Es war der sechste Samstag in Folge und das Gefühl, zwischen Arbeitswoche und Sonntag zu stehen, leierte mich langsam aber sicher aus. Ich stand zwischen Arbeitspflichten und dem Wunsch, mich gehen zu lassen und mich auf das Kommende vorzubereiten. Um mich herum passierten die verrücktesten Geschichten, Freunde und Mitbewohnerin gleichermassen muteten mir die neuesten wilden Entwicklungen in ihren Leben zu, verlangten Rat von mir und Verständnis, wo ich einfach nur Feierabend haben wollte und überdies mit dem Nachvollziehen der stories überhaupt nicht hinterherkam. Ich verspürte das tiefe Bedürfnis, diesen Planeten zu verlassen und auf einen anderen zu ziehen, weil alles zuviel war. Es war das Gefühl, dass die Moderne, die verrückte, falsch-gerichtete und kurzsichtige moderne Welt mich überrollte und ich nicht mehr Schritt halten mochte.
Eine Freundin holte mich in Charlottenburg ab und gemeinsam gingen wir ins Schwarze Café, wo wir die gefühlten nächsten 10 Stunden verbrachten. Dieser Ort ist immer gut, wenn man nicht zeitreisen will, sondern wie in einer Zeitkapsel eingesperrt verweilen will, die wechselnden Gäste, das Personal, sie alle warfen uns gutmütige Blicke und kokettierende Sätze zu, während wir unseren Kaffee tranken und Suppe löffelten. Wir waren die Ausgelaugten der Nacht, hatten kaum geschlafen und fühlten uns gebeutelt vom Leben und den Umständen. Wir betrachteten den Schnee, der in dicken Flocken fiel, bestätigten uns gegenseitig, dass wir mit dem Leben mithielten, zahlten dann und fuhren zum Alex. Die Menge in den S-Bahnen und Geschäften hatte weiter zugenommen, dabei war schon beinahe alles geschlossen, als ich endlich wieder die Prenzlauer Allee hinauffuhr und nach Hause ging.
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Mar 7, 2010
Feb 19, 2010
the happening world
Ich schwebte aus der letzten schriftlichen Prüfung raus, gab meine Bücher zurück und fuhr Sushi essen. Der Tag war gelaufen, wie Tage im Traum ablaufen: Wirr, wichtig, wurmlochartig.
Dann ging im zum Frisör. Stapfte durch den Matsch auf den Gehwegen der Kollwitzstrasse. Wartete, bis meine Friseuse frei wurde und hatte den Eindruck, dass sich der halbe Laden über mich lustig machte, weil ich Frauenmagazine las, aber etwas Anständiges für Männer hatten die eben auch nicht zu bieten. Als Nora dann kam und wir beratschlagten, was man noch tun könne mit meiner Frisur, stand mein Entschluss fest: Ich musste eine Friseuse kennenlernen! Sie schnitt, zupfte und rasierte eine geschlagene Stunde an mir rum, fand hier noch etwas und dort und machte akrobatische Übungen vor, seitlich und hinter mir, und wenn ich meine Brille aufgehabt hätte, dann hätte ich mich vermutlich an ihrem Friseusenkörper nicht sattsehen können. So aber liess ich alles über mich ergehen und war nachher richtig zufrieden mit dem Schnitt. Ich sagte ihr das, und fügte an, dass sie sich das merken solle, falls ich mal wiederkäme. Erst reagierte sie nicht darauf, sie war etwas hibbelig, touchierte mich manchmal mit der Schere und schniefte ausserdem ständig, so dass ich dachte, «die hat sich vorher noch etwas reingezogen». Dann fragte sie mich aber doch nach meiner Nummer, für den Notfall, wie sie meinte, falls ich bei einem zukünftigen Termin mal nicht auftauchen würde. Nee, ist schon klar.
Dann ging im zum Frisör. Stapfte durch den Matsch auf den Gehwegen der Kollwitzstrasse. Wartete, bis meine Friseuse frei wurde und hatte den Eindruck, dass sich der halbe Laden über mich lustig machte, weil ich Frauenmagazine las, aber etwas Anständiges für Männer hatten die eben auch nicht zu bieten. Als Nora dann kam und wir beratschlagten, was man noch tun könne mit meiner Frisur, stand mein Entschluss fest: Ich musste eine Friseuse kennenlernen! Sie schnitt, zupfte und rasierte eine geschlagene Stunde an mir rum, fand hier noch etwas und dort und machte akrobatische Übungen vor, seitlich und hinter mir, und wenn ich meine Brille aufgehabt hätte, dann hätte ich mich vermutlich an ihrem Friseusenkörper nicht sattsehen können. So aber liess ich alles über mich ergehen und war nachher richtig zufrieden mit dem Schnitt. Ich sagte ihr das, und fügte an, dass sie sich das merken solle, falls ich mal wiederkäme. Erst reagierte sie nicht darauf, sie war etwas hibbelig, touchierte mich manchmal mit der Schere und schniefte ausserdem ständig, so dass ich dachte, «die hat sich vorher noch etwas reingezogen». Dann fragte sie mich aber doch nach meiner Nummer, für den Notfall, wie sie meinte, falls ich bei einem zukünftigen Termin mal nicht auftauchen würde. Nee, ist schon klar.
Jan 24, 2010
tracking with close-ups
Nach einem nächtlichen Vollrausch im Schwarzsauer ist alles schneller gedreht. Gespräche haben eine fast schon beängstigende Geschwindigkeit und Dringlichkeit, und während man sich noch fragt, warum die anderen Menschen es ebenso eilig und haben wie man selbst, steht man schon an einer ganz anderen Stelle, plappert mit dem Nächsten.
Jan 8, 2010
Fast Sarajevo IXL
Beograd. Kurz vor Abreise, 27.September.
Wir hatten Beograd im gleichen, sanften Morgenlicht wiedergefunden, aber verändert. Für mich war es mehr als einen Monat her, dass ich in der Sava gebadet hatte, aber Andrei war erst kürzlich hier gewesen. In der vorhergehenden Woche sollte ein Festival für Schwule stattfinden, das dann aus Gründen der Sicherheit abgesagt werden musste. Rechtsextreme Gruppen hatten mit eindeutigen Graffitis klar gemacht, dass sie vor Gewalt nicht zurückschrecken würden, falls sich homosexuelle Gruppen auf den Strassen Belgrads versammeln sollten, die Polizei war eingeknickt und liess verlauten, dass sie für die Sicherheit der Festival-Teilnehmer nicht garantieren konnte - «gay pride», das zuletzt 2001 stattgefunden hat, wurde abgesagt.
Als wir vom Bahnhof zum Hostel durch die Fussgängerzone schlenderten, waren uns die vielen schwer ausgerüsteten Polizisten gleich aufgefallen. Von ihnen gab es zu dieser Uhrzeit mehr als Passanten. Wir wunderten uns, machten uns aber keine Sorgen. Erst später erfuhren wir, dass in der vergangenen Woche auch Ausländer Opfer von gewalttätigen Übergriffen geworden waren. Ein frisch verheirateter Mann war von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode geprügelt worden, bei Fussballspielen wurden französische Fans angegriffen. Die Grosswetterlage hatte umgeschlagen - ie Stadt Belgrad zeigte ihr zweites Gesicht.
Wir befanden das für unbedenklich, gingen vergnügt shoppen und besichtigten Titos Grabmahl und die Sveta Sava, eine der grössten Kirchen der Welt.
Der Zug nach Zürich via Zagreb und Ljubljana fuhr um kurz nach zehn. Wir waren wie aufgeregte Kinder schon viel früher da, vollgepackt mit Börek und anderem Essen, und natürlich Bier, um die lange Fahrt zuüberstehen. Der Waggon, der bis nach Zürich durchfuhr, war ausgerechnet der modernste und am wenigsten bequemste. Die unnötige Klimaanlage surrte so laut, dass man Ohrensausen bekam, und das 6er Abteil hatte natürlich keine Vorhänge, so dass es selbst nachts hell war. Zu zweit verging die Zeit gut, erst ab Ljubljana war ich alleine und durchfuhr die langen Stunden der Nacht auf den unbequemen Sitzreihen des Westens, in den ich nun zurückkehrte. Ich windete mich, drehte mich auf die eine Seite und gleich wieder zurück.
Zürich war eine schale Stadt, um anzukommen. Der zweckmässige Bahnhof, den ich so gut kannte, machte mit seiner Nüchternheit klar, dass es hier nicht lustig werden würde. Ich setzte mich in den nächsten Regionalzug und fuhr zum Haus meiner Mutter.
