Showing posts with label Feinmechanik. Show all posts
Showing posts with label Feinmechanik. Show all posts

May 6, 2010

the happening world

Was tut man, wenn Regen niederfällt wie Bindfäden, die Arbeit an der kommenden Ausgabe des tollen Campus-Magazins vor sich hin dümpelt und zu allem Überfluss auch noch die Schwalbe mit unbekanntem Problem in der Werkstatt steht? Richtig, man geht los und beschafft sich Lektüre beim Buchhändler um die Ecke. Diesmal Platon (für die Ideengeschichte-Vorlesung am Politikwissenschafts-Institut) und Richters "Bettermann", ein zynischer Abklatsch der Verhältnisse zwischen Bildung, Politik und Wirtschaft in Deutschland, die auch ich im Artikel "Die Beziehungskiste" behandle, welcher Aufmacher sein wird in der vierten Ausgabe von FURIOS. Er handelt von personifizierten Institutionen, besagte Bildung, Wirtschaft und Politik, dazu gesellen sich Verwaltung, Geschichte und der Zeitgeist, ein struppiger Geselle, der mit all den althergebrachten Begriffen nichts anzufangen weiss. "Moderne Hochschule", die Tochter von Wirtschaft und Bildung schliesslich, fühlt sich in dem Kreuzfeuer aus wechselnder Einflussnahme und Ausbeutung verloren. Und davon handelt die Geschichte.

Feb 19, 2010

the happening world

Ich schwebte aus der letzten schriftlichen Prüfung raus, gab meine Bücher zurück und fuhr Sushi essen. Der Tag war gelaufen, wie Tage im Traum ablaufen: Wirr, wichtig, wurmlochartig.
Dann ging im zum Frisör. Stapfte durch den Matsch auf den Gehwegen der Kollwitzstrasse. Wartete, bis meine Friseuse frei wurde und hatte den Eindruck, dass sich der halbe Laden über mich lustig machte, weil ich Frauenmagazine las, aber etwas Anständiges für Männer hatten die eben auch nicht zu bieten. Als Nora dann kam und wir beratschlagten, was man noch tun könne mit meiner Frisur, stand mein Entschluss fest: Ich musste eine Friseuse kennenlernen! Sie schnitt, zupfte und rasierte eine geschlagene Stunde an mir rum, fand hier noch etwas und dort und machte akrobatische Übungen vor, seitlich und hinter mir, und wenn ich meine Brille aufgehabt hätte, dann hätte ich mich vermutlich an ihrem Friseusenkörper nicht sattsehen können. So aber liess ich alles über mich ergehen und war nachher richtig zufrieden mit dem Schnitt. Ich sagte ihr das, und fügte an, dass sie sich das merken solle, falls ich mal wiederkäme. Erst reagierte sie nicht darauf, sie war etwas hibbelig, touchierte mich manchmal mit der Schere und schniefte ausserdem ständig, so dass ich dachte, «die hat sich vorher noch etwas reingezogen». Dann fragte sie mich aber doch nach meiner Nummer, für den Notfall, wie sie meinte, falls ich bei einem zukünftigen Termin mal nicht auftauchen würde. Nee, ist schon klar.

Feb 18, 2010

the happening world

Meine Mitbewohnerin sagt: «Ist denn die Zahnreinigung beim Arzt unangenehm?» Ich erwidere: «Da muss man eben durch, es ist aushaltbar.»
Ich mag Ärzte einfach. Als ich, voller schlechter Vorahnungen, zu besagter Zahnreinigung gegangen bin, wurde ich von einer total netten Frau überrascht, die hier aufgewachsen war und sich brennend dafür interessierte, wie es denn die Kollegen in der Schweiz handhabten, das mit der Prophylaxe. Sie konnte mir genau erklären, welchen Vorteil ich von einem regelmässigen Zahnarztbesuch habe, was meine Kasse bietet und überhaupt ein paar Geschichten aus dem Zahnarztwesen. Ausserdem war ihre Praxis in einer wunderbar schönen Altbauwohnung eingerichtet, direkt um die Ecke. Zum Arzt muss man ja auch nie weit laufen hier, und meistens sind die ganz nett. Die Ärztin heute stellte sich mit einem Redeschwall vor, aus dem ich nach einigen Minuten herauslesen konnte, dass sie nicht durchführen würde, weswegen ich hergekommen war, weil die Kollegin, die mich überwiesen hat, falsch indiziert hatte. Sie stand vor mir, textete mich auf eine besonders fürsorgliche Art zu, so dass ich mich richtig gut aufgehoben fühlte. Egal, was denn nun komme, es hat bestimmt seine Richtigkeit, liefert positive Ergebnisse, die Praxisgebühr für dieses Quartal hatte ich schon im Januar bezahlt, ich konnte diesen Arztbesuch also uneingeschränkt geniessen. Wenig später, als sie mit dem Ultraschallstift in einer dicken Gelspur auf meiner Brust herumfuhr, unterbrach sie das Notwendige, um zu einer weiteren ausserplanmässigen Erklärung anzusetzen. «Sehen sie, apikal kann ich Ihr Herz gar nicht so gut erkennen, aber hier, hmm, hier ist es viel besser, hmm», murmelte sie, und stellte dann wie erwartet eine Sorglosigkeitsbescheinigung aus.

