ich endlich wieder die Prenzlauer Allee hinauffuhr und nach Hause ging.

Feb 17, 2010

the happening world

Was macht eigentlich jemand, der vor lauter Beschäftigung mit Quantenmechanik und Festkörperphysik des abends fantasiert, sein Freundeskreis bestehe letztlich nur noch aus den Granden ehemaliger deutscher handfester Forschung: Planck, Einstein, Volmer, Hückel. Richtig, er geht Bücher kaufen. Unter den zart-sakralen Klängen des polnischen DJ-Bruders Jacaszek und der Sonne, die für einmal Berlin einheizt und die Eis-Schmelzzeit einläutet, gehe ich los, um Lektüre zu besorgen: Der grosse Kolumnist Hans Zippert (jetzt in der «Welt», aber was solls) hat voriges Jahr ein Buch herausgebracht, in dem handverlesen die besten seiner Stücke aneinandergereiht sind. Obwohl ich soetwas immer sehr gewollt finde (die Hauruck-Humor-Technik hat etwas unbestimmt Martenstein-Süddeutsches), kann ich nicht umhin, mich nach einem Lacher in den letzten Lerntagen zu sehnen. Zum Beispiel diesem hier:

«Seit Jahren wird in Deutschland beklagt, Ausländer würden sich oft abkapseln, sie lebten isoliert in eigenen Stadtteilen. Doch es ist sogar noch viel schlimmer: Ausländer leben sogar völlig von Deutschland isoliert in eigenen Staaten.»

Jan 23, 2010

wir publizieren wieder

Gut, dass Verlinkungen ja gesellschaftsfähig sind im Blogwesen und nicht etwa geächtet, ansonsten könnte ich hier ganz einpacken. Mein erster Text ist bei FURIOS online erschienen, es war eine schwere Geburt. Ich weiss nicht mehr, welche Laune mich geritten hat, als ich Anfang Dezember ganz unvermittelt einen Anti-Streik-Rundumschlag ausführen wollte. War es die Gemütlichkeit des Institutwesens, wo mir alle bisherige Anti-Bologna-Wut ausgetrieben worden war? War es die Grösse der FU, die, und darin Berlin nicht unähnlich, alle Vorhaben zerfliessen lässt? Das Projekt zog sich auf jeden Fall bis jetzt hin. Ich bin gespannt auf bissige Kommentare. Nur zu.

Oct 21, 2009

the happening world

Ist das schlechte Gewissen (oder das, was davon noch übrig ist) erst einmal überwunden, kauft es sich ganz ungeniert. Mein liebstes Bosnien-Buch ist irgendwie verschwunden, also wird es flugs nocheinmal bestellt. Wenn ich schon dabei bin, denke ich. Bei den historischen Romanen werde ich fündig. Auf dem Rückweg zur Kasse bleibt erst mein Auge, dann auch meine noch freie Hand an einem Exemplar von Zehs neuem Buch hängen. Wenn ich schonmal dabei bin, seufze ich, zahlen tu ich aber erst, wenn auch der Jergovic da ist, seit einiger Zeit empfinde ich das Geräusch, mit dem meine Karte durch dieses Lesegerät gezogen wird, als immer schlimmer, es ist schon etwas richtig Physisches geworden, ich schaudere dabei und fühle mich nicht mehr um den Betrag «erleichtert», sondern «gebracht». Nachdem ich gesellschaftlich wieder heruntergestuft wurde und nurmehr Student bin, lassen die Gefühlswirren des Prekariats nicht lange auf sich warten. Und inmitten dieser finanziellen Undefiniertheit kommen Bücherrechnungen wie ein fetter Kloss im Hals daher - eigentlich sollte ich das nicht machen, aber irgendwie brauch' ich diese Lektüre.
Wo doch im Buchladen sowenig Poetisches lauert, hier eine andere Auswahl.

«Once you been dancing with the devil
and now you're the devil yourself
and all of a sudden you will end up
like a book, in a shelf.»
-slut/600

«Es war September. Ein Falter hatte sich auf mein Augenlid gesetzt; er hatte sich in die Bewegung der Wimper verliebt. Zeitgleich mit dem Öffnen und Schliessen des Auges schlug er seine Flügel.
Ich komme nur ganz kurz hierher. Berge und Wolken, Vögel sind dort. Ich sehe sie nicht.
Meine Augen sind geschlossen, geschlossen.
Ich komme nur ganz kurz hierher. Es gibt keine Augenlider. Berge und Wolken, Vögel sind dort. Ich höre sie.
Ich bin an diesem Ort verloren.»
-Kracht/Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Sep 23, 2009

noch'n Gedicht/Tag

aus: Planet Sarajevo - Abdulah Sidran

I saw a little girl,
On planet Sarajevo,
In the park which was not there
Picking up flowers that were not there!