Wir hatten Beograd im gleichen, sanften Morgenlicht wiedergefunden, aber verändert. Für mich war es mehr als einen Monat her, dass ich in der Sava gebadet hatte, aber Andrei war erst kürzlich hier gewesen. In der vorhergehenden Woche sollte ein Festival für Schwule stattfinden, das dann aus Gründen der Sicherheit abgesagt werden musste. Rechtsextreme Gruppen hatten mit eindeutigen Graffitis klar gemacht, dass sie vor Gewalt nicht zurückschrecken würden, falls sich homosexuelle Gruppen auf den Strassen Belgrads versammeln sollten, die Polizei war eingeknickt und liess verlauten, dass sie für die Sicherheit der Festival-Teilnehmer nicht garantieren konnte - «gay pride», das zuletzt 2001 stattgefunden hat, wurde abgesagt.
Als wir vom Bahnhof zum Hostel durch die Fussgängerzone schlenderten, waren uns die vielen schwer ausgerüsteten Polizisten gleich aufgefallen. Von ihnen gab es zu dieser Uhrzeit mehr als Passanten. Wir wunderten uns, machten uns aber keine Sorgen. Erst später erfuhren wir, dass in der vergangenen Woche auch Ausländer Opfer von gewalttätigen Übergriffen geworden waren. Ein frisch verheirateter Mann war von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode geprügelt worden, bei Fussballspielen wurden französische Fans angegriffen. Die Grosswetterlage hatte umgeschlagen - ie Stadt Belgrad zeigte ihr zweites Gesicht.
Wir befanden das für unbedenklich, gingen vergnügt shoppen und besichtigten Titos Grabmahl und die Sveta Sava, eine der grössten Kirchen der Welt.
Der Zug nach Zürich via Zagreb und Ljubljana fuhr um kurz nach zehn. Wir waren wie aufgeregte Kinder schon viel früher da, vollgepackt mit Börek und anderem Essen, und natürlich Bier, um die lange Fahrt zuüberstehen. Der Waggon, der bis nach Zürich durchfuhr, war ausgerechnet der modernste und am wenigsten bequemste. Die unnötige Klimaanlage surrte so laut, dass man Ohrensausen bekam, und das 6er Abteil hatte natürlich keine Vorhänge, so dass es selbst nachts hell war. Zu zweit verging die Zeit gut, erst ab Ljubljana war ich alleine und durchfuhr die langen Stunden der Nacht auf den unbequemen Sitzreihen des Westens, in den ich nun zurückkehrte. Ich windete mich, drehte mich auf die eine Seite und gleich wieder zurück.
Zürich war eine schale Stadt, um anzukommen. Der zweckmässige Bahnhof, den ich so gut kannte, machte mit seiner Nüchternheit klar, dass es hier nicht lustig werden würde. Ich setzte mich in den nächsten Regionalzug und fuhr zum Haus meiner Mutter.
Sep 25, 2009
Aug 16, 2009
Fast Sarajevo V
Ich bin zuhause, wo ich einen Stopover von 24Stunden einlege, um heute abend nach Budapest zu fahren, wo ich den morgigen Tag in den Thermen verbringe, um endlich anzukommen, loszulassen und die ganzen Erinnerungen und Erfahrungen abzuwaschen und zu verinnerlichen. Ich bin im Sitz der Maschine auf dem Flughafen von Riga eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als bereits die funkelnden Bauten und Türme von Berlin im tiefen Licht der Abendsonne am Fenster vorbeizogen. Ich hatte Träume gehabt während dem Flug, hatte erlebt, wie mich eine feste Hand packte und in eine Traumwelt zog, als der Pilot Schub gab und die Piste hinter sich liess.
Jetzt opfere ich die letzte Briefmarke für den Antrag auf Zusendung der Wahlunterlagen zu meinem Vater, da ich Ende September erst gerade aus Belgrad zurück an die Limmat fahre, nach Zürich. Gleich streife ich meine Armbanduhr und mein Armband ab, die ich hier gerne trage, auf der Reise aber vermissen möchte. Gleich schultere ich den Rucksack, der mich die nächsten sechs Wochen nährt und belastet, den ich durch die Länder des Balkans, durch Belgrad ud Skopje und Montenegro tragen werde, und eines Tages vielleicht auch durch Sarajevo. Gleich lasse ich die Traumstadt Berlin hinter mir, die an diesen Sommertagen erstaunlich konkret vor mir liegt, wo sie doch während meiner zwei Wochen in Lettland als ein unruhiges, diffuses Netz aus Partys, Arbeit und Wohnen war, mit vereinzelten Strassenzügen zwischen den alten, schweren Bauwerken der östliche Stadtteile. Gleich steige ich in den Zug, und bin endlich angekommen, im sich endlos vor mir erstreckenden Traum der Reiselust, im Zagen und sich verloren fühlen. Schon sind die Bilder vor meinem geistigen Auge vorbeigewischt, sie zeigen die einsamen Reisenden in Filmen und aus Büchern auf ihren weiten Reisen durch Niemandsland, das aus weitläufigen Einstellungen besteht, oder kärglichen Buchstabengebirgen. Meine Reise wird durch beides gleichermassen beschrieben, hier, in diesem Blog. Gleich steige ich in den Zug, sehr bald schon.
Jetzt opfere ich die letzte Briefmarke für den Antrag auf Zusendung der Wahlunterlagen zu meinem Vater, da ich Ende September erst gerade aus Belgrad zurück an die Limmat fahre, nach Zürich. Gleich streife ich meine Armbanduhr und mein Armband ab, die ich hier gerne trage, auf der Reise aber vermissen möchte. Gleich schultere ich den Rucksack, der mich die nächsten sechs Wochen nährt und belastet, den ich durch die Länder des Balkans, durch Belgrad ud Skopje und Montenegro tragen werde, und eines Tages vielleicht auch durch Sarajevo. Gleich lasse ich die Traumstadt Berlin hinter mir, die an diesen Sommertagen erstaunlich konkret vor mir liegt, wo sie doch während meiner zwei Wochen in Lettland als ein unruhiges, diffuses Netz aus Partys, Arbeit und Wohnen war, mit vereinzelten Strassenzügen zwischen den alten, schweren Bauwerken der östliche Stadtteile. Gleich steige ich in den Zug, und bin endlich angekommen, im sich endlos vor mir erstreckenden Traum der Reiselust, im Zagen und sich verloren fühlen. Schon sind die Bilder vor meinem geistigen Auge vorbeigewischt, sie zeigen die einsamen Reisenden in Filmen und aus Büchern auf ihren weiten Reisen durch Niemandsland, das aus weitläufigen Einstellungen besteht, oder kärglichen Buchstabengebirgen. Meine Reise wird durch beides gleichermassen beschrieben, hier, in diesem Blog. Gleich steige ich in den Zug, sehr bald schon.
Aug 13, 2009
Fast Sarajevo IV
Die Tage in Sarnate verstreichen, wie die Tage in Seminaren eben vorübergehen; sie zerfliessen zäh, die aufgenommene Masse an zivilgesellschaftlicher Erkenntnis tropft träge an den Dachstützen aus uraltem Holz vorbei, durch die Dielen unseres Dreierzimmers, in den Esssaal mit der wunderbaren Aussicht auf Wald, See und Saunahütte. Die versammelten Kollegiaten sind eine Gruppe geworden, von der man umgeben ist wie von Wasser, wenn man badet. Wir hören uns Beiträge im Radio an, beschäftigen uns mit unseren Themen und schauen wehmütig in die Landschaft, deren Anblick schon in einer kleinen Woche nur noch Erinnerung sein wird. Zwei Wochen sind wir hier. Ich denke öfters an Berlin zurück und an meine anschliessende Reise. Schlafgelegenheiten in den Städten des Balkans sind noch nicht gefunden, ausgerechnet an den ruhigeren Tagen fällt unsere Internetverbindung aus und meine Suche nach einer Unterkunft muss ich auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Die Tage ziehen vorüber, wie Seminartage eben vorüber ziehen – sie schleichen sich nachts, im Dunkeln, an unserem Hotel vorbei, durch die Wälder und über die Felder, bis zur grasbewachsenen Steilküste des Meeres, zu dem wir jeden Morgen laufen. Am Samstag befeuerten wir den Ofen in der russischen Banja, deren Wände aus massiven Baumstämmen bestehen und in der zwei Etagen mit enggerückten Liegen stehen. Die Luft in der Sauna war trocken, wir badeten zwischendurch in dem kleinen See vor dem Haus. Später, als es schon dunkelte, und wir nach zwei Saunagängen noch immer nicht genug hatten, banden wir junge Birkenastbüschel zusammen, gossen noch mehr mit Farnzweigen versetztes Wasser auf die glühenden Steine über dem Ofen und schlugen uns mit den in heissem Wasser eingelegten Ästen Brust, Rücken und Beine ab. Mehr und mehr roch die Banja nach Birke, wir stöhnten ob der Hitze und den wohltuenden Hieben, die unsere Haut belebten. Später, als der Vollmond über dem kleinen See stand und erste Nebelschwaden aus dem Wasser aufstiegen, tauchten wir ein letztes Mal in dieser Nacht in das kühle Nass, durchpflügten mit unseren Zügen den Nebel und wünschten uns nichts sehnlicher, als fern der Städte zu leben, auf einem Landgut in der waldigen Steppe des Nordens wie diesem.