Ganz so einfach wie im ärztlichen Editorial der vorletzten Titanic war mein Erlebnis nicht: «Willkommen in meinem Editorial! Sie sehen oben einen stabilen grünen Balken, darunter mein Gesicht, daneben die Anrede, und das, was sich in der Leselupe spiegelt, die über die Buchstaben gehalten wird, sind Sie. Schön viele Falten haben Sie gekriegt! Und, wie geht's? So innendrin? Herz pocht noch? Lunge saugt? Milz pumpt? Wunderbar, das macht dann 100 Euro!»
Es hat aber auch nicht 100 Euro gekostet.

Dec 12, 2009

the happening world

Nieselregen, Klavierspiel aus der Wohnung über mir, Klausur am Montag, Erholen vom Adventsdinner gestern: Jawohl, Schreibtisch im Balkonzimmer aufbauen und ein gemütliches Wochenende machen in der 2raumwohnung.

Sep 22, 2009

Fast Sarajevo XXIII

Gjirokastra, 9.09., morgens zwischen Traeumen und Fruehstueck

Als wir in einem der Strassencafes sitzen, deren Tische und Stuehle sich auf dem schmalen Buergersteig an die Hauswaende schmiegen und zwischen denen die gepflasterten Strassen so schmal verlaufen, dass zwei Autos nur mit einer gehoerigen Portion an Mut aneinander vorbeipassen, gruessen uns die Leute schon wie alte Bekannte. Die anderen Gaeste im Cafe zwinkern uns verschwoererisch zu, als wuessten sie von den vorherigen Stationen unserer Reise und unseren weiteren Plaenen, und die Passanten unterbrechen ihre Gespraeche, um ihre paar Brocken Deutsch, Franzoesisch oder Englisch auszuprobieren, nur um kurz darauf wieder ins Albanische zu verfallen und zu laecheln ob unserer grossen Rucksaecke und unserer dicken Buecher. Und auch wir schmunzeln ueber ihre anarchistische Art, autozufahren, ueber ihr geschaeftiges Treiben, das fruehmorgendliche Begruessen und die ersten Rakijas, die einige der Maenner an den Tischen gegenueber von uns in langsamen, bedaechtigen Zuegen hinunterstuerzen.

Sep 4, 2009

1 Gedicht/Nacht

und: in Englisch!

ALLAH

After you eased yourself
on top of me
and leaned forward,
your long hair fell around
our faces like an arabian tent
holding in the desert air.

As I pulled your quivering lips
down to mine, your eyes closed
and the tent collapsed around us
spewing the desert heat into our groins.

Paul Polansky

Jul 31, 2009

Fast Sarajevo II

Die Liste der ungelesenen Blogs bewegt sich schon seit Wochen im dreistelligen Bereich. Veranstaltungsempfehlungen, Ausstellungen, Einladungen liegen im Stapel des readers schon lange wie tote Konserven aus der Vergangenheit. Das Zimmer ist bis auf die Möbel fast leer und ungewöhnlich aufgeräumt. Ab heute abend wohnt hier jemand anders. Ich schwinge mich ein letzes Mal aufs Rad für eine ausgedehnte Tournee durch den Stadtteil. Kopien besorgen, Bescheinigungen und frischgewaschene, gebügelte Hemden abholen, Cheques aushändigen lassen, ungelesene Post abholen. Es sind filigrane Arbeitsschritte, ein Werkeln am feingliedrigen Uhrwerk von Leben, Ferien, Bürokratie; kleine tastende Justierungen, damit auch alles seinen geordneten Lauf gehen kann und sich die Welt hier, in Westeuropa, auch ordentlich weiterdreht, wenn ich weg bin. Es ist ein letztes Aufatmen und Ausatmen des Grossstadtorganismus', danach beginnt eine Art Winterschlaf, wenn auch daraus wenige elektronische Träume entweichen werden.

