«Viele junge Bosnier&Herzegowiner nahmen an den Balkankriegen teil; sie schwammen über die Drina oder überquerten die montenegrinische Grenze bei Nacht, um bei den Freiwilligencamps anzuheuern, die wie Pilze aus dem Boden schossen und der serbischen Armee als Vorposten dienten bei ihrer Eroberung von Mazedonien. Jene Bosnier aber, die Zuhause blieben, sollten als Attentäter für immer unbrauchbar bleiben.»
Rebecca West über die Zeit vor dem Attentat in Sarajevo, 1914.
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Apr 20, 2010
Jan 8, 2010
Fast Sarajevo IXL
Beograd. Kurz vor Abreise, 27.September.
Wir hatten Beograd im gleichen, sanften Morgenlicht wiedergefunden, aber verändert. Für mich war es mehr als einen Monat her, dass ich in der Sava gebadet hatte, aber Andrei war erst kürzlich hier gewesen. In der vorhergehenden Woche sollte ein Festival für Schwule stattfinden, das dann aus Gründen der Sicherheit abgesagt werden musste. Rechtsextreme Gruppen hatten mit eindeutigen Graffitis klar gemacht, dass sie vor Gewalt nicht zurückschrecken würden, falls sich homosexuelle Gruppen auf den Strassen Belgrads versammeln sollten, die Polizei war eingeknickt und liess verlauten, dass sie für die Sicherheit der Festival-Teilnehmer nicht garantieren konnte - «gay pride», das zuletzt 2001 stattgefunden hat, wurde abgesagt.
Als wir vom Bahnhof zum Hostel durch die Fussgängerzone schlenderten, waren uns die vielen schwer ausgerüsteten Polizisten gleich aufgefallen. Von ihnen gab es zu dieser Uhrzeit mehr als Passanten. Wir wunderten uns, machten uns aber keine Sorgen. Erst später erfuhren wir, dass in der vergangenen Woche auch Ausländer Opfer von gewalttätigen Übergriffen geworden waren. Ein frisch verheirateter Mann war von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode geprügelt worden, bei Fussballspielen wurden französische Fans angegriffen. Die Grosswetterlage hatte umgeschlagen - ie Stadt Belgrad zeigte ihr zweites Gesicht.
Wir befanden das für unbedenklich, gingen vergnügt shoppen und besichtigten Titos Grabmahl und die Sveta Sava, eine der grössten Kirchen der Welt.
Der Zug nach Zürich via Zagreb und Ljubljana fuhr um kurz nach zehn. Wir waren wie aufgeregte Kinder schon viel früher da, vollgepackt mit Börek und anderem Essen, und natürlich Bier, um die lange Fahrt zuüberstehen. Der Waggon, der bis nach Zürich durchfuhr, war ausgerechnet der modernste und am wenigsten bequemste. Die unnötige Klimaanlage surrte so laut, dass man Ohrensausen bekam, und das 6er Abteil hatte natürlich keine Vorhänge, so dass es selbst nachts hell war. Zu zweit verging die Zeit gut, erst ab Ljubljana war ich alleine und durchfuhr die langen Stunden der Nacht auf den unbequemen Sitzreihen des Westens, in den ich nun zurückkehrte. Ich windete mich, drehte mich auf die eine Seite und gleich wieder zurück.
Zürich war eine schale Stadt, um anzukommen. Der zweckmässige Bahnhof, den ich so gut kannte, machte mit seiner Nüchternheit klar, dass es hier nicht lustig werden würde. Ich setzte mich in den nächsten Regionalzug und fuhr zum Haus meiner Mutter.
Wir hatten Beograd im gleichen, sanften Morgenlicht wiedergefunden, aber verändert. Für mich war es mehr als einen Monat her, dass ich in der Sava gebadet hatte, aber Andrei war erst kürzlich hier gewesen. In der vorhergehenden Woche sollte ein Festival für Schwule stattfinden, das dann aus Gründen der Sicherheit abgesagt werden musste. Rechtsextreme Gruppen hatten mit eindeutigen Graffitis klar gemacht, dass sie vor Gewalt nicht zurückschrecken würden, falls sich homosexuelle Gruppen auf den Strassen Belgrads versammeln sollten, die Polizei war eingeknickt und liess verlauten, dass sie für die Sicherheit der Festival-Teilnehmer nicht garantieren konnte - «gay pride», das zuletzt 2001 stattgefunden hat, wurde abgesagt.
Als wir vom Bahnhof zum Hostel durch die Fussgängerzone schlenderten, waren uns die vielen schwer ausgerüsteten Polizisten gleich aufgefallen. Von ihnen gab es zu dieser Uhrzeit mehr als Passanten. Wir wunderten uns, machten uns aber keine Sorgen. Erst später erfuhren wir, dass in der vergangenen Woche auch Ausländer Opfer von gewalttätigen Übergriffen geworden waren. Ein frisch verheirateter Mann war von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode geprügelt worden, bei Fussballspielen wurden französische Fans angegriffen. Die Grosswetterlage hatte umgeschlagen - ie Stadt Belgrad zeigte ihr zweites Gesicht.
Wir befanden das für unbedenklich, gingen vergnügt shoppen und besichtigten Titos Grabmahl und die Sveta Sava, eine der grössten Kirchen der Welt.
Der Zug nach Zürich via Zagreb und Ljubljana fuhr um kurz nach zehn. Wir waren wie aufgeregte Kinder schon viel früher da, vollgepackt mit Börek und anderem Essen, und natürlich Bier, um die lange Fahrt zuüberstehen. Der Waggon, der bis nach Zürich durchfuhr, war ausgerechnet der modernste und am wenigsten bequemste. Die unnötige Klimaanlage surrte so laut, dass man Ohrensausen bekam, und das 6er Abteil hatte natürlich keine Vorhänge, so dass es selbst nachts hell war. Zu zweit verging die Zeit gut, erst ab Ljubljana war ich alleine und durchfuhr die langen Stunden der Nacht auf den unbequemen Sitzreihen des Westens, in den ich nun zurückkehrte. Ich windete mich, drehte mich auf die eine Seite und gleich wieder zurück.
Zürich war eine schale Stadt, um anzukommen. Der zweckmässige Bahnhof, den ich so gut kannte, machte mit seiner Nüchternheit klar, dass es hier nicht lustig werden würde. Ich setzte mich in den nächsten Regionalzug und fuhr zum Haus meiner Mutter.
Dec 3, 2009
tracking with close-ups
Jetzt, wo es hier am Helmholtzplatz wieder viel um die Schwaben und andere Nutzniesser des Establishments geht, die sich in die verwilderten, aber schönen Ecken der linken Kreativen einnisten, ist es vielleicht Zeit für ein bisschen Anti-Gentrifizierung. Ich habe dieses Wort ja immer irgendwo im Gender-Bereich zugeordnet und fand es gerade deswegen so unsinnig, mich damit zu befassen. Was hat Gender schon mit Wohnen und Wohngegenden zu tun! Doch gerade in seiner eigentlichen Bedeutung schrumpft der Wert der Aussage, den «Gentrifizierung» macht, noch weiter, denn diese Diskussion entbehrt, im Gegensatz zu der geschlechtlichen, die ja geführt werden muss, jeglicher vernünftiger Legitimierung. In der neuen BrandEins (kaufen, hören oder warten) wird eine kurze, vereinfachte Geschichte des Nebenhers von Kunst und Kommerz gezeichnet, und die Schlussfolgerungen, die dieser Text zieht, dürften auch in der Diskussion um aufgewertete Stadtteile zur Anwendung kommen.
«Ihr seid ein Volk - und wir sind ein anderes», schimpfen die vermeintlich Alteingesessenen über die Schwaben am Helmholtzplatz und Co., wo sie sich doch eigentlich freuen sollten, jetzt wo Weihnachten kommt, weil da ja angeblich alle unechten Berliner nach Hause zu Mutti fahren. Kritik ist nett, aber wirkungslos, und die Anti-Schwaben-Plakate werden nur noch dort thematisch aufgegriffen, wo die Klientel sitzt, die diese Plakate eigentlich verteufelt: In den Blogs und Feuilletons der gut organisierten Medienwelt.
Rebel:art hat schon vor knapp einem Jahr das «Es regnet Kaviar»-Gentrifizierung-Aberwertungskit vorgestellt, das zwar von einer Gruppe aus Hamburg stammt, aber Klassenkampf funktionert ja überall gleich. Mit diesen lustigen und kreativen Ideen kann man seine Wohnung als Waffe gegen die Verschlimmbesserung des Bezirks instrumentalisieren, bevor man zum nächsten Verteilerkasten gehen muss und irgendwelche dumm-kalauernden Sätze aufhängt.
“Die Miete drück ich mir jetzt selber! Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Erscheinungsbild ihrer Wohnung nach außen verschlechtern. Schon bald setzt der “broken windows effect” ein: Wohlhabende ziehen weg, Wohnungen sind nur noch schwer zu vermieten, die Preise purzeln in den Keller.
1. Das gewöhnliche Unterhemd – im englischen Sprachraum “wifebeater” genannt – wirkt asozial, besonders wenn sie es zum Trocknen vor’s Fenster hängen! Verstärken lässt sich der Effekt durch an Balkon oder Fenster montierte Wäscheständer. Da bekommt jeder Investor das Fürchten!
2. Sicher ist auch Ihnen schon aufgefallen, dass in Gegenden mit niedrigen Mieten viele Satellitenantennen die Fassaden schmücken, während in wohlhabenden Vierteln derartiges nicht zu sehen ist. Machen Sie sich diesen Umstand selbst zu nutze – montieren Sie eine Sat-Antenne an ihre Fassade (oder drei oder vier). Faustregel: Je mehr Satellitenantennen – desto besser die Wirkung!
