Jun 30, 2009

1 Gedicht/Tag

kommt per Lyrikmail #2009

UTOPIE
Ich stelle unser Bett
In den Mondschein
Auf eine Brücke aus Licht
Die über den Strom führt
Der keinen Ursprung hat und kein Ziel
Auf eine Brücke
Aus Licht
Ohne Hin- und Herweg

Karl-Johannes Vogt

tracking with close-ups

Eines Nachts fahre ich wieder fort, bringe kurz einem Freund einen Schlüssel vorbei, ein letzter Moment Licht und die Verlockung der offenen Wohnungstür, dann die einsame Dunkelheit der Linienstrasse, die frisch aufgepumpten, neuen Schläuche meines Rads machen jede Unebenheit der Fahrbahn erlebbar. Ich fahre vorbei an den Kneipen, die etwas zu gut eingerichtet sind, um originell zu sein, deren Gast ich nicht sein möchte, nicht heute und nicht an einem anderen Tag. Ich fahre auch vorbei an den Spielstätten der Nacht, wo ich gerne einkehre, deren Bier ich gerne trinke, und zünde mir die nächste Zigarette an, just als ich links das Ballhaus vorbeiwischen sehe.

Ich denke, ich mag die Fahrradfahrer doch eigentlich, diese schweigenden Anderen, auf ihren Wegen, und schmunzle über meine nächtlichen Touren. Die Linden sind hellerleuchtet, wie ich es immer in Erinnerung habe, die Friedrichstrasse erlebt gerade die letzte Ebbe des Tages. Ich fahre leicht links, in ruhigen Strassen, nicke den Portiers zu, die sich zu Bentleys hinabbeugen. Ich fahre und fahre und durchpflüge die warme Nacht in einer neuen Richtung.

Jun 27, 2009

the happening world

Anstatt zum Amusement ins Olympiastadion zu fahren, könnte man einfach in diese Tropical-Islands-Vergnügungshalle im alten Cargolifter-Werk tuckern, oder zum Beispiel zur Fusion. So lange ungefähr dauert nämlich die Reise in den äusseren Westen der Stadt, dorthin, wo Stelen und arische Sportlermonumente Zeugnis ablegen von der architektonischen Geschichte Berlins. Für die Fusion war das Wetter etwas bescheiden, und so fuhr ich natürlich trotz der Fahrzeit zum Sommerfest, denn ich wollte mir die Sause nicht entgehen lassen. Es war dann auch ein prächtiger Anblick, den das Catering- und Event-Team und Bayer-Schering angerichtet hatte. Wir wurden über das Marathon-Tor ins Stadion hineingeleitet, so dass sich das hellerleuchtete Rund vor uns ausbreitete wie eine offene Auster. Oben auf der Treppe nahm ich erstmal einen Sekt, und am Fuss von ihr gleich noch einen. Für das leibliche Wohl sorgten unzählige Grillstände, Salat-, Hauptgang- und Dessertbuffets sowie Getränkebons, die man uns am Eingang verschwörerisch zusteckte. Auf den Tanzflächen des VIP-Forums wurde dann gegen zwölf auch schon mehr oder weniger enthemmt getanzt. Nach zwei, drei Weissweinen, einigen Bieren, einem Cosmo an der Merengue-Bar, guten Gesprächen mit meinen Arbeitskollegen und einem Lichtspektakel in der Arena verliess ich dann aber die Sportstätte, um mich dem freitäglichen Treiben in Prenzlauer Berg zu widmen. Natürlich wäre es toll gewesen, eine Frau aus der mittleren Führungsebene vom Marketing kennenzulernen.


Am nächsten Morgen ist es immer noch dieses unentschlossene Wetter, ich setze mich in mein Café und esse – noch etwas zittrig von der Nacht und dem Hunger nach Frühstück, die Beine müde vom Laufen, Treppensteigen, Trinken – das beste Müsli des ganzen Viertels. Michael Jackson ist auf dem Titelbild der Zeitung, er wird auch im Feuilleton hervorragend diskutiert. Ich skippe bis «Give in to me» und erinnere mich an die Booklets, die mit ihren enggedruckten Liedtexten wie kleine Fibeln der Musik und des ewigen Suchens nach einem perfekten künstlerischen Ausdrucks wirkten.

Fast Berlin XIII

Mit einem kräftigen «Juut» wird Bilanz gezogen über die Anstrengungen des heutigen Tages. Jetzt, mittendrin zwischen Umziehen, Einkaufen, Organisieren und Ausgehen kommt einem solch ein erlösendes Eingeständnis des Erfolgs nichts leicht über die Lippen, nichtsdestotrotz: Berechtigt ist es. Glücklicherweise wächst die Anzahl der Taschen mit der Zunahme der Habseligkeiten. Glücklicherweise werden die Wege immer kürzer. Glücklicherweise kommen helfende Hände und zusätzliche Einrichtungsgegenstände im rechten Moment. Glücklicherweise schrumpft für ein paar Tage der Zukunftshorizont auf einige Stunden. Glücklicherweise geschieht all dies und noch viel mehr hier, in Berlin.