Death is a thorough reaper,
In vain the girl's tear,
In vain every
Prayer for peace!
In the universe
-its name is Bosnia -
A little girl,
With the hand which she has not,
Picks up the flowers which are not!

Sep 4, 2009

Fast Sarajevo XIV

Pristina> 25.08.

Die Fahrt nach Prizren wuerde mich endlich in den bergigen Teil des Kosovos bringen, wo es schoen gruen ist abseits der muellgesaeumten Strassen. Prizren ist Bundeswehrterritorium, sie hat dort die Obhut. Es sei schoen sauber und das Leben gut organisiert, schwaermt Arthur, mit dem ich vor der Abfahrt in Pristinas noch eine grosse Tasse Macciato trinke. Ich habe Arthur in der Linie 7 kennengelernt, er brachte mich zum Terminal und organisierte ein Ticket. Arthur hat 11 Jahre in Minden zwischen Hannover und Bielefeld verbracht, spricht ein ruhiges Deutsch und ist ganz Kosovare, wenn er meint, dass die UN in dem jungen Staat schon vor der Abloesung von Serbien gemacht hat, was sie wollte. An den omnipraesenten Muell in der Stadt, an die Unentschlossenheit seiner Mitbuerger und an die vielen Diplomaten und Beamten, die in ihren Dienstautos ueber die Schnellstrassen preschen, hat er sich laengst wieder gewoehnt. Viele Busse in der Hauptstadt und anderswo im Balkan sind ohnehin deutsche Gebrauchtfahrzeuge. Und doch faellt es ihm schwer, sich wieder einzuklinken, es sei hart, akzeptiert zu werden als Rueckkehrer. Seine Verwandten und Freunde sehen in ihm jetzt einen Hochstapler, bloss weil er vor dem Krieg ins Ausland gegangen ist und hart dafuer gearbeitet hat, um eine gute Ausbildung zu erhalten. "Ich habe in Minden im Fussballclub gespielt und war bei den Pfadfindern, ich habe mich gut in Deutschland integriert. Vielleicht zu gut." Aus seinen Augen spricht das Unverstaendnis fuer seine Landsleute, deren vertracktes Leben und deren alltaegliche Probleme er nicht mehr nachvollziehen kann. Er fragt mich, ob es mir meine Verwandte uebel nehmen wuerden, dass ich in der Schweiz gewesen bin in meiner Jugend, und nicht jeden schweren Schritt von Deutschland nach der Wende miterlebt und mitgemacht habe, all diese traegen und wehmuetigen Entscheidungen gegen ein Verharren in der Opferrolle. Ich weiss nichts darauf zu erwidern, vielleicht weil ich nicht die Parallelen sehen moechte und mein Nachhausekommen im vorigen Jahr unter solch einem gaenzlich anderen Stern stand. Arthurs Geschichte aber empfinde ich symptomatisch fuer die Gegend, und fuer einen kurzen Moment zwischen zwei Schlucken Macciato habe ich eine einfache Erklaerung der Situation in Pristina vor meinen Augen: Die eine Haelfte der Bevoelkerung ist hin und her gerissen zwischen den Versprechungen der internationalen Organisationen einerseits und dem Bestehen auf bewaehrte Handlungsweisen andererseits, waehrend die andere Haelfte der Bewohner durch Auslandserfahrung und tiefergehendes Wissen voellig konsterniert ist ueber die Weltfremdheit dieser beiden Denkarten der anderen Gruppe.

Bezueglich der Roma im Kosovo faellt Arthur ein andeutungsweise progressives und doch genauso kurzsichtiges Urteil: Da die Zigeunerkinder nicht fuer die Fehler ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden sollten, sei ihnen zu helfen. Ueber das wie herrscht nur leider keine Einigkeit.