3. Was könnte besser den broken windows Effekt auslösen – als ein zersplittertes Fenster? Nichts verbreitet eine so effektive Atmosphäre der Verwahrlosung und der Heruntergekommenheit. Gut für Sie – denn das hält Investoren fern!
4. “It looks getto-rigged” sagt der Amerikaner, um nachlässig durchgeführte Montagen und Reparaturen zu beschreiben. Verbreiten auch Sie eine Atmosphäre der Unsicherheit durch wild zugetapte Fenster, Mauern, scheinreparierte Rohrleitungen etc. Aber aufgepasst: nicht zu kreativ werden – denn wo Kreative arbeiten, steigen die Mieten!
5. Die SAGA vermietet in St. Pauli fast nur noch an Menschen mit deutschem Nachnamen. Ausländer – ob mit oder ohne deutschen Pass – bekommen immer schwerer oder gar keine Wohnung mehr. Das lässt sich zwar nicht beweisen, findet aber statt, viele Familien sitzen in zu klein gewordenen Wohnungen fest, wenn sie nicht bereit sind St. Pauli Richtung Stadtrand zu verlassen. Bei dieser Politik scheint die SAGA davon auszugehen, dass ausländische Namen am Klingelschild sich negativ auf den zu erzielenden Mietertrag auswirken. Machen Sie sich diesen Effekt zu nutze – und fügen sie Ausländische Namen auf ihrem Klingelschild hinzu (oder auf dem ihrer Nachbarn).
6., 7. und 8. Besonders wenn Sie im Erdgeschoss wohnen: lassen Sie ihre Wohnung aussehen wie einen 55-Cent-Laden – oder noch besser: wie einen gescheiterten Discounter! Denn: keine militante Demo ruiniert das Image einer Nachbarschaft so effektiv, wie ein 55-Cent-Laden.
9. Nichts ist asozialer als eine Lidl-Tüte! Stellen Sie die auf den Balkon – oder hängen Sie die aus dem Fenster! Die Menschen werden denken, Sie hätten die Stromrechnung nicht bezahlt oder Sie könnten sich keine Kühlschrankreparatur leisten! Auch gut: Ware aus teuren Läden in Tüten vom billig Discounter nach Haus tragen.
Konsequent und von vielen Mietern angewendet, löst der Abwertungskit™ eine Preisspirale nach unten aus: die Reichen verlassen den Stadtteil und ziehen zurück in ihre angestammten Siedlungsgebiete am Stadtrand, Nobelrestaurants senken die Preise – und schon bald können Sie in einen grössere, billigere Wohnung umziehen. Und am Ende des Monats liegt eine fette Ersparnis in ihrem Portemonnaie. Das alles erreichen sie nicht durch Arbeit oder politische Demonstrationen – sondern nur durch den original Abwertungskit™. In ausgesuchten Fachgeschäften und exclusiv zum Download unter Es regnet Kaviar“
«Ihr seid ein Volk - und wir sind ein anderes», schimpfen die vermeintlich Alteingesessenen über die Schwaben am Helmholtzplatz und Co., wo sie sich doch eigentlich freuen sollten, jetzt wo Weihnachten kommt, weil da ja angeblich alle unechten Berliner nach Hause zu Mutti fahren. Kritik ist nett, aber wirkungslos, und die Anti-Schwaben-Plakate werden nur noch dort thematisch aufgegriffen, wo die Klientel sitzt, die diese Plakate eigentlich verteufelt: In den Blogs und Feuilletons der gut organisierten Medienwelt.
Rebel:art hat schon vor knapp einem Jahr das «Es regnet Kaviar»-Gentrifizierung-Aberwertungskit vorgestellt, das zwar von einer Gruppe aus Hamburg stammt, aber Klassenkampf funktionert ja überall gleich. Mit diesen lustigen und kreativen Ideen kann man seine Wohnung als Waffe gegen die Verschlimmbesserung des Bezirks instrumentalisieren, bevor man zum nächsten Verteilerkasten gehen muss und irgendwelche dumm-kalauernden Sätze aufhängt.
“Die Miete drück ich mir jetzt selber! Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Erscheinungsbild ihrer Wohnung nach außen verschlechtern. Schon bald setzt der “broken windows effect” ein: Wohlhabende ziehen weg, Wohnungen sind nur noch schwer zu vermieten, die Preise purzeln in den Keller.
1. Das gewöhnliche Unterhemd – im englischen Sprachraum “wifebeater” genannt – wirkt asozial, besonders wenn sie es zum Trocknen vor’s Fenster hängen! Verstärken lässt sich der Effekt durch an Balkon oder Fenster montierte Wäscheständer. Da bekommt jeder Investor das Fürchten!
2. Sicher ist auch Ihnen schon aufgefallen, dass in Gegenden mit niedrigen Mieten viele Satellitenantennen die Fassaden schmücken, während in wohlhabenden Vierteln derartiges nicht zu sehen ist. Machen Sie sich diesen Umstand selbst zu nutze – montieren Sie eine Sat-Antenne an ihre Fassade (oder drei oder vier). Faustregel: Je mehr Satellitenantennen – desto besser die Wirkung!
3. Was könnte besser den broken windows Effekt auslösen – als ein zersplittertes Fenster? Nichts verbreitet eine so effektive Atmosphäre der Verwahrlosung und der Heruntergekommenheit. Gut für Sie – denn das hält Investoren fern!
4. “It looks getto-rigged” sagt der Amerikaner, um nachlässig durchgeführte Montagen und Reparaturen zu beschreiben. Verbreiten auch Sie eine Atmosphäre der Unsicherheit durch wild zugetapte Fenster, Mauern, scheinreparierte Rohrleitungen etc. Aber aufgepasst: nicht zu kreativ werden – denn wo Kreative arbeiten, steigen die Mieten!
5. Die SAGA vermietet in St. Pauli fast nur noch an Menschen mit deutschem Nachnamen. Ausländer – ob mit oder ohne deutschen Pass – bekommen immer schwerer oder gar keine Wohnung mehr. Das lässt sich zwar nicht beweisen, findet aber statt, viele Familien sitzen in zu klein gewordenen Wohnungen fest, wenn sie nicht bereit sind St. Pauli Richtung Stadtrand zu verlassen. Bei dieser Politik scheint die SAGA davon auszugehen, dass ausländische Namen am Klingelschild sich negativ auf den zu erzielenden Mietertrag auswirken. Machen Sie sich diesen Effekt zu nutze – und fügen sie Ausländische Namen auf ihrem Klingelschild hinzu (oder auf dem ihrer Nachbarn).
6., 7. und 8. Besonders wenn Sie im Erdgeschoss wohnen: lassen Sie ihre Wohnung aussehen wie einen 55-Cent-Laden – oder noch besser: wie einen gescheiterten Discounter! Denn: keine militante Demo ruiniert das Image einer Nachbarschaft so effektiv, wie ein 55-Cent-Laden.
9. Nichts ist asozialer als eine Lidl-Tüte! Stellen Sie die auf den Balkon – oder hängen Sie die aus dem Fenster! Die Menschen werden denken, Sie hätten die Stromrechnung nicht bezahlt oder Sie könnten sich keine Kühlschrankreparatur leisten! Auch gut: Ware aus teuren Läden in Tüten vom billig Discounter nach Haus tragen.
Konsequent und von vielen Mietern angewendet, löst der Abwertungskit™ eine Preisspirale nach unten aus: die Reichen verlassen den Stadtteil und ziehen zurück in ihre angestammten Siedlungsgebiete am Stadtrand, Nobelrestaurants senken die Preise – und schon bald können Sie in einen grössere, billigere Wohnung umziehen. Und am Ende des Monats liegt eine fette Ersparnis in ihrem Portemonnaie. Das alles erreichen sie nicht durch Arbeit oder politische Demonstrationen – sondern nur durch den original Abwertungskit™. In ausgesuchten Fachgeschäften und exclusiv zum Download unter Es regnet Kaviar“
Oct 30, 2009
the happening world
Das eiskalte Wasser trifft mich wie ein Faustschlag und aktiviert die Bereiche des Gehirns, die ganz hinten liegen. Noch vor einigen Stunden wollte ich die Sveta Sava anschauen gehen, bis mir auf dem Weg eingefallen ist, dass die ja in Belgrad steht, ich aber auf meinem Fahrrad in Berlin sitze. Die Desorientierung hat abgenommen in den letzten Tagen, aber gewisse Bremseffekte bleiben eben. Der Alkohol hier macht nicht wirklich betrunken, nicht so wie das Bier aus Sarajevo, das wir uns im Transit-Zug in 2.5L-Portionen genehmigten. Das Geplauder auf Parties hat nicht diese drängende Wichtigkeit, diese existentielle Note, die wir in Belgrad fanden. Wenn man aus dem Osten in den Westen kommt, wird alles etwas schaler und eindimensionaler, und man fragt sich, wie die Menschen hier mit dem ganzen Sinnverlust überhaupt umgehen.
Erkennt das Gehirn die Zustände vor den eigenen Augen nicht wieder, erfindet es eben Sachen dazu. Nur unter dem eiskalten Wasser, mithilfe seiner hinteren Bereiche, wusste ich wieder, wo ich war: unter einer kalten Dusche an der Schönhauser Allee.
Erkennt das Gehirn die Zustände vor den eigenen Augen nicht wieder, erfindet es eben Sachen dazu. Nur unter dem eiskalten Wasser, mithilfe seiner hinteren Bereiche, wusste ich wieder, wo ich war: unter einer kalten Dusche an der Schönhauser Allee.