Jul 31, 2009
Resignationsbekundungen
Die Lage muss als prekär bezeichnet werden. Ich rolle durch die Stadt, durch Aufgaben, Pläne und durch eine unruhige Eile, mit Vorhaben, die an einem Tag alleine überhaupt nicht bewältigt werden können, ach, eigentlich müsste das ganze Vorhaben selbst dann unmöglich sein, wenn ich tausend Jahre Zeit hätte. Die Mühlen der Bürokratie, dieses Systems aus gegenseitigen Versicherungen und Anfragen, mahlen unerbittlich. Fitness Studios sind ja ungefähr so haimässig wie Handyvertraganbieter, undurchsichtig in ihren Kosten, Klauseln und Kontrollen. Weil ich mein teures, clubgebundenes Abo nicht an eine Bekannte abtreten konnte, ich aber auch nicht gewillt war, 80 Tacken für nichts zu zahlen, musste eine andere Idee her.
«Herr Devid XXXXXX ist vom 01.08. - 31.09. geschäftlich für uns im Ausland unterwegs.»
Dieser schlichte Einzeiler, garniert mit Original-Firmenbriefkopf und schöner Unterschrift, hielt mir die Bezahlung trotz Nichtbenutzung vom Hals, weil Urlaub alleine als Pausierungsgrund nicht gilt. Man muss schon triftige Gründe haben, um von den Haien der Grossstadt in Ruhe gelassen zu werden, die einem gnadenlos an Brieftaschen, Handys und Terminkalendern hängen. Auch die Universität schiebt jetzt noch einige Anfragen zwecks unvollständigem Immatrikulationsantrag hinterher, will eine gesetzliche Krankenversicherungspolice haben. Die Universität - sie wird für einige Zeit wieder zum antragverschlingenden Monster, eine Maschine, die den Sachbearbeitern und Studenten ihre Verhaltensweisen vorgibt.
«Bitte machen Sie eine Kopie Ihrer Kopierkarte.»
- so witzelten wir damals, in Zürich noch, wenn wir dem Wahn der Bürokraten, Nachweise von nicht nachweisbaren Dingen zu verlangen, für einige Momente etwas Komisches abgewinnen konnten. Die Kopierkarte - sie steckt natürlich im Lesegerät neben der Repromaschine und kann unmöglich gleichzeitig auf der Scanscheibe liegen. So, wie auch ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Im Grunde aber bin ich es schon, das eine Bein ist schon in Tegel, der Fuss in der Maschine, Reihe 04D, für einmal nicht an den Notausgängen. Der Zeigefinger der linken Hand drückt schon den Halteknopf des Transferbusses ins Stadtzentrum, ein Muskel ist bereits angespannt beim Absetzen der Tasche im Zimmer des Hostels, in der Teatra-Strasse in Riga, heute, um 23:00 h osteuropäischer Sommerzeit.
«Herr Devid XXXXXX ist vom 01.08. - 31.09. geschäftlich für uns im Ausland unterwegs.»
Dieser schlichte Einzeiler, garniert mit Original-Firmenbriefkopf und schöner Unterschrift, hielt mir die Bezahlung trotz Nichtbenutzung vom Hals, weil Urlaub alleine als Pausierungsgrund nicht gilt. Man muss schon triftige Gründe haben, um von den Haien der Grossstadt in Ruhe gelassen zu werden, die einem gnadenlos an Brieftaschen, Handys und Terminkalendern hängen. Auch die Universität schiebt jetzt noch einige Anfragen zwecks unvollständigem Immatrikulationsantrag hinterher, will eine gesetzliche Krankenversicherungspolice haben. Die Universität - sie wird für einige Zeit wieder zum antragverschlingenden Monster, eine Maschine, die den Sachbearbeitern und Studenten ihre Verhaltensweisen vorgibt.
«Bitte machen Sie eine Kopie Ihrer Kopierkarte.»
- so witzelten wir damals, in Zürich noch, wenn wir dem Wahn der Bürokraten, Nachweise von nicht nachweisbaren Dingen zu verlangen, für einige Momente etwas Komisches abgewinnen konnten. Die Kopierkarte - sie steckt natürlich im Lesegerät neben der Repromaschine und kann unmöglich gleichzeitig auf der Scanscheibe liegen. So, wie auch ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Im Grunde aber bin ich es schon, das eine Bein ist schon in Tegel, der Fuss in der Maschine, Reihe 04D, für einmal nicht an den Notausgängen. Der Zeigefinger der linken Hand drückt schon den Halteknopf des Transferbusses ins Stadtzentrum, ein Muskel ist bereits angespannt beim Absetzen der Tasche im Zimmer des Hostels, in der Teatra-Strasse in Riga, heute, um 23:00 h osteuropäischer Sommerzeit.
Jul 27, 2009
the happening world
Es ist tropisch draussen, die Fahrt durch die vorabendliche Stadt gerät zur sommerlichen Bummeltour, es ist warm, die Leute schön. Die Arbeit wogt noch, unüberblickbar wallen ihre kleinen Hinterhältigkeiten, die sie für mich bereithält, vergessene Aufgaben oder Unerledigtes in der Nachbarabteilung, schnelle Jobs von den Kolleginnen, wo ich doch nur sitzen will, um meinen Bericht zu tippen.
Und the whitest boy alive singt «Time-bomb, time-bomb, o-uh time-bomb, time-bomb, time-bomb, time-bomb, oh-u-o time-bomb, time-bomb», und die schönsten Gitarrenriffs quengeln wie Kinder, «bitte, wir wollen das nächste Lied hören...».
Und das Wochenende liegt hinter mir wie ein grosses, schweres, schlafendes Etwas, eineinhalb Tage detox in der Uckermark zu dritt, den stärksten Regen im Auto ausgestanden, das leichte Nachregnen noch abgefangen, um dann pünktlich um sieben Uhr abends mit blauem Himmel und tiefer Sonne im kleinen Wald am See mit Strand wild das Zelt aufzubauen. Und eine schwere Nacht, und eine lange Jogging-Runde um das Gewässer, und erste zaghafte Schwimmzüge in dem kalten Nass, und eine Theateraufführung auf dem Gutshof in Lanke, und eine Fahrt zurück durch die Mark und hinein ins fröhlichere, schönere Berlin.
Und noch eine Party, und noch ein Umziehen der Kleider, und nochmal die Tasche umgepackt und mit den Zutaten für den schönsten After-dinner-drink losgedüst.
Und noch eine kleine Hektik erlaubt, schon die Tasche in Zitronensaft gebadet, das Handy nass und tot.
Und noch ein gezwungenes Zurücklehnen nötig, um bei all dem Schlamassel, den anstehenden Feiern, Abflügen, Programmen nicht zu verzweifeln, «detox! detox!», ruft der Magen und jetzt auch der Kopf.
Das ist es - so kurz vor der Abreise, dieses Gefühl von absoluter Gesättigtheit, verbunden mit dem Wunsch, einfach nicht aufzuhören, sich etwas unbeholfen weiter durch Partys zu plappern, die Arbeit bei der Stange zu halten, noch ein Terminchen und noch ein Abendessen. «All das Fleisch, denke ich. Und all meine Gelüste.» - heisst es in Neuromancer.
«Wieviele Brezeln passen in eine Nacht», heisst es in der FAZ, wo dem nächtlichen Brummen dieser Hauptstadt auf den Grund gegangen wird, den ungezählten Anlässen und Buffets, und den Menschen, die sie besuchen, und sich zwischen ihnen herumkutschieren lassen wie Roulette-chips, die man über das grüne Tapis schiebt.
Das Brummen in meinem Kopf wird erst enden, wenn ich mit Verabredung für Freitagabend, gepacktem Koffer, abgeschlossener Arbeit, verabschiedeten Freunden und Kolleginnen und übergebenem Zimmer auf dem Weg nach Tegel bin.
Und the whitest boy alive singt «Time-bomb, time-bomb, o-uh time-bomb, time-bomb, time-bomb, time-bomb, oh-u-o time-bomb, time-bomb», und die schönsten Gitarrenriffs quengeln wie Kinder, «bitte, wir wollen das nächste Lied hören...».