Jul 8, 2009

Fast Berlin XIV

Ein superguter Tag war es heute. Erstmal aus dem Grunde, dass ich frei hatte. Zweitens konnte ich mich mit freundlichen Medienleuten am Telefon unterhalten. Die Textpresse ist, anders als die Redakteure und Bürotanten der Fernsehsender und Bildschirmnachrichten, wesentlich entspannter, offener, launischer und engagierter. Da wird genau auf das Wort geachtet. Viele fragten verdutzt nach, «Zentrum für Politische was?», und hatten beim Auflegen ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, das spürte ich. Sie hatten eine Entdeckung gemacht, und das freute die Journalisten. Jetzt, wo alle Hauptstadtbüros benachrichtigt sind, kann morgen die heisse Phase losgehen. Um 20 Uhr stehen wir vor dem Brandenburger Tor und skandieren.

Dann war da noch die Artothek. Darüber hatte ich einst gelesen, sie haben Galerieräume in Mitte und zeigen Kunst, haben daneben ein Magazin an Bildern, die sie ausleihen. Für einen kleinen Obulus kann man bis zu sechs Bilder aus der Sammlung jeweils bis zu sechs Monate mit nach Hause nehmen. Die Leihgebühr - 3 Euro für ein halbes Jahr - beinhaltet den Versicherungsschutz. Ich bestückte also mein Zimmer mit einem neuen Gemälde, und war ein paar sehnsuchtsvolle Blicke in den Showroom im ersten Stock. Dort werden Neuanschaffungen gezeigt, die erst in ein, zwei Monaten ausgeliehen werden können. Ein Jammer - jetzt ist doch gerade Balkan-Zeit für mich!


Dann war da ja noch ebay. Ich bot für einen alten Kleiderschrank. Und so sass ich keine vier Stunden später auf dem Beifahrersitz eines alten Ford Transits, den Nico lenkte, mein freundlicher Helfer und Fahrer für die kleine Tour. Der Schrank war natürlich bleischwer und musste erstmal auseinandergebaut werden. Er steht jetzt recht glücklich in der nordwestlichen Ecke meines Zimmers und hat alle Kleider, sonstige Wäsche, Krawatten und Winterschuhe klaglos in sich aufgenommen.

Jul 6, 2009

the happening world

Der Schlaf ist tief in diesen Tagen. Der Schlaf breitet sich aus in Matrazen, die auf Ziegelsteinen ruhen in einem einfach gebauten Landhaus in Ostvorpommern, oder in der heimischen Schlafstatt, wo der Körper von Bewegung und tagelanger Aktivität wie tot liegt. Der Schlaf bringt Träume mit sich, die ein ewiges Hin und Her sind, ein Requiem auf vergangene Ideen und Pläne, ein Taufspruch auf frische Richtungen und neue, freundschaftliche Verbindungen. Und zwischen einem Umzug der Firmenabteilung ins Gebäude nebenan, einer langen Radfahrt durch die nördlichen Lande und auf Usedom und der nicht enden wollenden Jagd auf Möbel und Einrichtung stehen unzählige Telefonate an, um die Text- und Bildpresse von der nächsten und vorerst letzten Aktion des Zentrums für Politische Schönheit zu überzeugen. Nach dem zigsten Verbunden-werden, in der vierten Warteschleife, bei Programmtipps für Dienstag und nach einigem Hick-Hack mit dem vorherigen Planungsmenschen der Kulturredaktion befühle ich meine Schulter, auf der noch immer ein roter Streifen daran erinnert, dass ich mein Rennrad durch vier Kilometer sandiges Nichts getragen habe, bevor die Route wieder geteert war und ich weiterfahren konnte.

Die Träume sind aber auch älter, werden Erinnerungen. Erinnerungen an den Abend vor der Italienreise, an eine erst sonnig-warme, dann feucht-kalte Nacht in Friedrichshain, bei der Leidenschafts-Messe «Interesting Berlin». Ein Konzept, das anscheinend aus London stammt. Eigentlich eine Art Selbsttherapie, wie mir schien, wo die Leute wieder lernen können zu ihren Interessen zu stehen und mögen sie noch so abgründig oder shallow sein, sei der Vortrag zum Zweck der Selbstinszenierung oder aus tiefergehenden, moralischen Gründen. Dazu eine Beschreibung der Homepage:

«Ein Abend gefüllt mit kurzen Reden und Erzählungen, bei denen es endlich nicht darum geht, sich oder etwas anderes zu verkaufen, sondern anderen einfach die eigene Begeisterung über eine Sache mitzuteilen.»