Oct 29, 2009
Fast Sarajevo XXXIII
Der Legende nach fürchtete der osmanische Erbauer Mimar Hajrudin (Schüler des Architekten Mimar Sinan) einen Einsturz der waghalsig konstruierten Stari Most sosehr, dass er ihre Fertigstellung aus sicherer Entfernung überwachte, da er angeblich bei einem Kollaps seines Prachtwerks einen Kopf kürzer hätte gemacht werden sollen. Ein Bote überbrachte ihm die Nachricht, dass die Brücke hielt. Woraufhin er allerdings in Richtung Türkei ritt, schwer erkrankte auf der Reise und später starb.
Die Brücke war im Bosnien-Krieg ein beliebtes Ziel. Im November 1993 schliesslich zerstörte ein direkter Treffer aus den Reihen der kroatischen Armee das schöne Bauwerk. Um den Einsturz selbst ranken sich Verschwörungstheorien. Bill Clinton konnte der Wiedererrichtung der Brücke im Jahre 2004 beiwohnen. Die Neukonstruktion, die identisch zur alten Form war, symbolisierte den Aufbau des geschundenen Landes und verband gleichzeitig die beiden ehemaligen Kriegsparteien miteinander - die Kroaten, die vornemlich auf dem linken Ufer siedeln, und die Bosniaken, die rechts wohnen.
Die Brücke war im Bosnien-Krieg ein beliebtes Ziel. Im November 1993 schliesslich zerstörte ein direkter Treffer aus den Reihen der kroatischen Armee das schöne Bauwerk. Um den Einsturz selbst ranken sich Verschwörungstheorien. Bill Clinton konnte der Wiedererrichtung der Brücke im Jahre 2004 beiwohnen. Die Neukonstruktion, die identisch zur alten Form war, symbolisierte den Aufbau des geschundenen Landes und verband gleichzeitig die beiden ehemaligen Kriegsparteien miteinander - die Kroaten, die vornemlich auf dem linken Ufer siedeln, und die Bosniaken, die rechts wohnen.
Oct 4, 2009
Fast Sarajevo XXVII
In Tivat mimte ich einen Franzosen. Ich gab meinem Englisch einen schnarrenden R-Laut, redete trocken, aber mit einem Singsang, der so musikalisch und fliessend war, dass es klang wie angeboren.
Die Russen haben Budva in Beschlag genommen, von ihnen kommen in den letzten Jahren mehr und mehr in die Küstenstadt am Fjord von Kotor, sie gelangen dorthin mit ihren grossvolumigen Wagenkolonnen oder dem Privatjet. Montenegro hat den Charme von Italien mit französischen und slawischen Sprenkeln, die Städte am Meer sind Ansammlungen von Palazzi, umrahmt von grimmig aussehenden Mauern, die sich bis in die Felshänge über der Bucht hinauferstrecken. Man kann hier alles mieten; von Autos über Clubs und Yachten bis hin zu Learjets für einen kurzen Ausflug an ein anderes Meer, oder einfach bleiben und vom ohrenbetäubenden Musikwirrwarr in den engen Gassen Kotors überrascht werden, das die Bars und Kneipen ab 10 Uhr abends veranstalten. Durch die beengten Verhältnisse durchdringt der Electropop jeden Winkel des Stadtfleckens, nachts gehört der Ort den Jungen.
Die Russen haben Budva in Beschlag genommen, von ihnen kommen in den letzten Jahren mehr und mehr in die Küstenstadt am Fjord von Kotor, sie gelangen dorthin mit ihren grossvolumigen Wagenkolonnen oder dem Privatjet. Montenegro hat den Charme von Italien mit französischen und slawischen Sprenkeln, die Städte am Meer sind Ansammlungen von Palazzi, umrahmt von grimmig aussehenden Mauern, die sich bis in die Felshänge über der Bucht hinauferstrecken. Man kann hier alles mieten; von Autos über Clubs und Yachten bis hin zu Learjets für einen kurzen Ausflug an ein anderes Meer, oder einfach bleiben und vom ohrenbetäubenden Musikwirrwarr in den engen Gassen Kotors überrascht werden, das die Bars und Kneipen ab 10 Uhr abends veranstalten. Durch die beengten Verhältnisse durchdringt der Electropop jeden Winkel des Stadtfleckens, nachts gehört der Ort den Jungen.
Sep 20, 2009
Fast Sarajevo XXII
Auf dem langen Weg aus der verwinkelten, wunderschoenen Hafenstadt Saranda zurueck nach Tirana klingelte mein Handy, es war Allan. Gerade noch rechtzeitig, denn mein Bus schickte sich gerade an, die Stadt zu verlassen, in er er wohnte: Gjirokastra, die Steinstadt im Steintal der Drinos, Geburtsort von Enver Hoxha und Ismail Kadare. Suedlich von Saranda kam nur noch Griechenland, und nachdem sich vor meinen Augen die Pracht der Kueste zwischen Vlore und Saranda entfaltet hatte, war ich eigentlich zufrieden. Das Tal, in dem Gjirokastra liegt, ueberwaeltigte mich dann mit seiner Kulisse. Urspruenglich hatte ich ja fuer einige Monate nach Kasachstan fahren wollen, und dieses Tal war dafuer ein guter Ersatz.
Nach Besichtigung der Festung und der Altstadt traf ich im Cafe am zentralen Platz die Japanerin Mika, die aus Griechenland kommend ebenfalls durch Zufall hier gelandet war. Wenig spaeter stiess Allan zu uns. Allan war ein juedischer, ukrainisch-staemmiger Amerikaner, der als Freiwilliger der amerikanischen Regierung in Georgien stationiert gewesen war, bis dort der Boden bebte und die Russen kamen. Nun war er in Albanien und genauso gluecklich wie im Kaukasus. Sein Albanisch war perfekt, er machte absichtlich Fehler, damit er weiterhin den Auslaender-Bonus bei den Einheimischen bekam und nicht als Landsmann durchging. Wir kochten gemeinsam, tranken albanischen Wein, sassen auf der Terasse seiner Wohnung mit Sicht auf die imposante Festung unter dem nunmehr abnehmenden Mond und beredeten die Dinge, die uns noch unklar waren: Die Geschichte der Stadt und die Ausrichtung der Bunker in der Gegend, von denen Hoxha hunderte in langen Reihen im Tal errichten liess (sie sind nach Griechenland ausgerichtet); der Einfluss von ehemals imperialisitschen Staaten im heutigen Balkan, die Lotterie-Unruhen von 1997 und der Waffenbesitz, die Unfaehigkeit, bleibende Werte in der Zivilgesellschaft zu schaffen, wo doch jeder junge Albaner einfach nur ins Ausland will. Die Hunde der Altstadt stimmen sich im Chor zum naechtlichen Gebell ein.
Nach Besichtigung der Festung und der Altstadt traf ich im Cafe am zentralen Platz die Japanerin Mika, die aus Griechenland kommend ebenfalls durch Zufall hier gelandet war. Wenig spaeter stiess Allan zu uns. Allan war ein juedischer, ukrainisch-staemmiger Amerikaner, der als Freiwilliger der amerikanischen Regierung in Georgien stationiert gewesen war, bis dort der Boden bebte und die Russen kamen. Nun war er in Albanien und genauso gluecklich wie im Kaukasus. Sein Albanisch war perfekt, er machte absichtlich Fehler, damit er weiterhin den Auslaender-Bonus bei den Einheimischen bekam und nicht als Landsmann durchging. Wir kochten gemeinsam, tranken albanischen Wein, sassen auf der Terasse seiner Wohnung mit Sicht auf die imposante Festung unter dem nunmehr abnehmenden Mond und beredeten die Dinge, die uns noch unklar waren: Die Geschichte der Stadt und die Ausrichtung der Bunker in der Gegend, von denen Hoxha hunderte in langen Reihen im Tal errichten liess (sie sind nach Griechenland ausgerichtet); der Einfluss von ehemals imperialisitschen Staaten im heutigen Balkan, die Lotterie-Unruhen von 1997 und der Waffenbesitz, die Unfaehigkeit, bleibende Werte in der Zivilgesellschaft zu schaffen, wo doch jeder junge Albaner einfach nur ins Ausland will. Die Hunde der Altstadt stimmen sich im Chor zum naechtlichen Gebell ein.
Sep 18, 2009
Fast Sarajevo XX
Tirana. 3.09.
Es sind 36grad in Tirana und man spuert jedes einzelne davon, wenn man den grossen Bulevard entlanglaeuft. Der chaotische Verkehr rauscht mit einer atemberaubenden Praezision ueber die an Schlagloechern reichen Strassen. Es gibt hier mehr Autos von Mercedes als im Grossraum Stuttgart. Die enorme, trockene Hitze laesst die Stadt trotz des Smogs in einer extremen Reinheit erscheinen, hier gammelt nichts und schimmelt es nirgends, die Luft ist glasklar, die sandfarbenen Fassaden und saeulengesaeumten Fronten der Ministerien glaenzen makellos.
Schon in Ohrid hatte ich Kadares "Der General der toten Armee" beendet, es war mein drittes Buch von ihm gewesen. Auf der Fahrt durch den bergigen Norden von Albanien hinab in die Ebene suchte ich nun die Bruecken, Abhaenge und steilen Schluchten, die in seinen Geschichten auftauchen, aber was ich sah, war natuerlich nicht das winterliche, kalte und schlammige Albanien, das Kadare beschrieben hatte. Die Landschaft war freundlicher und besass doch noch Anleihen an den altertuemlichen Staat, von dem ich gelesen hatte.
Was Albanien so alles ist, beschreibt Greta Taubert in ihrem Ostprobe-Blog ganz hervorragend, zum Beispiel das mit den Autos: "Es ist eine Liebesgeschichte, wie sie nur in Albanien zu finden ist: der ewige Bund zwischen Albanern und Mercedes Benz."