Und das Wochenende liegt hinter mir wie ein grosses, schweres, schlafendes Etwas, eineinhalb Tage detox in der Uckermark zu dritt, den stärksten Regen im Auto ausgestanden, das leichte Nachregnen noch abgefangen, um dann pünktlich um sieben Uhr abends mit blauem Himmel und tiefer Sonne im kleinen Wald am See mit Strand wild das Zelt aufzubauen. Und eine schwere Nacht, und eine lange Jogging-Runde um das Gewässer, und erste zaghafte Schwimmzüge in dem kalten Nass, und eine Theateraufführung auf dem Gutshof in Lanke, und eine Fahrt zurück durch die Mark und hinein ins fröhlichere, schönere Berlin.
Und noch eine Party, und noch ein Umziehen der Kleider, und nochmal die Tasche umgepackt und mit den Zutaten für den schönsten After-dinner-drink losgedüst.
Und noch eine kleine Hektik erlaubt, schon die Tasche in Zitronensaft gebadet, das Handy nass und tot.
Und noch ein gezwungenes Zurücklehnen nötig, um bei all dem Schlamassel, den anstehenden Feiern, Abflügen, Programmen nicht zu verzweifeln, «detox! detox!», ruft der Magen und jetzt auch der Kopf.
Das ist es - so kurz vor der Abreise, dieses Gefühl von absoluter Gesättigtheit, verbunden mit dem Wunsch, einfach nicht aufzuhören, sich etwas unbeholfen weiter durch Partys zu plappern, die Arbeit bei der Stange zu halten, noch ein Terminchen und noch ein Abendessen. «All das Fleisch, denke ich. Und all meine Gelüste.» - heisst es in Neuromancer.
«Wieviele Brezeln passen in eine Nacht», heisst es in der FAZ, wo dem nächtlichen Brummen dieser Hauptstadt auf den Grund gegangen wird, den ungezählten Anlässen und Buffets, und den Menschen, die sie besuchen, und sich zwischen ihnen herumkutschieren lassen wie Roulette-chips, die man über das grüne Tapis schiebt.
Das Brummen in meinem Kopf wird erst enden, wenn ich mit Verabredung für Freitagabend, gepacktem Koffer, abgeschlossener Arbeit, verabschiedeten Freunden und Kolleginnen und übergebenem Zimmer auf dem Weg nach Tegel bin.
Jul 14, 2009
Fast Sarajevo I
Die Hinreise war schon komplett geplant und gebucht, was so früh vor Reiseantritt auch für mich ein Novum war. Egal, ich sagte mir, dass da nichts dazwischen kommen kann, und freute mich auf die Nachtfahrten nach Budapest und weiter nach Belgrad. Dann kam aber doch etwas dazwischen, und nach reichlicher Überlegung kürzte ich meinen Urlaub, um die ersten beiden Augustwochen an der Ostseeküste in Europas Norden zu verbringen. Es werden wieder reisereiche Wochen. Als jemand, der bei Flügen gern in der Reihe mit den Notausgängen sitzt, weil dort die Beinfreiheit am besten ist, zögerte ich davor, die knapp 20 stündige Busfahrt nach Riga auf mich zu nehmen. Lieber zahlte ich 50 Euro drauf, fliege bequem von Tegel und habe auf der Rückfahrt einen Tag Zwischenstop in Berlin, um das Gepäck zu wechseln. Die Zugtour wurde auch kurzerhand umgebucht, was 15 Euro extra kostete, dafür fahre ich von Budapest nach Belgrad jetzt tagsüber.
Jul 11, 2009
tracking with close-ups
In den Momenten, wenn die Fahrt in den Urlaub irgendwie nicht mehr so recht zwischen Arbeit und Urlaub reinpassen will, regt sich in mir die Frage, wie dieser Wechsel überhaupt vonstatten gehen soll, ob ich etwas falsch gemacht habe. Im Grunde habe ich aber alles richtig gemacht, indem ich beschlossen habe für das Wochenende in das Landhaus von Bekannten in Ostvorpommern zu fahren. Wenn das Häusermeer draussen vor dem Zugfenster lichter wird und der Kopf langsam auf Landlaune wechselt, wenn sich nach kurzen Schauern bei Prenzlau die Wolken verziehen und der Horizont gutes Wetter verspricht, dann ist die Reise wie geplant schon selbst zum Urlaub geworden. Am Bahnhof von Züssow schnalle ich mir die Ledertasche um und fahre die ersten Kilometer auf dem seit Monaten nicht mehr bewegten Rennrad. Schon auf den ersten Metern verfalle ich der Geschwindigkeit, ich hänge über den Lenker gebeugt einen Meter über dem Asphalt, der Rückenwind hilft mir dabei, mich 50 Stundenkilometern zu nähern, die Speichen der Räder zersägen die Luft, die dabei singt.
Wir braten ein Wildschwein über dem Holzkohlegrill, fangen früh genug mit Biertrinken an, stehen bald am Rande des kleinen Teichs und lauschen der barocken Wassermusik, die von vier Männern und einer Frau vorgetragen wird. Wir tanzen kurz darauf, und vermengen die vier Grundelemente Essen-Trinken-Musik-Tanz in den folgenden Abendstunden erneut und erneut, bis es dunkelt, der Himmel aber selbst um Mitternacht einen lichten Schein behält, so, wie ich es von den Sommernächten an der Ostsee in Erinnerung habe. Am nächsten Tag breche ich auf für eine kleine Rundfahrt durch die Ebene zwischen Greifswald und Anklam, drehe eine Runde auf Usedom und kämpfe mich durch den Gegenwind wieder zurück zum Landhaus. Die Strassen hier sind noch ursprünglich, es gibt einige frisch geteerte Schnellstrassen, und die Fahrradkarte leitet mich zwei-, dreimal auf schlechter werdende Plattenwege, die in Waldwege übergehen und mit dem Rennrad nicht machbar sind. Nach dem dritten Mal steige ich ab, schultere das Rad und stapfe mit den Schuhen, die nicht eben fürs Wandern gemacht sind, über den Sand des Feldweges und die vier Kilometer bis zum nächsten Dorf und der Fortsetzung des Asphalts. Dort, bei diesem langsamen Tempo, unter dem Rauschen der Bäume und inmitten der Weite der Heiden und Felder, sehe ich Vorpommern, wie es wohl auch die alten Preussen gesehen haben müssen.

Wir braten ein Wildschwein über dem Holzkohlegrill, fangen früh genug mit Biertrinken an, stehen bald am Rande des kleinen Teichs und lauschen der barocken Wassermusik, die von vier Männern und einer Frau vorgetragen wird. Wir tanzen kurz darauf, und vermengen die vier Grundelemente Essen-Trinken-Musik-Tanz in den folgenden Abendstunden erneut und erneut, bis es dunkelt, der Himmel aber selbst um Mitternacht einen lichten Schein behält, so, wie ich es von den Sommernächten an der Ostsee in Erinnerung habe. Am nächsten Tag breche ich auf für eine kleine Rundfahrt durch die Ebene zwischen Greifswald und Anklam, drehe eine Runde auf Usedom und kämpfe mich durch den Gegenwind wieder zurück zum Landhaus. Die Strassen hier sind noch ursprünglich, es gibt einige frisch geteerte Schnellstrassen, und die Fahrradkarte leitet mich zwei-, dreimal auf schlechter werdende Plattenwege, die in Waldwege übergehen und mit dem Rennrad nicht machbar sind. Nach dem dritten Mal steige ich ab, schultere das Rad und stapfe mit den Schuhen, die nicht eben fürs Wandern gemacht sind, über den Sand des Feldweges und die vier Kilometer bis zum nächsten Dorf und der Fortsetzung des Asphalts. Dort, bei diesem langsamen Tempo, unter dem Rauschen der Bäume und inmitten der Weite der Heiden und Felder, sehe ich Vorpommern, wie es wohl auch die alten Preussen gesehen haben müssen.
Jun 12, 2009
the happening world
Der Gehweg der Danziger gleicht einem Brachland. Auf der Achse Bernauer-Eberswalder-Danziger finden die derzeitigen Sanierungspläne im Prenzlauer Berg ihre Anwendung. Ganz abgesehen von den Arbeiten auf der U2 und der Torstrasse. Wie man hört, wird bald auch die Kastanienallee dransein, dann ist die Zeit der breiten Bürgersteige und des relativ ruhigen Verkehrs möglicherweise erstmal vorüber.