Allein das Organisationsteam hatte zum Abschluss der Veranstaltung eine ganze Menge zu verkaufen, nämlich sich selbst und die tolle Organisationsarbeit, vielen Dank. Ist in Berlin nicht üblich, solche Dankesausschweifungen, aber eigentlich angebracht. Der Ort der Konferenz war übrigens spannend. Ein typisch abgeschrubbter Bau, in dem sich unzählige Studios und Ateliers eingenistet haben.


Jul 3, 2009

Blog on, Blog off

Mit dem Einzug kommt auch das Bedürfnis nach Möbeln wieder in mein Leben. Wieder bange ich vor Auktionen bei ebay, verteufle die Einfallslosigkeit der meisten Kleiderschränke, kann keine runden Holzknaufe mehr sehen, will antik und am besten günstig und im selben Viertel abholen. Das «Leben aus Tüten» begann vor beinahe einem Jahr, Ende September. Damals war ich mit einer Kofferraumladung in einer lauen Herbstnacht in Mannheim angekommen, und das kleiderschranklose Leben hielt ganze zwei Monate. Hier, in Berlin, sind es nun auch schon acht Wochen, und es ist langsam Zeit für ein schönes Aufbewahrungsstück. Erstmal aber kann ich den seichten Sorgen der festen Behausung entkommen und an die Ostsee fahren für ein Wochenende, wo Radtouren auf Usedom unternommen werden und Feste auf dem Landsitz von Freunden gefeiert werden.

Stationen einer Reise; umgekehrt chronologisch von oben nach unten:





Jun 25, 2009

the happening world

Gerade einen neuen Akku für den Laptop gekauft, stolze 139 Euro. Willkommen in der No-Go-Area der Garantiebestimmungen - denn da die Batterien «Verbrauchsmaterial» sind, zahlt der Hersteller natürlich nicht deren Ersatz. Das Gerät ist aber - natürlich - unentberlich, und mit einem Kraftstoffpaket, das ständig den Geist aufgibt, nicht zu gebrauchen. Ich werde von nun an das Kontoauszugabholen jemand anders überlassen, ich bin schliesslich nur für die schwarzen Zahlen zuständig. Und für Urlaub - allerdings keimt in mir die Befürchtung, dass das Kapital dafür ausgegeben ist, bevor ich einen Fuss auf serbischen Boden gesetzt habe.

Des weiteren: Auch mein Fahrrad mit Seltenheitswert rollt wieder, frisch aufgereift hat es seinen Besitzer um das Äquivalent des Kaufpreises geschröpft. Das Rad, seine Bewunderer in den Strassencafés und an den Haltestellen und ich hoffen, dass die 26-Zoll-Reifen soviel aushalten wie die originalen.

Möchte nochmal auf das Zentrum für Politische Schönheit verweisen. Es tut sich viel bei uns, die nächste Kunstaktion steht an und in Bälde wird darüber berichtet. Tretet unserem Info-Netzwerk bei.

Jun 21, 2009

Artcrimes

Subversive Kunstverbrechen haben mich ja immer schon begeistert. Der Prozess der Kunstentstehung wird mystifiziert und geschieht meist auf illegale Weise. Man landet in einem sozialen Niemandsland, wo «Kunst schon fast Verbrechen und Verbrechen fast schon Kunst» ist (Neuromancer, William Gibson).

a) Untergunther// Nicht nur wegen dem tollen Namen. Reparierten die historische Uhr des Pantheons in Paris, fälschten dafür eine Menge Schlüssel und übergaben die funktionstüchtige Uhr schliesslich der staatlichen Obhut.

b) Ruppe Koselleck hat allerlei Privatbilder und anderes in die perfekten, von aller Menschlichkeit befreiten IKEA-Einrichtungshäuser geschleppt. Ganz abgesehen davon betreut er Kunstprojekte und Verbrechen am guten Geschmack (siehe «Terrorismussouvenir»)

c) wie b), nur in französisch: encastrable etabliert Kunst am Baumarkt in den schnödesten Hallen unseres Planeten.