Noch zwei weitere Dinge.
a) eine Redensart. "In Albanien gibt es fuer den Gast stets Zigaretten auf dem Tisch und eine Frau im Bett."
b) das Martialische: unleugbar ist die grosse Vorliebe der Albaner fuer Schusswaffen jeglicher Art, insbesondere Kalashnikovs, die in laendlichen Gegenden mit dem Mantel an einen Haken gehaengt werden, des Schaefers liebstes Mittel gegen Woelfe sind und in beinahe jeder Soap im Fernsehen aus nicht immer nachvollziehbaren Gruenden von irgendwem auf alle gerade anwesenden Personen gerichtet werden.
Es sind 36grad in Tirana und man spuert jedes einzelne davon, wenn man den grossen Bulevard entlanglaeuft. Der chaotische Verkehr rauscht mit einer atemberaubenden Praezision ueber die an Schlagloechern reichen Strassen. Es gibt hier mehr Autos von Mercedes als im Grossraum Stuttgart. Die enorme, trockene Hitze laesst die Stadt trotz des Smogs in einer extremen Reinheit erscheinen, hier gammelt nichts und schimmelt es nirgends, die Luft ist glasklar, die sandfarbenen Fassaden und saeulengesaeumten Fronten der Ministerien glaenzen makellos.
Schon in Ohrid hatte ich Kadares "Der General der toten Armee" beendet, es war mein drittes Buch von ihm gewesen. Auf der Fahrt durch den bergigen Norden von Albanien hinab in die Ebene suchte ich nun die Bruecken, Abhaenge und steilen Schluchten, die in seinen Geschichten auftauchen, aber was ich sah, war natuerlich nicht das winterliche, kalte und schlammige Albanien, das Kadare beschrieben hatte. Die Landschaft war freundlicher und besass doch noch Anleihen an den altertuemlichen Staat, von dem ich gelesen hatte.
Was Albanien so alles ist, beschreibt Greta Taubert in ihrem Ostprobe-Blog ganz hervorragend, zum Beispiel das mit den Autos: "Es ist eine Liebesgeschichte, wie sie nur in Albanien zu finden ist: der ewige Bund zwischen Albanern und Mercedes Benz."
Noch zwei weitere Dinge.
a) eine Redensart. "In Albanien gibt es fuer den Gast stets Zigaretten auf dem Tisch und eine Frau im Bett."
b) das Martialische: unleugbar ist die grosse Vorliebe der Albaner fuer Schusswaffen jeglicher Art, insbesondere Kalashnikovs, die in laendlichen Gegenden mit dem Mantel an einen Haken gehaengt werden, des Schaefers liebstes Mittel gegen Woelfe sind und in beinahe jeder Soap im Fernsehen aus nicht immer nachvollziehbaren Gruenden von irgendwem auf alle gerade anwesenden Personen gerichtet werden.
Sep 4, 2009
Fast Sarajevo XIV
Pristina> 25.08.
Die Fahrt nach Prizren wuerde mich endlich in den bergigen Teil des Kosovos bringen, wo es schoen gruen ist abseits der muellgesaeumten Strassen. Prizren ist Bundeswehrterritorium, sie hat dort die Obhut. Es sei schoen sauber und das Leben gut organisiert, schwaermt Arthur, mit dem ich vor der Abfahrt in Pristinas noch eine grosse Tasse Macciato trinke. Ich habe Arthur in der Linie 7 kennengelernt, er brachte mich zum Terminal und organisierte ein Ticket. Arthur hat 11 Jahre in Minden zwischen Hannover und Bielefeld verbracht, spricht ein ruhiges Deutsch und ist ganz Kosovare, wenn er meint, dass die UN in dem jungen Staat schon vor der Abloesung von Serbien gemacht hat, was sie wollte. An den omnipraesenten Muell in der Stadt, an die Unentschlossenheit seiner Mitbuerger und an die vielen Diplomaten und Beamten, die in ihren Dienstautos ueber die Schnellstrassen preschen, hat er sich laengst wieder gewoehnt. Viele Busse in der Hauptstadt und anderswo im Balkan sind ohnehin deutsche Gebrauchtfahrzeuge. Und doch faellt es ihm schwer, sich wieder einzuklinken, es sei hart, akzeptiert zu werden als Rueckkehrer. Seine Verwandten und Freunde sehen in ihm jetzt einen Hochstapler, bloss weil er vor dem Krieg ins Ausland gegangen ist und hart dafuer gearbeitet hat, um eine gute Ausbildung zu erhalten. "Ich habe in Minden im Fussballclub gespielt und war bei den Pfadfindern, ich habe mich gut in Deutschland integriert. Vielleicht zu gut." Aus seinen Augen spricht das Unverstaendnis fuer seine Landsleute, deren vertracktes Leben und deren alltaegliche Probleme er nicht mehr nachvollziehen kann. Er fragt mich, ob es mir meine Verwandte uebel nehmen wuerden, dass ich in der Schweiz gewesen bin in meiner Jugend, und nicht jeden schweren Schritt von Deutschland nach der Wende miterlebt und mitgemacht habe, all diese traegen und wehmuetigen Entscheidungen gegen ein Verharren in der Opferrolle. Ich weiss nichts darauf zu erwidern, vielleicht weil ich nicht die Parallelen sehen moechte und mein Nachhausekommen im vorigen Jahr unter solch einem gaenzlich anderen Stern stand. Arthurs Geschichte aber empfinde ich symptomatisch fuer die Gegend, und fuer einen kurzen Moment zwischen zwei Schlucken Macciato habe ich eine einfache Erklaerung der Situation in Pristina vor meinen Augen: Die eine Haelfte der Bevoelkerung ist hin und her gerissen zwischen den Versprechungen der internationalen Organisationen einerseits und dem Bestehen auf bewaehrte Handlungsweisen andererseits, waehrend die andere Haelfte der Bewohner durch Auslandserfahrung und tiefergehendes Wissen voellig konsterniert ist ueber die Weltfremdheit dieser beiden Denkarten der anderen Gruppe.
Bezueglich der Roma im Kosovo faellt Arthur ein andeutungsweise progressives und doch genauso kurzsichtiges Urteil: Da die Zigeunerkinder nicht fuer die Fehler ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden sollten, sei ihnen zu helfen. Ueber das wie herrscht nur leider keine Einigkeit.
Die Fahrt nach Prizren wuerde mich endlich in den bergigen Teil des Kosovos bringen, wo es schoen gruen ist abseits der muellgesaeumten Strassen. Prizren ist Bundeswehrterritorium, sie hat dort die Obhut. Es sei schoen sauber und das Leben gut organisiert, schwaermt Arthur, mit dem ich vor der Abfahrt in Pristinas noch eine grosse Tasse Macciato trinke. Ich habe Arthur in der Linie 7 kennengelernt, er brachte mich zum Terminal und organisierte ein Ticket. Arthur hat 11 Jahre in Minden zwischen Hannover und Bielefeld verbracht, spricht ein ruhiges Deutsch und ist ganz Kosovare, wenn er meint, dass die UN in dem jungen Staat schon vor der Abloesung von Serbien gemacht hat, was sie wollte. An den omnipraesenten Muell in der Stadt, an die Unentschlossenheit seiner Mitbuerger und an die vielen Diplomaten und Beamten, die in ihren Dienstautos ueber die Schnellstrassen preschen, hat er sich laengst wieder gewoehnt. Viele Busse in der Hauptstadt und anderswo im Balkan sind ohnehin deutsche Gebrauchtfahrzeuge. Und doch faellt es ihm schwer, sich wieder einzuklinken, es sei hart, akzeptiert zu werden als Rueckkehrer. Seine Verwandten und Freunde sehen in ihm jetzt einen Hochstapler, bloss weil er vor dem Krieg ins Ausland gegangen ist und hart dafuer gearbeitet hat, um eine gute Ausbildung zu erhalten. "Ich habe in Minden im Fussballclub gespielt und war bei den Pfadfindern, ich habe mich gut in Deutschland integriert. Vielleicht zu gut." Aus seinen Augen spricht das Unverstaendnis fuer seine Landsleute, deren vertracktes Leben und deren alltaegliche Probleme er nicht mehr nachvollziehen kann. Er fragt mich, ob es mir meine Verwandte uebel nehmen wuerden, dass ich in der Schweiz gewesen bin in meiner Jugend, und nicht jeden schweren Schritt von Deutschland nach der Wende miterlebt und mitgemacht habe, all diese traegen und wehmuetigen Entscheidungen gegen ein Verharren in der Opferrolle. Ich weiss nichts darauf zu erwidern, vielleicht weil ich nicht die Parallelen sehen moechte und mein Nachhausekommen im vorigen Jahr unter solch einem gaenzlich anderen Stern stand. Arthurs Geschichte aber empfinde ich symptomatisch fuer die Gegend, und fuer einen kurzen Moment zwischen zwei Schlucken Macciato habe ich eine einfache Erklaerung der Situation in Pristina vor meinen Augen: Die eine Haelfte der Bevoelkerung ist hin und her gerissen zwischen den Versprechungen der internationalen Organisationen einerseits und dem Bestehen auf bewaehrte Handlungsweisen andererseits, waehrend die andere Haelfte der Bewohner durch Auslandserfahrung und tiefergehendes Wissen voellig konsterniert ist ueber die Weltfremdheit dieser beiden Denkarten der anderen Gruppe.
Bezueglich der Roma im Kosovo faellt Arthur ein andeutungsweise progressives und doch genauso kurzsichtiges Urteil: Da die Zigeunerkinder nicht fuer die Fehler ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden sollten, sei ihnen zu helfen. Ueber das wie herrscht nur leider keine Einigkeit.