Der Wind bläst aprilgleich. Dieser Stadtsturm ist etwas, was ich mit Deutschlands Norden verbinde, Hamburg war mir stets zu zugig, in Berlin geht es eigentlich, ich frage mich bloss, wie die Leute bei dem Wind ihre Frisuren so gut behalten können. Ich war ja gerade heute erst beim Friseur, und habe neben höheren Preisen auch feststellen können, dass mich die dauerhafte Beschallung mit elektronischer Musik, die ich einst kreativ und anregend fand, nun etwas ermüdet. Ich frage mich, wie die Friseusen und Friseure das aushalten und sich diesen Sound allen Ernstes des Nachts auch noch in der Arena oder dem Watergate anhören können.
Die Abende werden derweil voller und voller und ich kann das Funkstille-Syndrom nun auch bei mir beobachten, ich bin je länger je mehr eingebundener in meinen Aktivitäten, so dass die Benachrichtigung von Freunden und Familie nicht mehr im üblichen Rhythmus stattfindet. Um diese Zeitlosigkeit, diesen Grad der Beschäftigung zu erreichen, dazu bin ich recht eigentlich aber aufgebrochen. Habe mich nicht vollkommen wohnlich eingerichtet. Um nicht Zuhause im Schönen zu versacken. Mit dem dritten Umzug Ende Juni wird das gemütliche Einrichten aber ganz nach meinem Geschmack endlich stattfinden und ich frage mich, ob dann die Unternehmungslust geordnete, ruhigere Züge annimmt.
Fürs erste ist aber Urlaub angesagt, kein Blogalarm und Handyklingeln. Ich werde ab Samstag für eine Woche in Italien weilen und auf einer Konferenz erneut die Vereinbarkeit von Spiritualität und Wissenschaft ausloten. Sieben reiche Tage mit viel Essen und Gesprächen und Sonne. Ich habe die Vermutung, dass die Reiseberichte und Alltagsbeobachtungen nach meiner Rückkehr wieder jene Atemlosigkeit und Dynamik annehmen werden, die sie schon im letzten September hatten.
Der Wind in den Bäumen klingt manchmal wie Regen.
Der Wind bläst aprilgleich. Dieser Stadtsturm ist etwas, was ich mit Deutschlands Norden verbinde, Hamburg war mir stets zu zugig, in Berlin geht es eigentlich, ich frage mich bloss, wie die Leute bei dem Wind ihre Frisuren so gut behalten können. Ich war ja gerade heute erst beim Friseur, und habe neben höheren Preisen auch feststellen können, dass mich die dauerhafte Beschallung mit elektronischer Musik, die ich einst kreativ und anregend fand, nun etwas ermüdet. Ich frage mich, wie die Friseusen und Friseure das aushalten und sich diesen Sound allen Ernstes des Nachts auch noch in der Arena oder dem Watergate anhören können.
Die Abende werden derweil voller und voller und ich kann das Funkstille-Syndrom nun auch bei mir beobachten, ich bin je länger je mehr eingebundener in meinen Aktivitäten, so dass die Benachrichtigung von Freunden und Familie nicht mehr im üblichen Rhythmus stattfindet. Um diese Zeitlosigkeit, diesen Grad der Beschäftigung zu erreichen, dazu bin ich recht eigentlich aber aufgebrochen. Habe mich nicht vollkommen wohnlich eingerichtet. Um nicht Zuhause im Schönen zu versacken. Mit dem dritten Umzug Ende Juni wird das gemütliche Einrichten aber ganz nach meinem Geschmack endlich stattfinden und ich frage mich, ob dann die Unternehmungslust geordnete, ruhigere Züge annimmt.
Fürs erste ist aber Urlaub angesagt, kein Blogalarm und Handyklingeln. Ich werde ab Samstag für eine Woche in Italien weilen und auf einer Konferenz erneut die Vereinbarkeit von Spiritualität und Wissenschaft ausloten. Sieben reiche Tage mit viel Essen und Gesprächen und Sonne. Ich habe die Vermutung, dass die Reiseberichte und Alltagsbeobachtungen nach meiner Rückkehr wieder jene Atemlosigkeit und Dynamik annehmen werden, die sie schon im letzten September hatten.
Der Wind in den Bäumen klingt manchmal wie Regen.
Dec 8, 2008
Fast Frankfurt IX
In der Botschaft findet ein Treffen statt zwischen der Politikfabrik-Gruppe und Vertretern von Politik und Medien der Ukraine, sowie zwei Studentinnen der Universität. Danach gibt es Buffett, mein Abendessen, auf das ich an diesem Tag sehr lange gewartet habe. Im Gespräch mit einem Abteilungsleiter eines ukrainischen Fernsehsenders, mit der Leiterin einer ukrainischen NGO, im Blickkontakt mit den Politikfabrik-Leuten, die mir in dieser kurzen Zeit schon so vertraut geworden sind, auf diese Weise bin ich für einige Stunden aus Kiev ausgeschlossen, der Regen und die Fremde sind mir nicht bis in die Botschaft gefolgt. Sie warten draussen, in den Strassen, und werden mich später wieder in Empfang nehmen. Aber als sich einer der Organisatoren der Politikfabrik an den Flügel im Atrium der Botschaft setzt und losklimpert, als das ukrainische Bier zu wirken beginnt, als Gruppenfotos gemacht werden und der Anlass langsam zu seinem Ende kommt, da habe ich die Stadt, das Vorhaben, die Einsamkeit des Reisen vergessen und werde von der Gruppe mit in ihr zentral gelegenes Apartment genommen.
Später, nach einigem Vodka, guten Erzählungen und einem eigenartigen Heimatgefühl stehen wir auf der Strasse, «Team Nord» und ich. Es stellt sich raus, dass wir doch nicht im selben Hostel übernachten, also mache ich mich auf, in die Dunkelheit, doch schon vor dem Hyatt lenke ich ein, lasse ab von der Fremde und steige in die teure Vertrautheit eines Taxis, das mich zum Hostel bringt. Der Regen ist wieder da, er plätschert vor dem Zimmerfenster auf die Wellblechdächer im Innenhof, er bringt Schlaf mit sich und Träume, die ebenso tropfenhaft durch die Nacht fallen, ihren Weg verlassen und in das Labyrinth der Stadt sinken, durch das ich mich kämpfen werde die nächsten Tage. Keine Karte von Kiev sieht aus wie die andere, mit ihnen ist es wie mit den Uhren auf den Strassen und in den Geschäften, die stets eine unterschiedliche Zeit anzeigen. Raum und Zeit, die beiden Realitätsachsen verbiegen sich hier. Die Tage, in denen ich die Stadt kennenlerne, Leute treffe, Telefongespräche führe, Museen besichtige und Metro fahre, sie ziehen sich in die Länge, überschneiden und wiederholen sich. Die Orte ähneln einander, die Gebäude wechseln die Strassenseite, Norden ist mehrmals woanders, nur der Dnjepr ist stets derselbe, breit und ruhig fliesst er am Rande der Stadt, gesäumt von Stränden und Vergnügungsbuden, die alle bereits ihren langen Winterschlaf angetreten haben.
Die letzte Nacht, die ich in Kiev verbringe, ist klar und regenlos. Ich quartiere mich kurzerhand bei der Couchsurferin aus und in einem zentral gelegeneren Hostel wieder ein. Ich gehe erneut in das Apartment der Politikfabrik, wir gehen in einen der vermutlich teuersten und groteskesten Clubs der Stadt, direkt neben der japanischen Botschaft. Hier gibt es sie noch, die Westler im Anzug mit Zigarre, die Vodka aus der Flasche trinken, die ukrainischen Schönheiten mit ihren tartarischen Gesichtszügen, hohen Wangenknochen und filigranen Schulterblättern. Um den Maydan, den Platz der Unabhängigkeit, sieht man mehr Porsche Cayennes als in Stuttgarts Innenstadt. Auf dem Weg zurück finden wir eine Patronenhülse auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Regierungsgebäude.
Der Schlaf in dieser Nacht lässt auf sich warten. Ich liege halbnackt neben dem offenen Fenster. In den zwei Stunden, bis der Bus nach Tschernobyl fährt, gesellt sich irgendwann ein Laken hinzu, eine Bettdecke, ein Kissen.