Ich gehe auf Reisen.

May 11, 2009

Fast Berlin VI

Die Fahrrad-Klau-Paranoia hat neue Züge angenommen. Die Angst eines Angehörigen, dass mein Fahrrad mit Seltenheitswert gestohlen werden würde, veranlasste ihn dazu, mir ein neues Fahrradschloss zu schenken, eins mit Panzerkette und angeblichen Bestnoten in Sachen Diebstahlschutz. Also dann. Das gute Stück lag einige Tage ungenutzt herum, bis ich mich dazu entschloss, es endlich einzusetzen und mein altes (aber ebensogutes) an meine Mitbewohnerin weiterzugeben. Tja, an einem Sonntag schloss ich mein Rad damit dann das erste Mal am Mauerpark an und verlor daraufhin gleich beide Schlüssel dazu, ich hatte das Paar mitgenommen und nicht einen davon vorschriftsgemäss zu Hause gelassen. Das muss auf der Wiese passiert sein, wo wir uns nach dem erschöpfenden Bummel über den Flohmarkt in der Sonne hingelegt hatten. Die Suche blieb ergebnislos, das Fahrrad abgeschlossen, und der Entschluss, es abgeschlossen nach Hause zu transportieren, war schnell gefasst. Erfreulicherweise sind die Bürger von Berlin in solchen Situationen ungewöhnlich zurückhaltend. Es werden pro Jahr ungefähr 15'000 Fahrräder geklaut, aber der adrette Mann da vorne, der ein Rad mit starker Kette in den Innenhof schiebt, der ist bestimmt kein Dieb, und das Rad gehört wohl tatsächlich ihm. So müssen die Passanten gedacht haben. Glücklicherweise ist an meinem neuen Wohnort der Innenhof noch in der Sanierungsphase, und am Nachmittag des Folgetages trennte ein stämmiger Bauarbeiter, auf dessen Tshirt-Rückseite «Matzi» stand, für etwas Bares die Kette mit einer schweren Metall-Flex in nur 30 Sekunden durch. Das Ganze hat mich, mit neuem Schloss, nur 40 Tacken gekostet.