Sep 3, 2009
Fast Sarajevo XIII
Die Kennenlern-Runde im Bus nach Pristina lief so ab, dass der Fahrer nach dem Passieren der kosovarischen Grenze die Namen der Passagiere in den Paessen vorlas und sie uns dann einzeln nach hinten reichte. Es waren viele Stammgaeste dabei, die die Route wohl oefters fuhren, der Fahrer verfaelschte ihre Namen, sprach sie falsch aus und das Spiel lief unter viel Gelaechter ab. Ueberhaupt liess der Fahrer oft sein froehliches, dunkles Lachen ertoenen, er war fast die gesamte Fahrt ueber am Telefon und schien viel Spass zu haben. Die Landschaft wurde bergiger, je weiter wir Richtung Suedwest fuhren, wir erreichten die Grenze, als es dunkelte. Die Beamten machten einen ernsten Eindruck, der Bus wurde genauestens durchsucht. Die Strassen in Serbien waren schlecht gewesen und verschwanden teilweise gaenzlich, im Kosovo war der Belag besser.
An einer Tankstelle zwischen Mitrovica und Pristina stiegen einige Passagiere in einen anderen Minibus um, der uns dann vorausfuhr. Unser Fahrer liess es sich nicht nehmen, auf dem halbfertigen Zubringer zur Autobahn zwischen Baustellen und Pylonen hindurch die Verfolgung aufzunehmen, unser Bus war leichter und hatte den staerkeren Motor. Nach einigen waghalsigen Ueberholmanoevern bemerkte ich, dass wir Pristinas Stadtgebiet bereits wieder verliessen, ich intervenierte, der Fahrer wendete, fuhr auf einer holprigen Seitenstrasse zurueck und liess mich im dunklen Nirgendwo der Vororte aussteigen. Ich gab ihm meine letzten Dinar. Die Nacht im Kosovo war deutlich kaelter als in Nis, ich wickelte mir meinen Schal um, der im Wind hinter mir herflatterte. Ein Taxi, das am Strassenrand stand, fuhr mich durch die verwinkelte Stadt, einen Huegel hinauf und brachte mich zum Gaestehaus in der Velaniastrasse, dem einzigen der Stadt. Schon wenige Minuten spaeter war ich mit zwei Australiern und einem langhaarigen Iren zu Fuss auf dem Weg zurueck nach downtown. Ramadan hatte gerade begonnen, kein Club und keine Bar hatte geoeffnet, so verbrachten wir notgedrungen einige Stunden in der Vertigobar auf dem Dach eines Hochhauses etwas ausserhalb an der Autobahn, wo wir assen und einige Bier tranken. In Thailand nennt man es farang-place - ein Ort fuer Expats und Kosovaren, die gerne welche waeren.
An einer Tankstelle zwischen Mitrovica und Pristina stiegen einige Passagiere in einen anderen Minibus um, der uns dann vorausfuhr. Unser Fahrer liess es sich nicht nehmen, auf dem halbfertigen Zubringer zur Autobahn zwischen Baustellen und Pylonen hindurch die Verfolgung aufzunehmen, unser Bus war leichter und hatte den staerkeren Motor. Nach einigen waghalsigen Ueberholmanoevern bemerkte ich, dass wir Pristinas Stadtgebiet bereits wieder verliessen, ich intervenierte, der Fahrer wendete, fuhr auf einer holprigen Seitenstrasse zurueck und liess mich im dunklen Nirgendwo der Vororte aussteigen. Ich gab ihm meine letzten Dinar. Die Nacht im Kosovo war deutlich kaelter als in Nis, ich wickelte mir meinen Schal um, der im Wind hinter mir herflatterte. Ein Taxi, das am Strassenrand stand, fuhr mich durch die verwinkelte Stadt, einen Huegel hinauf und brachte mich zum Gaestehaus in der Velaniastrasse, dem einzigen der Stadt. Schon wenige Minuten spaeter war ich mit zwei Australiern und einem langhaarigen Iren zu Fuss auf dem Weg zurueck nach downtown. Ramadan hatte gerade begonnen, kein Club und keine Bar hatte geoeffnet, so verbrachten wir notgedrungen einige Stunden in der Vertigobar auf dem Dach eines Hochhauses etwas ausserhalb an der Autobahn, wo wir assen und einige Bier tranken. In Thailand nennt man es farang-place - ein Ort fuer Expats und Kosovaren, die gerne welche waeren.
Sep 2, 2009
Fast Sarajevo XII
Pristina, 25.08.
Vor meiner Abfahrt in Nis traf ich den amerikanischen Schriftsteller Paul Polansky, der schon seit ueber 40 Jahren in Europa lebt, erst in Spanien, dann in Tschechien. Die UN hat ihn 1999 als Vermittler in Roma-Fragen in den Kosovo berufen, hier lebte er mehr als 10 Jahre lang selbstbestimmt unter erbaermlichsten Bedingungen, um die Lage der Roma in prosaischen Gedichten, Berichten und NGO-Arbeit zu dokumentieren. Seine Werke legen die ethnischen Graeueltaten offen, die waehrend dem zweiten Weltkrieg in Tschechien und in den Jahren 1999-2005 im Kosovo an den Zigeunern veruebt wurden. Da die Albaner im Kosovo der Auffassung sind, dass die Roma mit den Serben waehrend des Kriegs kooperierten, schikanieren sie die Zigeuner, die sich im Kosovo heimischen fuehlen und doch nicht bleiben koennen. Die UN macht keine Anstalten, ihnen zu helfen. In einem langen Marsch, auf dem Polansky sie begleitete, zogen 900 von ihnen nach Mazdedonien in der irrwitzigen Hoffnung, ueber Griechenland in die EU einreisen zu duerfen. Nach ihrer Abschiebung lebt ein Grossteil der Roma nun in den serbischen Enklaven im Kosovo, viele von ihnen auf bleiverseuchtem Gelaende. Polansky lebt mittlerweile in einem Haus etwas ausserhalb von Nis. Von hier zu den Enklaven sind es bloss zwei Stunden. Er faehrt jede Woche hinueber. Seine Arbeit als Menschenrechtsaktivist aehnelt einem Kampf mit Windmuehlen. Weder die UN noch die Regierungen der betroffenen Staaten reagieren auf seine Forderung, dass die Zigeunercamps umgehend evakuiert werden muessen. Das Leben von 300 Kindern steht auf dem Spiel, es zu retten, das hat sich Polansky in den Kopf gesetzt. Seine Antworten auf meine Fragen kommen nur mit einer kleinen Portion Verbitterung, der Rest ist eine Mischung aus unergruendlichem Schriftstellergeist und unermuedlichem Willen, dieser moeglicherweise ein antrainiertes Ueberbleibsel aus Polanskys Zeit als Boxer.
Neben einigen anderen Dingen lerne ich in den Gespraechen, dass die Aufgabe, eine Minderheit zu retten, die nirgends gemocht und der nirgends geholfen wird, ein ebenso aussichtsloses Unterfangen ist wie die ganzen anderen interkulturellen Projekte in der Region, der Streit zwischen Griechen und Mazedoniern ueber die Verwendung des Namens "Mazedonien", oder die Frage der Zugehoerigkeit des Kosovos, die mit der von der UN oktroyierten Unabhaengigkeitserklaerung keineswegs beantwortet ist. Der Balkan, mit seinen jungen Nationalstaaten und verschwommen Ethniengrenzen ist nicht mehr das Pulverfass, als das er in der Fruehzeit oft bezeichnet wurde, und doch stellen sich dem aufgeklaerten Europaer hier Fragen, die er nicht bei Anne Will beantwortet findet. Diese Fragen zu eroertern, das ist mein Plan fuer die sechs Wochen, die ich in den Laendern verbringe. Neben einem ordentlichen Nachbraeunen und einer genauen Analyse der wunderschoenen Frauen in diesen oestlichen Laendern.
Paul Polansky; Head of Mission "Kosovo Roma Refugee Foundation", ausserdem Head of Mission for Kosovo der Gesellschaft fuer bedrohte Voelker, Goettingen.
Zuletzt erschienen: "Undefeated", Sammlung von Prosagedichten, geschrieben zwischen 1994 und 2008.
Webseite
Vor meiner Abfahrt in Nis traf ich den amerikanischen Schriftsteller Paul Polansky, der schon seit ueber 40 Jahren in Europa lebt, erst in Spanien, dann in Tschechien. Die UN hat ihn 1999 als Vermittler in Roma-Fragen in den Kosovo berufen, hier lebte er mehr als 10 Jahre lang selbstbestimmt unter erbaermlichsten Bedingungen, um die Lage der Roma in prosaischen Gedichten, Berichten und NGO-Arbeit zu dokumentieren. Seine Werke legen die ethnischen Graeueltaten offen, die waehrend dem zweiten Weltkrieg in Tschechien und in den Jahren 1999-2005 im Kosovo an den Zigeunern veruebt wurden. Da die Albaner im Kosovo der Auffassung sind, dass die Roma mit den Serben waehrend des Kriegs kooperierten, schikanieren sie die Zigeuner, die sich im Kosovo heimischen fuehlen und doch nicht bleiben koennen. Die UN macht keine Anstalten, ihnen zu helfen. In einem langen Marsch, auf dem Polansky sie begleitete, zogen 900 von ihnen nach Mazdedonien in der irrwitzigen Hoffnung, ueber Griechenland in die EU einreisen zu duerfen. Nach ihrer Abschiebung lebt ein Grossteil der Roma nun in den serbischen Enklaven im Kosovo, viele von ihnen auf bleiverseuchtem Gelaende. Polansky lebt mittlerweile in einem Haus etwas ausserhalb von Nis. Von hier zu den Enklaven sind es bloss zwei Stunden. Er faehrt jede Woche hinueber. Seine Arbeit als Menschenrechtsaktivist aehnelt einem Kampf mit Windmuehlen. Weder die UN noch die Regierungen der betroffenen Staaten reagieren auf seine Forderung, dass die Zigeunercamps umgehend evakuiert werden muessen. Das Leben von 300 Kindern steht auf dem Spiel, es zu retten, das hat sich Polansky in den Kopf gesetzt. Seine Antworten auf meine Fragen kommen nur mit einer kleinen Portion Verbitterung, der Rest ist eine Mischung aus unergruendlichem Schriftstellergeist und unermuedlichem Willen, dieser moeglicherweise ein antrainiertes Ueberbleibsel aus Polanskys Zeit als Boxer.