Später, nach einigem Vodka, guten Erzählungen und einem eigenartigen Heimatgefühl stehen wir auf der Strasse, «Team Nord» und ich. Es stellt sich raus, dass wir doch nicht im selben Hostel übernachten, also mache ich mich auf, in die Dunkelheit, doch schon vor dem Hyatt lenke ich ein, lasse ab von der Fremde und steige in die teure Vertrautheit eines Taxis, das mich zum Hostel bringt. Der Regen ist wieder da, er plätschert vor dem Zimmerfenster auf die Wellblechdächer im Innenhof, er bringt Schlaf mit sich und Träume, die ebenso tropfenhaft durch die Nacht fallen, ihren Weg verlassen und in das Labyrinth der Stadt sinken, durch das ich mich kämpfen werde die nächsten Tage. Keine Karte von Kiev sieht aus wie die andere, mit ihnen ist es wie mit den Uhren auf den Strassen und in den Geschäften, die stets eine unterschiedliche Zeit anzeigen. Raum und Zeit, die beiden Realitätsachsen verbiegen sich hier. Die Tage, in denen ich die Stadt kennenlerne, Leute treffe, Telefongespräche führe, Museen besichtige und Metro fahre, sie ziehen sich in die Länge, überschneiden und wiederholen sich. Die Orte ähneln einander, die Gebäude wechseln die Strassenseite, Norden ist mehrmals woanders, nur der Dnjepr ist stets derselbe, breit und ruhig fliesst er am Rande der Stadt, gesäumt von Stränden und Vergnügungsbuden, die alle bereits ihren langen Winterschlaf angetreten haben.
Die letzte Nacht, die ich in Kiev verbringe, ist klar und regenlos. Ich quartiere mich kurzerhand bei der Couchsurferin aus und in einem zentral gelegeneren Hostel wieder ein. Ich gehe erneut in das Apartment der Politikfabrik, wir gehen in einen der vermutlich teuersten und groteskesten Clubs der Stadt, direkt neben der japanischen Botschaft. Hier gibt es sie noch, die Westler im Anzug mit Zigarre, die Vodka aus der Flasche trinken, die ukrainischen Schönheiten mit ihren tartarischen Gesichtszügen, hohen Wangenknochen und filigranen Schulterblättern. Um den Maydan, den Platz der Unabhängigkeit, sieht man mehr Porsche Cayennes als in Stuttgarts Innenstadt. Auf dem Weg zurück finden wir eine Patronenhülse auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Regierungsgebäude.
Der Schlaf in dieser Nacht lässt auf sich warten. Ich liege halbnackt neben dem offenen Fenster. In den zwei Stunden, bis der Bus nach Tschernobyl fährt, gesellt sich irgendwann ein Laken hinzu, eine Bettdecke, ein Kissen.
Nov 20, 2008
Fast Frankfurt VII
Reiseaufzeichnungen, Woche 3
Eine regennasse Nacht empfängt mich in Kiev. Der Rucksack ist ungewohnt nach einem ganzen Tag im Zug. In der Eingangshalle des Bahnhofs erwarten sie mich, die Fahrgast-Fänger der Taxileute. Ich entscheide mich für eine ernst aussehende Frau, die ein wenig Englisch kann. Ihr Preis ist ambitioniert, es ist der Touristenpreis, den man beim ersten Besuch immer zu hören bekommt. Ich hatte mir die Ukraine als ein billiges Land vorgestellt, und tatsächlich waren einige Dinge billig, aber gerade in den letzten zwei Jahren hatte es eine enorme Teuerung gegeben, und durch die flexible Preishandhabung bekommt man das als Fremder besonders zu spüren. Und fremd fühlte ich mich hier – in den harten Sitzen eines Ladas, dessen Fensterscheiben schlierenartige Kaleidoskope waren, die Lichter des Verkehrs, der Geschäfte, der Ampeln und die dunklen Schemen der Passanten wurden zerstückelt und zu einer unwirtlichen Welt neu zusammengesetzt. Ich hatte erwartet, von dem Geld, das ich der Taxifrau gab, auch das Hotel bezahlen zu können, damit lag ich weit daneben. Die Frau an der Rezeption sprach etwas Deutsch und gab mir ein Doppelzimmer, für eine Nacht, zu einem Preis, den man eher in London oder Paris erwartet hätte. Vorhin, an einem der zahlreichen Stände im Bahnhofsgebäude, hatte ich etwas Essbares und zwei Flaschen Bier gekauft, die ukrainische Sorte. Mit diesem letzten Mahl kauerte ich mich nun in die vollen Decken im riesigen Bett des Hotels, der Raum war zugig, hatte aber enorm hohe Decken, eine Spielart der Sowjet-Architektur, die ich hier noch öfters zu Gesicht bekommen sollte. Und in diesem sich endlos nach oben erstreckenden Raum, beleuchtet nur von einer Nachtischlampe mit altmodischem Stoffschirm, begleitet von den Geräuschen des Nachtverkehrs auf der Kreshatyk, durch den ab und zu die dumpf knarrenden Warnsignale der Polizeiautos schnitten, in diesem eigenartigen Territorium glitt ich langsam hinüber in den Schlaf, in einen tiefen, traumreichen Schlaf, der fast bis zum nächsten Mittag andauern sollte. Die Fremde hatte mich wieder und behielt mich bei sich, drehte mich im Bett um eine Zeitzone weiter, zerrte die dem Körper hinterherreisende Seele durch die Landschaften der Kornkammer, durch Wälder und Steppe, Steppe und Wälder und durch kleine Dörfer mit nichtssagenden Bahnhöfen und kyrillischen Anzeigetafeln. All das eine weite, unbekannte Fremde, die nicht zu entziffern war, die in ihrer Geschäftigkeit vor der Ruhe eines Reisenden keinen Respekt hat. Und durch dieses Niemandsland schliesslich hinein in den Strudel von Kiev, in den Strudel der Menschenmengen und Staus. Mit diesem letzten, überwältigenden Drall der Gedanken schlief ich ein und träumte von überindustrialisierten Städten mit Flüssen, die sich in eine tiefe Kluft gefressen haben, und mit entfremdeten Tieren.
Eine regennasse Nacht empfängt mich in Kiev. Der Rucksack ist ungewohnt nach einem ganzen Tag im Zug. In der Eingangshalle des Bahnhofs erwarten sie mich, die Fahrgast-Fänger der Taxileute. Ich entscheide mich für eine ernst aussehende Frau, die ein wenig Englisch kann. Ihr Preis ist ambitioniert, es ist der Touristenpreis, den man beim ersten Besuch immer zu hören bekommt. Ich hatte mir die Ukraine als ein billiges Land vorgestellt, und tatsächlich waren einige Dinge billig, aber gerade in den letzten zwei Jahren hatte es eine enorme Teuerung gegeben, und durch die flexible Preishandhabung bekommt man das als Fremder besonders zu spüren. Und fremd fühlte ich mich hier – in den harten Sitzen eines Ladas, dessen Fensterscheiben schlierenartige Kaleidoskope waren, die Lichter des Verkehrs, der Geschäfte, der Ampeln und die dunklen Schemen der Passanten wurden zerstückelt und zu einer unwirtlichen Welt neu zusammengesetzt. Ich hatte erwartet, von dem Geld, das ich der Taxifrau gab, auch das Hotel bezahlen zu können, damit lag ich weit daneben. Die Frau an der Rezeption sprach etwas Deutsch und gab mir ein Doppelzimmer, für eine Nacht, zu einem Preis, den man eher in London oder Paris erwartet hätte. Vorhin, an einem der zahlreichen Stände im Bahnhofsgebäude, hatte ich etwas Essbares und zwei Flaschen Bier gekauft, die ukrainische Sorte. Mit diesem letzten Mahl kauerte ich mich nun in die vollen Decken im riesigen Bett des Hotels, der Raum war zugig, hatte aber enorm hohe Decken, eine Spielart der Sowjet-Architektur, die ich hier noch öfters zu Gesicht bekommen sollte. Und in diesem sich endlos nach oben erstreckenden Raum, beleuchtet nur von einer Nachtischlampe mit altmodischem Stoffschirm, begleitet von den Geräuschen des Nachtverkehrs auf der Kreshatyk, durch den ab und zu die dumpf knarrenden Warnsignale der Polizeiautos schnitten, in diesem eigenartigen Territorium glitt ich langsam hinüber in den Schlaf, in einen tiefen, traumreichen Schlaf, der fast bis zum nächsten Mittag andauern sollte. Die Fremde hatte mich wieder und behielt mich bei sich, drehte mich im Bett um eine Zeitzone weiter, zerrte die dem Körper hinterherreisende Seele durch die Landschaften der Kornkammer, durch Wälder und Steppe, Steppe und Wälder und durch kleine Dörfer mit nichtssagenden Bahnhöfen und kyrillischen Anzeigetafeln. All das eine weite, unbekannte Fremde, die nicht zu entziffern war, die in ihrer Geschäftigkeit vor der Ruhe eines Reisenden keinen Respekt hat. Und durch dieses Niemandsland schliesslich hinein in den Strudel von Kiev, in den Strudel der Menschenmengen und Staus. Mit diesem letzten, überwältigenden Drall der Gedanken schlief ich ein und träumte von überindustrialisierten Städten mit Flüssen, die sich in eine tiefe Kluft gefressen haben, und mit entfremdeten Tieren.