Dec 4, 2008

Wir nannten es Arbeit X

Die Anlagen des Betriebs liegen mit ihren riesigen Speichertanks, Schornsteinen und Rohrgewirren ruhig da, ihre Aussenhaut glitzert in der Wintersonne. In ihrer Untätigkeit scheinen sie wie grosse, schlafende Metalltiere.
Im Labor herrscht eine angenehme, trägmachende Wärme. In den halbverspiegelten Fenstern des gegenüberliegenden Gebäudes erstreckt sich das zerstückelte Panorama des Himmels, wie er hinter uns liegt. Gelegentlich öffnen und schliessen sich Glastüren im Gebäude, heliographieren dabei die Sonne.
Nach dem Mittagessen ziehe ich mich um und gehe ins Sitzungszimmer im Erdgeschoss, wo ich zu einer Informationsveranstaltung eingeladen bin. Mit mir nur fünf andere Praktikanten. Es gibt Kaffee und Weihnachtsgebäck, die Organisatoren von HR respektive Hochschulrecruiting lassen sich nicht lumpen. Die Vorträge sind eher allgemein gehalten, dümpeln ein wenig an der Oberfläche der Materie, behandeln die Energieeffizienz, wie könnte es anders sein, Ökologie-Thematik, einfache Klassifizierung des Themas, der Forschungsbereiche, Herstellungsgrundlagen. Wir lernen die Unterschiede kennen von Bier in Glasflaschen, Dosen, PET-Flaschen. Wir fragen bis an die Grenze des Erzählbaren, bis dorthin, wo die Geheimhaltungsklauseln greifen und wo Stoffe, Katalysatoren und Verfahren nurmehr mit Nummern und Codes bezeichnet sind, damit nicht auf deren Natur geschlossen werden kann.
Es ist später Nachmittag, als wir zur Werksbesichtigung aufbrechen, es dunkelt und schwere Wolken ziehen auf. Im Styropor-Plant II machen wir einen Rundgang mit einem älteren Ingenieur, das ganze, riesige Gebäude wird allein von vier Leuten kontrolliert, die zwischen den Kontrollräumen umherwandern, gelegentlich nachfüllen, Proben ziehen, aufräumen. So werden 150.000 Tonnen pro Jahr produziert, nebenan in Plant I nochmal soviel. Nach einem Gang durch den Reaktorensaal fahren wir ganz nach oben. Es hat zu regnen begonnen und ein heftiger Wind bläst uns entgegen, als wir aus dem Fahrstuhl direkt auf das offene Dach stolpern. In den Mulden der Abdeckung hat sich Wasser gesammelt und gekauert staksen wir zum Geländer am Rand. Vor uns erstreckt sich die Metallwüste mit ihren vielen Lichtern, zum ersten Mal fühle ich mich richtiggehend als ein Teil von ihr. Unter uns liegen die grossen Styrol-Tanks, von wo aus die neue Polystyrol-Anlage und die beiden Styropor-Plants gespeist werden. Neben uns glüht die Fackel, die das abgesaugte Pentan verbrennt. Styrol wird unter unseren Füssen in 7 Reaktoren polymerisiert, wodurch sich Kügelchen bilden, deren Wachstum irgendwann durch Beimischung von Pentan abgebrochen wird. Die «beads» erhalten dann eine Formulierung wie ein Medikament, sie werden beschichtet und nach Grösse ausgesiebt, bei diesem Prozess entsteht viel Staub, wie wir später sehen, ein Geschoss tiefer, wo die Rüttler stehen, wo die sich zersetzenden Peroxide einen starken, süsslichen Geruch hinterlassen und wo an den Wänden, auf den Maschinen, auf den Neonröhren fingerdick der weisse Staub des Beschichtungs-Stereats liegt wie Schnee. Wasserdicht in ein-Tonnen-Gebinden verpackt finden die «beads» ihren Weg nach Übersee oder England, wo sie geschmolzen und aufgeschäumt werden und als Styropor weiterleben.

Nov 7, 2008

Wir nannten es Arbeit VIII

Kontext:
Auf der Fahrt durchs Werksgelände, wenn ich an der GuD I-Anlage vorbeifahre, wo auf der der Strasse zugewandten Seite hinter Gittern die grossen ABB-Transformatoren vor sich hinbrummen, deren Sound mich an die ersten Bassakkorde aus «Thriller» erinnert.

Ein rostiges Dach, das einen zusammengeschusterten Eindruck macht. Ein Kamin, der von einem Stahlgerüst umgeben ist. Ein Gebäude, dessen Ausmasse etwas Bulliges an sich haben, Kantiges, Unwirkliches. Erinnerungen an Tschernobyl, den Reaktor. Ludwigshafen erscheint plötzlich als Prypiat, als Arbeiterstadt neben dem Unglücksort, das Unwesen des Fabrikgebäudes als der Sarkophag von Tschernobyl. Wie lange, bis sich die Katastrophe hierher verschiebt? William Gibson beschrieb einen Charakter in einem seiner Bücher als «das Produkt der Schuttwelle, die den Kern des radioaktiven alten Bonn umschliesst», und Bonn ist keine zwei Autostunden entfernt.

Meine Kette klackert zu sehr, sie sitzt etwas lose, vielleicht ein Glied zuviel drin. Ich werde das Rad am Montag zu der Werkstatt nahe Tor 11 bringen müssen. Keine fünf Minuten, nachdem ich das gedacht habe, sind meine Finger, meine Feinmechanik, mit «Sprühöl 88» vollgesaut, dem hochwertigen Feinmechaniköl mit Additiven für bessere Hochdruckbelastung, Korrosionsschutz und Alterungsbeständigkeit für zuverlässige Schmierung der Feinmechanik, das ich noch am Tag zuvor appliziert habe. Ein Glück, so ging die Arbeit viel leichter.