Neben einigen anderen Dingen lerne ich in den Gespraechen, dass die Aufgabe, eine Minderheit zu retten, die nirgends gemocht und der nirgends geholfen wird, ein ebenso aussichtsloses Unterfangen ist wie die ganzen anderen interkulturellen Projekte in der Region, der Streit zwischen Griechen und Mazedoniern ueber die Verwendung des Namens "Mazedonien", oder die Frage der Zugehoerigkeit des Kosovos, die mit der von der UN oktroyierten Unabhaengigkeitserklaerung keineswegs beantwortet ist. Der Balkan, mit seinen jungen Nationalstaaten und verschwommen Ethniengrenzen ist nicht mehr das Pulverfass, als das er in der Fruehzeit oft bezeichnet wurde, und doch stellen sich dem aufgeklaerten Europaer hier Fragen, die er nicht bei Anne Will beantwortet findet. Diese Fragen zu eroertern, das ist mein Plan fuer die sechs Wochen, die ich in den Laendern verbringe. Neben einem ordentlichen Nachbraeunen und einer genauen Analyse der wunderschoenen Frauen in diesen oestlichen Laendern.
Paul Polansky; Head of Mission "Kosovo Roma Refugee Foundation", ausserdem Head of Mission for Kosovo der Gesellschaft fuer bedrohte Voelker, Goettingen.
Zuletzt erschienen: "Undefeated", Sammlung von Prosagedichten, geschrieben zwischen 1994 und 2008.
Webseite
Aug 13, 2009
Fast Sarajevo IV
Die Tage in Sarnate verstreichen, wie die Tage in Seminaren eben vorübergehen; sie zerfliessen zäh, die aufgenommene Masse an zivilgesellschaftlicher Erkenntnis tropft träge an den Dachstützen aus uraltem Holz vorbei, durch die Dielen unseres Dreierzimmers, in den Esssaal mit der wunderbaren Aussicht auf Wald, See und Saunahütte. Die versammelten Kollegiaten sind eine Gruppe geworden, von der man umgeben ist wie von Wasser, wenn man badet. Wir hören uns Beiträge im Radio an, beschäftigen uns mit unseren Themen und schauen wehmütig in die Landschaft, deren Anblick schon in einer kleinen Woche nur noch Erinnerung sein wird. Zwei Wochen sind wir hier. Ich denke öfters an Berlin zurück und an meine anschliessende Reise. Schlafgelegenheiten in den Städten des Balkans sind noch nicht gefunden, ausgerechnet an den ruhigeren Tagen fällt unsere Internetverbindung aus und meine Suche nach einer Unterkunft muss ich auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Die Tage ziehen vorüber, wie Seminartage eben vorüber ziehen – sie schleichen sich nachts, im Dunkeln, an unserem Hotel vorbei, durch die Wälder und über die Felder, bis zur grasbewachsenen Steilküste des Meeres, zu dem wir jeden Morgen laufen. Am Samstag befeuerten wir den Ofen in der russischen Banja, deren Wände aus massiven Baumstämmen bestehen und in der zwei Etagen mit enggerückten Liegen stehen. Die Luft in der Sauna war trocken, wir badeten zwischendurch in dem kleinen See vor dem Haus. Später, als es schon dunkelte, und wir nach zwei Saunagängen noch immer nicht genug hatten, banden wir junge Birkenastbüschel zusammen, gossen noch mehr mit Farnzweigen versetztes Wasser auf die glühenden Steine über dem Ofen und schlugen uns mit den in heissem Wasser eingelegten Ästen Brust, Rücken und Beine ab. Mehr und mehr roch die Banja nach Birke, wir stöhnten ob der Hitze und den wohltuenden Hieben, die unsere Haut belebten. Später, als der Vollmond über dem kleinen See stand und erste Nebelschwaden aus dem Wasser aufstiegen, tauchten wir ein letztes Mal in dieser Nacht in das kühle Nass, durchpflügten mit unseren Zügen den Nebel und wünschten uns nichts sehnlicher, als fern der Städte zu leben, auf einem Landgut in der waldigen Steppe des Nordens wie diesem.
Jun 27, 2009
the happening world
Anstatt zum Amusement ins Olympiastadion zu fahren, könnte man einfach in diese Tropical-Islands-Vergnügungshalle im alten Cargolifter-Werk tuckern, oder zum Beispiel zur Fusion. So lange ungefähr dauert nämlich die Reise in den äusseren Westen der Stadt, dorthin, wo Stelen und arische Sportlermonumente Zeugnis ablegen von der architektonischen Geschichte Berlins. Für die Fusion war das Wetter etwas bescheiden, und so fuhr ich natürlich trotz der Fahrzeit zum Sommerfest, denn ich wollte mir die Sause nicht entgehen lassen. Es war dann auch ein prächtiger Anblick, den das Catering- und Event-Team und Bayer-Schering angerichtet hatte. Wir wurden über das Marathon-Tor ins Stadion hineingeleitet, so dass sich das hellerleuchtete Rund vor uns ausbreitete wie eine offene Auster. Oben auf der Treppe nahm ich erstmal einen Sekt, und am Fuss von ihr gleich noch einen. Für das leibliche Wohl sorgten unzählige Grillstände, Salat-, Hauptgang- und Dessertbuffets sowie Getränkebons, die man uns am Eingang verschwörerisch zusteckte. Auf den Tanzflächen des VIP-Forums wurde dann gegen zwölf auch schon mehr oder weniger enthemmt getanzt. Nach zwei, drei Weissweinen, einigen Bieren, einem Cosmo an der Merengue-Bar, guten Gesprächen mit meinen Arbeitskollegen und einem Lichtspektakel in der Arena verliess ich dann aber die Sportstätte, um mich dem freitäglichen Treiben in Prenzlauer Berg zu widmen. Natürlich wäre es toll gewesen, eine Frau aus der mittleren Führungsebene vom Marketing kennenzulernen.

Am nächsten Morgen ist es immer noch dieses unentschlossene Wetter, ich setze mich in mein Café und esse – noch etwas zittrig von der Nacht und dem Hunger nach Frühstück, die Beine müde vom Laufen, Treppensteigen, Trinken – das beste Müsli des ganzen Viertels. Michael Jackson ist auf dem Titelbild der Zeitung, er wird auch im Feuilleton hervorragend diskutiert. Ich skippe bis «Give in to me» und erinnere mich an die Booklets, die mit ihren enggedruckten Liedtexten wie kleine Fibeln der Musik und des ewigen Suchens nach einem perfekten künstlerischen Ausdrucks wirkten.
Am nächsten Morgen ist es immer noch dieses unentschlossene Wetter, ich setze mich in mein Café und esse – noch etwas zittrig von der Nacht und dem Hunger nach Frühstück, die Beine müde vom Laufen, Treppensteigen, Trinken – das beste Müsli des ganzen Viertels. Michael Jackson ist auf dem Titelbild der Zeitung, er wird auch im Feuilleton hervorragend diskutiert. Ich skippe bis «Give in to me» und erinnere mich an die Booklets, die mit ihren enggedruckten Liedtexten wie kleine Fibeln der Musik und des ewigen Suchens nach einem perfekten künstlerischen Ausdrucks wirkten.
Jun 21, 2009
Artcrimes
Subversive Kunstverbrechen haben mich ja immer schon begeistert. Der Prozess der Kunstentstehung wird mystifiziert und geschieht meist auf illegale Weise. Man landet in einem sozialen Niemandsland, wo «Kunst schon fast Verbrechen und Verbrechen fast schon Kunst» ist (Neuromancer, William Gibson).
a) Untergunther// Nicht nur wegen dem tollen Namen. Reparierten die historische Uhr des Pantheons in Paris, fälschten dafür eine Menge Schlüssel und übergaben die funktionstüchtige Uhr schliesslich der staatlichen Obhut.
b) Ruppe Koselleck hat allerlei Privatbilder und anderes in die perfekten, von aller Menschlichkeit befreiten IKEA-Einrichtungshäuser geschleppt. Ganz abgesehen davon betreut er Kunstprojekte und Verbrechen am guten Geschmack (siehe «Terrorismussouvenir»)
c) wie b), nur in französisch: encastrable etabliert Kunst am Baumarkt in den schnödesten Hallen unseres Planeten.
via subversivblog rebel:art
a) Untergunther// Nicht nur wegen dem tollen Namen. Reparierten die historische Uhr des Pantheons in Paris, fälschten dafür eine Menge Schlüssel und übergaben die funktionstüchtige Uhr schliesslich der staatlichen Obhut.
b) Ruppe Koselleck hat allerlei Privatbilder und anderes in die perfekten, von aller Menschlichkeit befreiten IKEA-Einrichtungshäuser geschleppt. Ganz abgesehen davon betreut er Kunstprojekte und Verbrechen am guten Geschmack (siehe «Terrorismussouvenir»)
c) wie b), nur in französisch: encastrable etabliert Kunst am Baumarkt in den schnödesten Hallen unseres Planeten.
via subversivblog rebel:art
Konferenz der Tiere I
Erstmal die Rückschau, denn vielleicht lässt sich in der Retroperspektive der Kulturschock am besten verstehen. Samstagnacht gegen ein Uhr, S9 von Schönefeld. Den Fehler gemacht, von Warschauer Strasse mit M10 bis vor die Haustür fahren zu wollen. Das ist ja so ziemlich die schlimmste Route, die einem die Alkohol- und Identitätsprobleme einer partyfreudigen Hauptstadt bis auf Riechnähe entgegenbringt. Hier, eingequetscht zwischen stinkenden, gröhlenden, an die Scheiben der Tram hämmernden und an Stationshäuschen pinkelnden, lebendigen Alkoholleichen, bekamen die letzten sieben Tage ihren finalen Kontrast. Es kann ja nicht alles nur in Regenbogenfarben gemalt werden. Dennoch sind die Vorstellungen, Überlegungen und Bemühungen zur Paradigmenüberbrückung zu essentiell und zu langlebig, als dass sie so einfach aufgegeben würden.