Nov 15, 2008
Fast Frankfurt VI
Reiseaufzeichnungen, Woche 3
Nachmittags kommen wir an die polnisch-ukrainische Grenze. Die Grenzer sind strenge Männer mit Tarnanzügen und Hunden. Ein älterer Mann hat wohl keinen gültigen Reisepass dabei, wir sehen von den Fenstern im Gang aus, wie er den Zug verlässt, die Grenzer tragen ihm seine Sachen hinterher. Bei ihrem Auto gibt es noch eine längere Diskussion und Telefongespräche, dann steigen sie ein und auch wir setzen uns wieder in Bewegung, fahren in eine grosse Halle, in der der Zug Waggon für Waggon umgehoben wird. In Russland und den GUS-Staaten Ukraine und Weissrussland sowie im Baltikum fahren die Züge auf einer breiteren Spur als in Westeuropa. Die Intention des Zarentums, auf diese Weise eine wirkungsvolle Verteidigungsmassnahme zu erhalten, würde sich später als Hindernis im Warenverkehr herausstellen. Die neuen Umhebe-Systeme erledigen den Vorgang in wenigen Stunden, früher dauerte es halbe Tage. Wir müssen im Zug bleiben und beobachten von den Türen der getrennten Waggons aus die Arbeit, füttern einen Hund, versuchen, auf die grimmigen Gesichter der Bahnarbeiter ein Lächeln zu zaubern. Mit den breiteren Radachsen verläuft die Fahrt ruhiger, angenehmer. Bis Kiev sind es noch sieben Stunden. An einem Bahnhof halten wir länger und alte Frauen mit Einkaufstüten voller Teigtaschen, Khefir, Bier, frischen Fischen und Zigaretten drängen sich durch die Gänge der Waggons. Die Landschaft zieht vorüber, der Zug ist wie eine Zeitkapsel, ein Gefängnis zwischen Abfahren und Ankommen, aber auch eine Denkpause zwischen Studium, Arbeit, Leben in Deutschland. Was kommen wird, was kommen mag, in Kiev, Berlin, und wieder zurück in Mannheim. Ich bin zum Glück eingesperrt in der Unfähigkeit, noch etwas ändern zu können, die nächsten Schritte sind arrangiert, das Finanzpolster ist da, und das Beste gibt es ohnehin kostenlos. So lerne ich noch mehr von den Mitgliedern der Politikfabrik, deren Organisationsteam von fünf Personen sich in Kiev in eine Wohnung einmietet. Die vier anderen Teams – eins für jede Himmelsrichtung – müssen vorbereitete Aufgaben erfüllen in den verschiedensten Orten des Landes, Donetsk, Liev, Odessa, Simferopol. Die Tagesberichte werden mit Bildern und Videos garniert und direkt von ihren Smartphones auf die Blog-Seiten im Internet geladen, das Internetpublikum stimmt ab, wer wohin muss, und was es zu erledigen gibt. Diese einzigartige Art der Aufklärung bringt mich zu der Frage, welche Aufgaben ich denn habe, und wo ich hinwill. Erstmal in Kiev bleiben, erstmal ankommen, landen, einschlafen. Und so schlage ich um halb zwölf nachts, als wir in den Sackbahnhof einrollen, nicht die Einladung für den nächsten Tag aus, setze mich dann aber ins Taxi und nehme ein Zimmer in einem einfachen Hotel nahe dem Hauptboulevard Kreshatyk.
Nachmittags kommen wir an die polnisch-ukrainische Grenze. Die Grenzer sind strenge Männer mit Tarnanzügen und Hunden. Ein älterer Mann hat wohl keinen gültigen Reisepass dabei, wir sehen von den Fenstern im Gang aus, wie er den Zug verlässt, die Grenzer tragen ihm seine Sachen hinterher. Bei ihrem Auto gibt es noch eine längere Diskussion und Telefongespräche, dann steigen sie ein und auch wir setzen uns wieder in Bewegung, fahren in eine grosse Halle, in der der Zug Waggon für Waggon umgehoben wird. In Russland und den GUS-Staaten Ukraine und Weissrussland sowie im Baltikum fahren die Züge auf einer breiteren Spur als in Westeuropa. Die Intention des Zarentums, auf diese Weise eine wirkungsvolle Verteidigungsmassnahme zu erhalten, würde sich später als Hindernis im Warenverkehr herausstellen. Die neuen Umhebe-Systeme erledigen den Vorgang in wenigen Stunden, früher dauerte es halbe Tage. Wir müssen im Zug bleiben und beobachten von den Türen der getrennten Waggons aus die Arbeit, füttern einen Hund, versuchen, auf die grimmigen Gesichter der Bahnarbeiter ein Lächeln zu zaubern. Mit den breiteren Radachsen verläuft die Fahrt ruhiger, angenehmer. Bis Kiev sind es noch sieben Stunden. An einem Bahnhof halten wir länger und alte Frauen mit Einkaufstüten voller Teigtaschen, Khefir, Bier, frischen Fischen und Zigaretten drängen sich durch die Gänge der Waggons. Die Landschaft zieht vorüber, der Zug ist wie eine Zeitkapsel, ein Gefängnis zwischen Abfahren und Ankommen, aber auch eine Denkpause zwischen Studium, Arbeit, Leben in Deutschland. Was kommen wird, was kommen mag, in Kiev, Berlin, und wieder zurück in Mannheim. Ich bin zum Glück eingesperrt in der Unfähigkeit, noch etwas ändern zu können, die nächsten Schritte sind arrangiert, das Finanzpolster ist da, und das Beste gibt es ohnehin kostenlos. So lerne ich noch mehr von den Mitgliedern der Politikfabrik, deren Organisationsteam von fünf Personen sich in Kiev in eine Wohnung einmietet. Die vier anderen Teams – eins für jede Himmelsrichtung – müssen vorbereitete Aufgaben erfüllen in den verschiedensten Orten des Landes, Donetsk, Liev, Odessa, Simferopol. Die Tagesberichte werden mit Bildern und Videos garniert und direkt von ihren Smartphones auf die Blog-Seiten im Internet geladen, das Internetpublikum stimmt ab, wer wohin muss, und was es zu erledigen gibt. Diese einzigartige Art der Aufklärung bringt mich zu der Frage, welche Aufgaben ich denn habe, und wo ich hinwill. Erstmal in Kiev bleiben, erstmal ankommen, landen, einschlafen. Und so schlage ich um halb zwölf nachts, als wir in den Sackbahnhof einrollen, nicht die Einladung für den nächsten Tag aus, setze mich dann aber ins Taxi und nehme ein Zimmer in einem einfachen Hotel nahe dem Hauptboulevard Kreshatyk.
Oct 25, 2008
Fast Frankfurt IV
Reiseaufzeichnungen, Woche 2
Ankommen. Abfahren. Nie ankommen, nie abfahren. Immer mit der Reisetasche in der Hand, ein wechselndes Sortiment von wichtigsten Habseligkeiten auf sich führend, in einer neuen Stadt, mit anderen Strassen, Namen, Geschäften. WG-Besichtigungen, Pläne für die Zukunft, sich schon wieder mit dem Wohnen beschäftigen, obwohl doch gerade erst der Überwurf der sicheren Wohnung abgestreift wurde. Küche, Bad, Balkon. Fenster zum Innenhof, oder zur Strasse, oder aufs Nebenhaus, oder Blick auf die Schienen. Kirche in der Nähe, nerviges Getöne am Sonntagmorgen? Wie weit zur Brücke, zur BASF? Waschmaschine, Wandschränke, Stuck? Die Koordinatensysteme des Lebens werden wieder neu ausgerollt. Die Beschreibung der Örtlichkeiten, mit Einkaufsmöglichkeiten, Friseur usw. erinnert mich an Thailand, wo in jedem grösseren Stranddorf die Seven-Eleven Supermärkte als Orientierungshilfen dienten, da es sowas wie Adressen in unser damaligen Welt nicht gab. Grundlage jeglichen Prekariats sind in Mannheim: Lidl, Aldi, oder eben Plus oder Norma, wenns nicht anders geht. Tengelmann, von vielen liebevoll «begehbarer Kühlschrank» genannt, unverzichtbar für Alkoholika. Metzgereien, Bäckereien, Büchereien...mit jeder Erwähnung zieht ein neues Leben vor meinen Augen vorbei, ein gutbürgerliches, mit Bäckereibesuchen, Stofftüten, Fahrradkorb. Ich beantworte Fragen, ziehe Wohnungstüren hinter mir zu, dritter Stock, vierter Stock, Erdgeschoss. Alles nur Maskerade! Die Gutbürgerlichkeit fällt von mir ab, ich bin doch nur Tourist. Ich gehe zurück in die J6, packe den Rucksack, ein letztes Sandwich am Bahnhof, dann der ICE nach Berlin, wo ich abgeholt werde und wo uns die vertraute S-Bahn durch die Nacht nach Lichtenberg fährt, wo der D345 wartet, Destination Kiev Pass. Vor mir eine lärmende Reisegruppe. Wir trennen uns. Einsteigen, hinsetzen, und plötzliche Ruhe, gepaart mit freudiger Erwartung. Der Zug ruckt an, die Reisenden in den anderen Abteilen, die noch stehen, rufen erstaunt aus. Wir lassen die Lichter hinter uns und fahren in die Dunkelheit, dorthin, wo die polnische Grenze steht.