via subversivblog rebel:art

Jun 11, 2009

Fast Berlin XI

Wie langsam man zu Fuss ist, merkt man ja vor allem, wenn das Fahrrad mal wieder im Hof bleiben muss. Gestern auf dem Weg in den Treptower Park erneut einen platten Hinterreifen geholt, und das, nachdem der Schlauch erst vor zwei, drei Wochen gewechselt worden war. Der Mechaniker hatte mich ja noch gewarnt - der Mantel ist total rissig. «Der fährt aber schon seit mehr als fünf Jahren», wusste ich zu erwidern. Tja, nun hat er langsam das Ende seiner Tage erreicht, und ich darf zusehen, wo ich mit meinem Fahrrad mit Seltenheitswert bleibe. Bei der Arbeit meinten die Kolleginnen altklug, dass so ein Reifenwechsel ja wohl kein Ding sei, und wenn der Reifen eben knapp sei, könne ich ja mal eine neue Felge besorgen. Es sind nun aber Gelegenheitsfahrerinnen, ich verzieh ihnen ihre Unwissenheit. Das Rad hat Wulstreifen, die man nicht in jedem Geschäft bekommt. Genauer gesagt in gar keinem hier im Stadtteil. Die müssen per Importeur bestellt werden, kosten stolze 40 Euro das Stück und natürlich die Versandkosten. Dann noch einen Schlauch dazu und das Geld für die Montage. Aber wieso erzähle ich das eigentlich alles? Heute beim Mittagessen habe ich noch rumgetönt, dass diese Ersatzteilkosten ja wohl Peanuts seien und ich zusammengerechnet mit dem Kaufpreis des Rades (100 Euro) immer noch weit unter dem Betrag für ein moderneres Ersatzrad läge. Nunja, so geht es eben mit Liebhaberstücken.

Die Mechaniker in der Werkstatt um die Ecke sind auf jeden Fall immer zu Scherzen aufgelegt und reiben sich verdächtig die Hände, wenn ich eintrete. Wenigstens sie nehmen mir diese Leidenschaft nicht übel.

Repariert auch Schweizer Militärräder, vorausgesetzt man gibt ihnen die Ersatzteil: Rad der Stadt, Prenzlauer Allee.

May 11, 2009

Fast Berlin VI

Die Fahrrad-Klau-Paranoia hat neue Züge angenommen. Die Angst eines Angehörigen, dass mein Fahrrad mit Seltenheitswert gestohlen werden würde, veranlasste ihn dazu, mir ein neues Fahrradschloss zu schenken, eins mit Panzerkette und angeblichen Bestnoten in Sachen Diebstahlschutz. Also dann. Das gute Stück lag einige Tage ungenutzt herum, bis ich mich dazu entschloss, es endlich einzusetzen und mein altes (aber ebensogutes) an meine Mitbewohnerin weiterzugeben. Tja, an einem Sonntag schloss ich mein Rad damit dann das erste Mal am Mauerpark an und verlor daraufhin gleich beide Schlüssel dazu, ich hatte das Paar mitgenommen und nicht einen davon vorschriftsgemäss zu Hause gelassen. Das muss auf der Wiese passiert sein, wo wir uns nach dem erschöpfenden Bummel über den Flohmarkt in der Sonne hingelegt hatten. Die Suche blieb ergebnislos, das Fahrrad abgeschlossen, und der Entschluss, es abgeschlossen nach Hause zu transportieren, war schnell gefasst. Erfreulicherweise sind die Bürger von Berlin in solchen Situationen ungewöhnlich zurückhaltend. Es werden pro Jahr ungefähr 15'000 Fahrräder geklaut, aber der adrette Mann da vorne, der ein Rad mit starker Kette in den Innenhof schiebt, der ist bestimmt kein Dieb, und das Rad gehört wohl tatsächlich ihm. So müssen die Passanten gedacht haben. Glücklicherweise ist an meinem neuen Wohnort der Innenhof noch in der Sanierungsphase, und am Nachmittag des Folgetages trennte ein stämmiger Bauarbeiter, auf dessen Tshirt-Rückseite «Matzi» stand, für etwas Bares die Kette mit einer schweren Metall-Flex in nur 30 Sekunden durch. Das Ganze hat mich, mit neuem Schloss, nur 40 Tacken gekostet.