Von nun an gibt es also News aus der Schnittstelle von Wissenschaft und Spiritualität. Was dieser Blog bis zu einem gewissen Grad ja auch ist. Worum geht es dabei? To make it short: Wissenschaftler, die eine spirituelle Form gefunden haben, werden nachhaltigere, sinvollere und humanfreundlichere Technologie entwickeln. Auf diese Weise ermöglichen sie es den Menschen, die sie benutzen, sich diese Eigenschaften anzueignen. Im Grunde geht es darum, die Welt zu retten, und dafür sowohl eine Technik als auch eine Philosophie zu entwickeln. Seltsamerweise waren die rund 120 Teilnehmer der "International Conference on Science&Spirituality in Cortona, IT" zurückhaltend genug, das kaum zu erwähnen.
Von nun an gibt es also News aus der Schnittstelle von Wissenschaft und Spiritualität. Was dieser Blog bis zu einem gewissen Grad ja auch ist. Worum geht es dabei? To make it short: Wissenschaftler, die eine spirituelle Form gefunden haben, werden nachhaltigere, sinvollere und humanfreundlichere Technologie entwickeln. Auf diese Weise ermöglichen sie es den Menschen, die sie benutzen, sich diese Eigenschaften anzueignen. Im Grunde geht es darum, die Welt zu retten, und dafür sowohl eine Technik als auch eine Philosophie zu entwickeln. Seltsamerweise waren die rund 120 Teilnehmer der "International Conference on Science&Spirituality in Cortona, IT" zurückhaltend genug, das kaum zu erwähnen.
Jun 5, 2009
the happening world
No one would have believed in the last years of the nieteenth century that this world was being watched keenly and closely by intelligences greater than man’s and yet as mortal as his own; that as men busied themselves about their various concerns they were scrutinised and studied [...]. With infinite complacency, men went to and fro over this globe about their little affairs, serene in their assurance of their empire over matter. [...] No one gave a thought to the older worlds of space as sources of human danger, or thought of them only to dismiss the idea of life upon them as impossible or improbable. [...] Yet across the gulf of space, minds that are to our minds as ours are to those of the beasts that perish, intellects vast and cool and and unsympathetic, regarded this world with envious eyes, and slowly and surely drew their plans against us.
Bei den Ideen des Zentrums für Politische Schönheit muss ich ja immer an H.G. Wells Geschichten «The Time Machine» und «War Of The Worlds» denken. In ihnen zeichnete der Autor während des zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts eine Zukunft, die so gar nicht science war: Dass die Menschheit verdummen würde, in naher oder auch ferner Zukunft, dass sich das Beschäftigungsfeld unserer Nachfahren nicht in Richtung Weltraumerforschung oder Weltformel entwickeln sollte, sondern in Richtung – Nabelschau. In seinem Buch «The Time Machine» sind die beiden Völker der Eloi und Morlocks sosehr mit sich selbst beschäftigt, dass für Forschung ohnehin kaum Zeit bliebe.
Diese düstere Dystopie entwerfen auch die Köpfe des Zentrums für Politische Schönheit. Allerdings mischen sie dem Gedanken noch eine anthropologische Wirkrichtung bei. Sie wollen die dem Menschen einst eigene Einzigartigkeit, ohne seine Einfallslosigkeit oder Selbstbezogenheit für die Nachwelt konservieren, sozusagen. Ein Filmstill fürs Jahr 4000 mit den dümmsten Sprüchen von heute. Denn, und das scheint ihre Botschaft zu sein, in ihrer ständigen Selbstsuche und Individualisierung tragen heutige Bürger nichts Konstruktives mehr zur gesellschaftlichen Entwicklung bei. Anstatt uns neue Denkwelten zu erschliessen und alte neu zu entdecken, folgen viele blindlings den von Werbung, Medien und «Zeitgeist» angebotenen Extrawelten des scheinbar hochentwickelten Lebens. In gewissen Kreisen ist es einfach chic geworden, eine phlegmatische Grundhaltung zu kultivieren, sich grundsätzlich zu beschweren und ganz allgemein seine Ideen, Träume und seine Moral second-hand aus Magazinen oder von Vorbildern zu beziehen. Wir vertrauen auf unsere Herrschaft über die gängigsten Faktoren und überlassen den Rest denjenigen, die sich damit ohnehin beruflich auseinandersetzen müssen.
Mit dieser Gewaltenteilung fahren wir eigentlich ganz gut – wir müssen uns weniger Gedanken machen und die anderen haben genug zu arbeiten. Vielleicht ist es diese Abgabe von Mündigkeit, durch die sich viele gedrängt sehen, mehr Zeit in die Selbstverwirklichung im Beruf zu investieren. Das Resultat ist simpel: Freizeits-Einbussen für alle.
Und selbst wenn sich die direkten Folgen nicht so einfach beziffern lassen, die dieser Rückzug aus der gesellschaftlichen Mitgestaltungssphäre nach sich zieht: Die Auswirkungen sind ja offensichtlich genug. Viele sind unzufrieden – und niemand tut etwas dagegen. Wieviel befriedigender wäre der Versuch, ganz eigennützig allein dem Drang nach Schönheit zu folgen? Na klar ist das eine Utopie. Aber eine Utopie ist auch immer nur so unerreichbar, wie die allgemeine Einschätzung vorgibt. Sie ist nicht käuflich – und deswegen nicht zu haben?!
Bei den Ideen des Zentrums für Politische Schönheit muss ich ja immer an H.G. Wells Geschichten «The Time Machine» und «War Of The Worlds» denken. In ihnen zeichnete der Autor während des zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts eine Zukunft, die so gar nicht science war: Dass die Menschheit verdummen würde, in naher oder auch ferner Zukunft, dass sich das Beschäftigungsfeld unserer Nachfahren nicht in Richtung Weltraumerforschung oder Weltformel entwickeln sollte, sondern in Richtung – Nabelschau. In seinem Buch «The Time Machine» sind die beiden Völker der Eloi und Morlocks sosehr mit sich selbst beschäftigt, dass für Forschung ohnehin kaum Zeit bliebe.
Diese düstere Dystopie entwerfen auch die Köpfe des Zentrums für Politische Schönheit. Allerdings mischen sie dem Gedanken noch eine anthropologische Wirkrichtung bei. Sie wollen die dem Menschen einst eigene Einzigartigkeit, ohne seine Einfallslosigkeit oder Selbstbezogenheit für die Nachwelt konservieren, sozusagen. Ein Filmstill fürs Jahr 4000 mit den dümmsten Sprüchen von heute. Denn, und das scheint ihre Botschaft zu sein, in ihrer ständigen Selbstsuche und Individualisierung tragen heutige Bürger nichts Konstruktives mehr zur gesellschaftlichen Entwicklung bei. Anstatt uns neue Denkwelten zu erschliessen und alte neu zu entdecken, folgen viele blindlings den von Werbung, Medien und «Zeitgeist» angebotenen Extrawelten des scheinbar hochentwickelten Lebens. In gewissen Kreisen ist es einfach chic geworden, eine phlegmatische Grundhaltung zu kultivieren, sich grundsätzlich zu beschweren und ganz allgemein seine Ideen, Träume und seine Moral second-hand aus Magazinen oder von Vorbildern zu beziehen. Wir vertrauen auf unsere Herrschaft über die gängigsten Faktoren und überlassen den Rest denjenigen, die sich damit ohnehin beruflich auseinandersetzen müssen.
Mit dieser Gewaltenteilung fahren wir eigentlich ganz gut – wir müssen uns weniger Gedanken machen und die anderen haben genug zu arbeiten. Vielleicht ist es diese Abgabe von Mündigkeit, durch die sich viele gedrängt sehen, mehr Zeit in die Selbstverwirklichung im Beruf zu investieren. Das Resultat ist simpel: Freizeits-Einbussen für alle.
Und selbst wenn sich die direkten Folgen nicht so einfach beziffern lassen, die dieser Rückzug aus der gesellschaftlichen Mitgestaltungssphäre nach sich zieht: Die Auswirkungen sind ja offensichtlich genug. Viele sind unzufrieden – und niemand tut etwas dagegen. Wieviel befriedigender wäre der Versuch, ganz eigennützig allein dem Drang nach Schönheit zu folgen? Na klar ist das eine Utopie. Aber eine Utopie ist auch immer nur so unerreichbar, wie die allgemeine Einschätzung vorgibt. Sie ist nicht käuflich – und deswegen nicht zu haben?!