Ankommen. Abfahren. Nie ankommen, nie abfahren. Immer mit der Reisetasche in der Hand, ein wechselndes Sortiment von wichtigsten Habseligkeiten auf sich führend, in einer neuen Stadt, mit anderen Strassen, Namen, Geschäften. WG-Besichtigungen, Pläne für die Zukunft, sich schon wieder mit dem Wohnen beschäftigen, obwohl doch gerade erst der Überwurf der sicheren Wohnung abgestreift wurde. Küche, Bad, Balkon. Fenster zum Innenhof, oder zur Strasse, oder aufs Nebenhaus, oder Blick auf die Schienen. Kirche in der Nähe, nerviges Getöne am Sonntagmorgen? Wie weit zur Brücke, zur BASF? Waschmaschine, Wandschränke, Stuck? Die Koordinatensysteme des Lebens werden wieder neu ausgerollt. Die Beschreibung der Örtlichkeiten, mit Einkaufsmöglichkeiten, Friseur usw. erinnert mich an Thailand, wo in jedem grösseren Stranddorf die Seven-Eleven Supermärkte als Orientierungshilfen dienten, da es sowas wie Adressen in unser damaligen Welt nicht gab. Grundlage jeglichen Prekariats sind in Mannheim: Lidl, Aldi, oder eben Plus oder Norma, wenns nicht anders geht. Tengelmann, von vielen liebevoll «begehbarer Kühlschrank» genannt, unverzichtbar für Alkoholika. Metzgereien, Bäckereien, Büchereien...mit jeder Erwähnung zieht ein neues Leben vor meinen Augen vorbei, ein gutbürgerliches, mit Bäckereibesuchen, Stofftüten, Fahrradkorb. Ich beantworte Fragen, ziehe Wohnungstüren hinter mir zu, dritter Stock, vierter Stock, Erdgeschoss. Alles nur Maskerade! Die Gutbürgerlichkeit fällt von mir ab, ich bin doch nur Tourist. Ich gehe zurück in die J6, packe den Rucksack, ein letztes Sandwich am Bahnhof, dann der ICE nach Berlin, wo ich abgeholt werde und wo uns die vertraute S-Bahn durch die Nacht nach Lichtenberg fährt, wo der D345 wartet, Destination Kiev Pass. Vor mir eine lärmende Reisegruppe. Wir trennen uns. Einsteigen, hinsetzen, und plötzliche Ruhe, gepaart mit freudiger Erwartung. Der Zug ruckt an, die Reisenden in den anderen Abteilen, die noch stehen, rufen erstaunt aus. Wir lassen die Lichter hinter uns und fahren in die Dunkelheit, dorthin, wo die polnische Grenze steht.
Oct 23, 2008
Wir nannten es Arbeit IV
Oder: Hin und wieder zurück.
Tiefer Schlaf, von wirren Träumen durchzogen, ereilt mich hier, nach rund einem Monat Mannheim, jede Nacht. Der Wecker kommt zu früh, aber gerade rechtzeitig, um grössere Abstrusitäten zu verhindern. Mit einem Satz bin ich im Bad, prüfe den Sitz der Schlaf-Falten, esse etwas. Bei der ersten Zigarette blicke ich, auf der Dachterrasse unter dem tiefschwarzen Himmel stehend, in Richtung Pfalz, wo Scheinwerfer die am Fluss stehenden Verladestationen als Silhouetten abbilden. Im schwarzen Jogginganzug, die IKEA-Handtasche umgehängt, eile ich die Treppen herunter in den Innenhof, wo das Rad steht. Die Quadrate beginnen, sich mit Leben zu füllen. Ich kreuze den Luisenring, bin schon am Verbindungskanal, fahre gleich die Rampe der Kurt-Schumacher-Brücke hoch, überhole andere «Aniliner», die man leicht an den BASF-Jacken und –Helmen erkennt. Auch ich trage Helm, auf dem Werksgelände ist das Vorschrift, und ihn erst am Tor anzuziehen umständlich. Über dem Rhein lichtet sich langsam die Dunkelheit, das grelle Scheinwerferlicht der Hafenanlagen liegt jetzt scharf links, jeden Morgen ist die Dämmerung etwas weniger hell, es ist viertel nach Sieben. Weisse Möwen fliegen in Gruppen knapp über die schwarzen Wasser des Rheins, der tief unter mir dahinfliesst. Die Brücke dauert ewig, der Berufsverkehr auf der anderen Seite zieht vorbei. Am Ende der Brücke rolle ich die Rampe herunter, halte kurz vor Tor 7. Mein Ausweis öffnet die Schranke, ich schiebe das Rad durch, steige wieder auf.
-
Auf der Rückfahrt ist es mild, nicht selten scheint hier die Sonne am Nachmittag, auch wenn der Morgen neblig und wenig vielversprechend aussieht. Der Berufsverkehr geht jetzt in die andere Richtung, wieder mir entgegen, viele Laster sind darunter. Im Jungbusch, dem «Szeneviertel», schlängele ich mich durch die mir entgegenkommenden Autos in Einbahnstrassen, komme an Spielplätzen vorbei, die komplett türkisch besetzt sind, und wo man bei den am Rande sitzenden Figuren nie weiss, ob es Eminem-Gangster sind oder junge, bildhübsche Türkinnen mit Kopftuch. Die letzte Zigarette wieder auf dem Dach, in der Sonne. Bald ist Zeitverschiebung.
Tiefer Schlaf, von wirren Träumen durchzogen, ereilt mich hier, nach rund einem Monat Mannheim, jede Nacht. Der Wecker kommt zu früh, aber gerade rechtzeitig, um grössere Abstrusitäten zu verhindern. Mit einem Satz bin ich im Bad, prüfe den Sitz der Schlaf-Falten, esse etwas. Bei der ersten Zigarette blicke ich, auf der Dachterrasse unter dem tiefschwarzen Himmel stehend, in Richtung Pfalz, wo Scheinwerfer die am Fluss stehenden Verladestationen als Silhouetten abbilden. Im schwarzen Jogginganzug, die IKEA-Handtasche umgehängt, eile ich die Treppen herunter in den Innenhof, wo das Rad steht. Die Quadrate beginnen, sich mit Leben zu füllen. Ich kreuze den Luisenring, bin schon am Verbindungskanal, fahre gleich die Rampe der Kurt-Schumacher-Brücke hoch, überhole andere «Aniliner», die man leicht an den BASF-Jacken und –Helmen erkennt. Auch ich trage Helm, auf dem Werksgelände ist das Vorschrift, und ihn erst am Tor anzuziehen umständlich. Über dem Rhein lichtet sich langsam die Dunkelheit, das grelle Scheinwerferlicht der Hafenanlagen liegt jetzt scharf links, jeden Morgen ist die Dämmerung etwas weniger hell, es ist viertel nach Sieben. Weisse Möwen fliegen in Gruppen knapp über die schwarzen Wasser des Rheins, der tief unter mir dahinfliesst. Die Brücke dauert ewig, der Berufsverkehr auf der anderen Seite zieht vorbei. Am Ende der Brücke rolle ich die Rampe herunter, halte kurz vor Tor 7. Mein Ausweis öffnet die Schranke, ich schiebe das Rad durch, steige wieder auf.
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Auf der Rückfahrt ist es mild, nicht selten scheint hier die Sonne am Nachmittag, auch wenn der Morgen neblig und wenig vielversprechend aussieht. Der Berufsverkehr geht jetzt in die andere Richtung, wieder mir entgegen, viele Laster sind darunter. Im Jungbusch, dem «Szeneviertel», schlängele ich mich durch die mir entgegenkommenden Autos in Einbahnstrassen, komme an Spielplätzen vorbei, die komplett türkisch besetzt sind, und wo man bei den am Rande sitzenden Figuren nie weiss, ob es Eminem-Gangster sind oder junge, bildhübsche Türkinnen mit Kopftuch. Die letzte Zigarette wieder auf dem Dach, in der Sonne. Bald ist Zeitverschiebung.
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