May 5, 2009

tracking with close-ups

Natürlich vermisse ich die Botschaften mit entsprechenden Zeichnungen, die mir mein Mitbewohner in Zürich zu eingegangenen Briefen legte. «Eine Nachricht von den Behörden» stand dann da bedeutungsschwer, geschrieben mit Edding auf einer dieser kleinen matt rosanenen oder violetten Kärtchen, die in unserer Wohnung überall herumflogen, darunter waren Grabsteine oder Skelette schemenhaft gemalt. Die Behörden - damals noch, in Zürich, konnten sie in unsere Räumlichkeiten höchstens auf diese kafkaeske, selbstironische Weise eindringen. Jetzt, hier, in Berlin, ist das schon eine ganze Ecke anders. Es fängt an mit den ewigen Adresswechseln und den Nachrichten von verpassten Briefen und zurückgesandten Einschreiben. Ich bin mit solcher Lust wieder ins Blaue gezogen, dass ich ganz vergessen habe, dass es Behören, Hochschulen, Banken, Eltern und ehemalige Mitbewohner gibt, die irgendetwas zu melden oder mitzuteilen haben. Nun denn, tun wir ihnen den Gefallen. Eine feste Adresse ist eingerichtet; Briefkästen kommen diese Tage auch noch ins neu sanierte Haus, wie ich höre; nächsten Samstag wird das frische Zimmer bezogen, ein Bett gekauft, wieder ein Fuss gestellt in das eine-feste-Bleibe-haben-Leben, mit all seinen Tücken und Annehmlichkeiten.

Apr 28, 2009

Fast Berlin II

Gestern hatte ich Jetlag. Die Strecke Mannheim-Berlin spulte sich unter mir ab wie ein Laufband, ich musste willentlich Pausen machen, sonst wäre ich vermutlich einfach weitergefahren und irgendwo in Brandenburg oder MeckPomm gelandet. Für meine staugeplagte Seele war das dann auch zu schnell, die kam nicht so ganz mit und fand sich erst gegen zwei Uhr nachts in der Wohnung ein, wo der Körper vom Kistentragen wie tot schon im Bett lag. Es ist Sonne, es gibt gutes Essen und erste Radtouren durch die Viertel. Auch der Vertrag für die nächsten drei Monate ist unterschrieben:

«Ihr Tarifentgelt richtet sich nach dem für Berlin (West) geltenden Entgelttarifvertrag und beläuft sich auf ...»

Ich bin also angekommen im Westen /im Osten /im Norden. Die Abende sind lang in der Hauptstadt, es gibt viel zu erleben. Nachfolgend einige Stationen:

-Aufgrund der derzeitigen Erwerbslosigkeit kommt die Suppenküche, die sich gerade um die Ecke befindet, gerade recht. Immer dienstags, Prenzl'Allee 242. Via iHeartberlin.

-Ist das zu fassen? Die vielbeschäftigten New Yorker Fischerspooner sind wieder in Europa. Kaum zu glauben, dass die es schaffen, neben ihrem Experimentaltheater in Big Apple auch mal wieder über den Teich zu performen. Kenne die neue CD zwar noch nicht, aber allein die Erinnerung an ihren Auftritt an der Streetparade 2005 in Zürich zieht mich hin. Mittwoch 29.4. 2100 im Lido. Via unlike.

-Rodeorodeo. Donnerstag gibts dort Drei Gänge für 12 Euro und gelegentlich witzige Veranstaltungen dazu. Vorreservieren und speisen! Auch via iHeartberlin.

Apr 7, 2009

Fast Berlin

Der Vortrag zur Praktikumszeit ist rum, die Erinnerungen an die Reise bis fast nach Frankfurt geraten langsam in Vergessenheit, die Arbeit ist tatsächlich nur noch eine sogenannte, die Zeit geht vorbei, geht vorüber, schreitet voran: Nach Berlin.
Dorthin solls gehen, um zunächst ein weiteres Praktikum, dann das Studium zu absolvieren. Dabei komme ich mir höchstens ein wenig vor als Teil des Besucherstromes, der Tag für Tag die Hauptstadt erreicht. Ich habe eine besondere Aufgabe dort. Kann in der Pharmabranche werkeln, in einem süssen Labor im Wedding, unter netten Kollegen und hoffentlich auch gleich nebenan wohnen.

Mar 26, 2009

Wir nannten es Arbeit XVI

Seit dem 01.10.2008 sind Sie als Praktikant in unserem Unternehmen tätig. Wir sind gerne bereit, Ihr Praktikum bis zum XX.XX.2009 zu verlängern. Ihr Urlaubsanspruch bleibt unverändert bei insgesamt 10 Tagen.

Mar 18, 2009

Abecederia

Im September 2008 mieteten sie noch Webspace und hielten mit Smartphones Fotos, Videos und Texte fest, die sofort verbloggt wurden, um der Gefolgschaft daheim in Deutschland einen Eindruck von der Ukraine zu vermitteln.

Seit Januar 2009 mieten sie nun Factoryspace und betreiben das Betahaus, ein Desk-sharing/Co-working/Kaffeehaus-Projekt in Kreuzberg.