May 30, 2009
the happening world
Kurze Ansage für die nächsten Tage: Montag ist übrigens Feiertag. Erfahre ich ja meistens erst ein paar Tage vorher, oder über Google. Google hat übrigens gerade die definitive Version von Gmail vorgestellt, sozusagen. Auf der I/O-Messe wurde Wave vorgestellt, eine Emailapplikation auf cloud-Basis, die in Realzeit und mit gadgetigen specials aufwarten kann. via Indiskretion Ehrensache
Wie weit Wave noch entfernt ist, habe ich nicht mitbekommen. Ich kann aber schon jetzt jedem Gmail empfehlen, oder Googlemail, wie es etwas sperrig seit Längerem heisst. Wenn man mal von der sehr Persönlichkeits-sensitiven Werbung absieht (da erscheinen Banner zu Dingen, über die ich mich höchstens in einem lauten Club mal im Flüsterton unterhalten habe), ist es ein komfortables onlinebasiertes Emailprogramm, das Outlook und Entourage komplett unnötig macht, Videochat bietet und auch annähernd live ist.
Im Juni ist ja Designmai. So muss «DMY» wohl gelesen werden. Die Messe findet verstreut über ganz Berlin statt, wie an vielen Orten (da, da, da) schon erwähnt wurde ist das betahaus eine prominente «extension», wie das in der Künstlersprache heisst. Es gibt Ausstellungen, Installationen in den Hinterhöfen, DJ, Getränke, abends Party. DMY-Startparty: 4. Juni, 22:00h, mit «Datsche hinten auf dem Hof». via betahaus
Am Tag davor, 3. Juni, gibt es ein sehenswertes Filmfestival an der selben Stelle. via berlin.unlike
Wieder einen Tag eher, 2. Juni, spielt der unglaubliche Scott Matthew in der Passionskirche in Kreuzberg. Man muss den Film «Shortbus» nicht gesehen haben, viele kennen den Sänger/Songschreiber ja woanders her, aber wer seine Stimme mal in ihrer zerbrechlichsten Form (nämlich bei «upside down») gehört hat, wird sich auf dieses Konzert freuen. via berlin.unlike
Wie weit Wave noch entfernt ist, habe ich nicht mitbekommen. Ich kann aber schon jetzt jedem Gmail empfehlen, oder Googlemail, wie es etwas sperrig seit Längerem heisst. Wenn man mal von der sehr Persönlichkeits-sensitiven Werbung absieht (da erscheinen Banner zu Dingen, über die ich mich höchstens in einem lauten Club mal im Flüsterton unterhalten habe), ist es ein komfortables onlinebasiertes Emailprogramm, das Outlook und Entourage komplett unnötig macht, Videochat bietet und auch annähernd live ist.
Im Juni ist ja Designmai. So muss «DMY» wohl gelesen werden. Die Messe findet verstreut über ganz Berlin statt, wie an vielen Orten (da, da, da) schon erwähnt wurde ist das betahaus eine prominente «extension», wie das in der Künstlersprache heisst. Es gibt Ausstellungen, Installationen in den Hinterhöfen, DJ, Getränke, abends Party. DMY-Startparty: 4. Juni, 22:00h, mit «Datsche hinten auf dem Hof». via betahaus
Am Tag davor, 3. Juni, gibt es ein sehenswertes Filmfestival an der selben Stelle. via berlin.unlike
Wieder einen Tag eher, 2. Juni, spielt der unglaubliche Scott Matthew in der Passionskirche in Kreuzberg. Man muss den Film «Shortbus» nicht gesehen haben, viele kennen den Sänger/Songschreiber ja woanders her, aber wer seine Stimme mal in ihrer zerbrechlichsten Form (nämlich bei «upside down») gehört hat, wird sich auf dieses Konzert freuen. via berlin.unlike
May 8, 2009
Fast Berlin V
Schlussendlich war es dann doch nicht so schlimm. Aller möglichen Vorratsdatenspeicherung zum Trotz weiss die deutsche Bürokratie noch nicht alles über mich. Und so konnte ich nach nur 25 Minuten das Bürgeramt beschwingt verlassen, diese schönen alten Gründerzeitbauten, wo, wie fast überall in Berlin, gerade Sanierungsarbeiten stattfinden. Die Sonne schien. Fast ist das nichts Besonderes mehr, im Berlin dieser Tage. Meine Stimmung aber, die war etwas Besonderes. Sie war besonders leicht, und besonders auch durch die Gewissheit, wieder einmal diesem Prozess der selbstablaufenden Erfolge beizuwohnen. Ich wusste ja immer noch nicht recht, woran das lag. Konnte es von meiner Einstellung herrühren? War ich genügsamer geworden? War eine geglückte Bezirksamt-Anmeldung für mich schon Freude genug? Sind es in Wirklichkeit nicht die kleinen Dinge, die mich freuen, sondern die «gewichtigeren»; der Job, das Gehalt, die Wohngegend, der Freundeskreis? Soviel ist feststellbar: es klappt einfach überall gut. Ich war an diesem Tag (heute) vielleicht nur einer von vielen, der auf der Prenzlauer Allee ihrem Glück entgegengelaufen sind. Um mein Bild zu vervollständigen, fehlte vermutlich nur noch die Sonnenbrille. So aber lief ich blinzelnd gegen die Sonne, für einmal wieder mir Kopfhörer, an den spiegelnden Kuppeln des Planetariums vorbei, und Nôze sang: «You have to dance»; und tatsächlich, es war diese Art von Tanz, der ich beiwohnte, ein Tanz, wie ich ihn schon lange erlebe. Eine Schrittfolge, die mich unbeschwert am Scheitern vorbeiführt.
May 7, 2009
Behörden reloaded
Jetzt mal im Ernst - Behördengänge machen mir ja immer Angst. Ich bin derart rational bei meinen Habseligkeiten, dass Dinge, die ein halbes Jahr lang nicht gebraucht wurden, sofort entsorgt werden müssen. Und jedesmal, wenn es dann zum Einwohnermeldeamt geht, suche ich verzweifelt nach meiner Geburtsurkunde. Aber dann sage ich mir, ach was, der Geburtsort steht doch im Pass. Bis ich tatsächlich der Dame vom Amt gegenübersitze und das alles nochmal auswalzen muss. Behördengänge sind etwas schreckliches, ständig diese Nachweise und Ummeldepflicht, und ausgerechnet die sympathische und günstige Autovermietung von Berlin macht jetzt Terz, weil sie nur an in Deutschland wohnhafte Fahrer vermietet und ich somit irgendwie vor Samstag noch die Anmeldung gebacken kriegen und gleichzeitig verbergen muss, dass ich gedenke, den Lastwagen mit getürkter Fahrerlaubnis zu lenken. DIESEN Schein hätte ich nämlich schon längst in einen EU-konformen Ausweis ummodeln lassen müssen. Die Behörden sind also immer für einige Schrecksekunden gut, und so war es gestern nur allzu nötig, dass ich mich ins nahe Fitnessstudio aufgemacht habe, um dort auf andere Gedanken zu kommen. Zumindest in dieser Institution verlief die Ummeldung problemlos. Und auf dem Laufband, das ich ja sonst meide wie der Teufel das Weihwasser, ausgerechnet da schaffe ich es endlich, die ganzen Bürokratietiger endlich zu vergessen. Das lag aber auch nur daran, dass ich mich beim Joggen äusserst stark konzentrieren muss, nicht irgendwo anzustossen oder runterzufallen.
Schon klar - «Baden-Württembergische Beamte köchelt man erst einige Formulare lang auf kleiner Flamme, bis sie gar sind»; in der Hauptstadt sind die Schaltertanten aber von ganz anderer Qualität.
Schon klar - «Baden-Württembergische Beamte köchelt man erst einige Formulare lang auf kleiner Flamme, bis sie gar sind»; in der Hauptstadt sind die Schaltertanten aber von ganz anderer Qualität.
Apr 29, 2009
Fast Berlin III
Die Fahrradklau-Paranoia ist in Berlin omnipräsent. Selbst Reiseführer werben damit, dass hier deutschlandweit (weltweit?) die meisten Zweiräder entwendet werden. Und die meisten Diebstahlfälle werden nicht mal aufgeklärt! Sowas aber auch! Wen wundert es wohl, wie die ganzen Räder auf die Flohmärkte kommen, wo sie mit übersprühten Rahmen für lau verkauft werden?
Die ständige Paranoia verleitet mich natürlich dazu, ein zweites Schloss für mein Rennrad zu kaufen. Doch der Verkäufer versetzt mich prompt:
«Rennrad schliesst man nicht ab»
Aha. Weil man es immer im Zimmer stehen haben sollte? Genau! So werden also die einförmigen Rennradfritzen geboren, die alle ihr Rad durch die Wohnung schieben. Fürs erste muss meins also auch drin stehen. Und fürs erste bin auch ich extrem vorsichtig, wo ich mein Stadtrad mit Seltenheitswert stehen lasse und ankette. Ich bin sogar so gutgläubig, dass ich jedesmal, wenn ich wieder zum Rad zurückgehe, erwarte, dass es weg ist. Auf diese Weise freue ich mich jedes, wirklich jedes Mal aufs Neue, es anschieben zu können, mich auf den Sattel zu schwingen und durch die Strassen zu brettern.
Die ständige Paranoia verleitet mich natürlich dazu, ein zweites Schloss für mein Rennrad zu kaufen. Doch der Verkäufer versetzt mich prompt:
«Rennrad schliesst man nicht ab»
Aha. Weil man es immer im Zimmer stehen haben sollte? Genau! So werden also die einförmigen Rennradfritzen geboren, die alle ihr Rad durch die Wohnung schieben. Fürs erste muss meins also auch drin stehen. Und fürs erste bin auch ich extrem vorsichtig, wo ich mein Stadtrad mit Seltenheitswert stehen lasse und ankette. Ich bin sogar so gutgläubig, dass ich jedesmal, wenn ich wieder zum Rad zurückgehe, erwarte, dass es weg ist. Auf diese Weise freue ich mich jedes, wirklich jedes Mal aufs Neue, es anschieben zu können, mich auf den Sattel zu schwingen und durch die Strassen zu brettern.
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