Jun 26, 2009

the happening world

Heute Abend lädt niemand geringers als mein Arbeitgeber zum Sommerfest in die VIP-Hallen im Olympiastadion. Eintritt leider nur mit Firmenausweis. Sorry Berliner, ihr müsst draussen bleiben - dort ist hoffentlich auch etwas los. Für morgen bürge ich:

Samstag, 27.6.: David Levine / Feinkost, Bernauer Strasse. via mail.

Sonntag wird wiedermal umgezogen. Wohnungsbegiessung ist in zwei Wochen. Dann, so hoffen wir, nehmen die Dinge einen geregelteren Lauf, dann kommen Möbel, ein Zwischenmieter für August/September (bei Interesse comment), eine Eingebung und natürlich jede Menge am Schreibtisch geschriebener Zeilen. Momentan findet das ja auf den Knien statt, oder im Café.

Das branding in Mitte geht weiter. In der Max-Beer-Strasse reibt sich der WeSC-Shop seit Mitte Mai ganz kollegial am ebenfalls schon leicht ergrauten Streetstyle-Label FREITAG aus Zürich. Ich konnte meinen Augen damals ja kaum trauen, als die anfingen, diese Einkaufstüten zu vermarkten. Wenn man aber mal gesehen hat, wie in Zürich mittlerweile fast jeder Fussgänger und Fahrradfahrer mit so einem Freitag-Messenger rumkurvt, war das vielleicht die einzige Idee, die wirklich Erfolg versprach.

Michael Jackson is dead

...und das offenbar schon seit Donnerstagnachmittag (Ortszeit LA). Die Neuigkeit kam auch für mich wie ein Schock, obwohl ich seine letzten Aktionen eher unscharf beobachtet habe. Es standen letzte Konzerte in London an.

In meinen Augen hat Jackson die Musik beeinflusst wie wenige andere. Seine Kompositionen und Texte waren seiner Zeit voraus. Das Album «Dangerous» war die erste CD, die ich mir mit ungefähr 8 Jahren gekauft habe. Sie hat alle Umzüge, Geschmackswandlungen und CD-Player überlebt und gehört musikalisch bei mir immer noch zu den Favoriten.

Jun 25, 2009

the happening world

Gerade einen neuen Akku für den Laptop gekauft, stolze 139 Euro. Willkommen in der No-Go-Area der Garantiebestimmungen - denn da die Batterien «Verbrauchsmaterial» sind, zahlt der Hersteller natürlich nicht deren Ersatz. Das Gerät ist aber - natürlich - unentberlich, und mit einem Kraftstoffpaket, das ständig den Geist aufgibt, nicht zu gebrauchen. Ich werde von nun an das Kontoauszugabholen jemand anders überlassen, ich bin schliesslich nur für die schwarzen Zahlen zuständig. Und für Urlaub - allerdings keimt in mir die Befürchtung, dass das Kapital dafür ausgegeben ist, bevor ich einen Fuss auf serbischen Boden gesetzt habe.

Des weiteren: Auch mein Fahrrad mit Seltenheitswert rollt wieder, frisch aufgereift hat es seinen Besitzer um das Äquivalent des Kaufpreises geschröpft. Das Rad, seine Bewunderer in den Strassencafés und an den Haltestellen und ich hoffen, dass die 26-Zoll-Reifen soviel aushalten wie die originalen.

Möchte nochmal auf das Zentrum für Politische Schönheit verweisen. Es tut sich viel bei uns, die nächste Kunstaktion steht an und in Bälde wird darüber berichtet. Tretet unserem Info-Netzwerk bei.

Jun 24, 2009

1 Gedicht/Tag

Unser Schloss

Längs dem Strom, in blauen Hecken
Spielen, und im Teich, verstecken
Sonnenlichter mit den matten, rötlichen
Blutbuchenschatten.

In den stummen Säulengängen
Dunkle Abendfalter hängen
Und ein Atmen, hin und wieder
Ungebor'ner Königslieder.

Über breiten Marmorstiegen
Hundert ferne Jahre liegen.
Flüsternde Tapeten tragen
Hundert graue Zukunftssagen.

Über meine Seele schreiten
Kommende Vergangenheiten
Ritterspiele, Königsworte
Laute Feste, stumme Morde.

Bald, und unser Park wird trauern
Brütend über Moos und Mauern
Und ein Wanderer wird mit Grauen
In die schwarzen Fenster schauen.

Und Chronisten werden sagen
Wunder, die sich zugetragen
In den sagenhaften Jahren
Da wir noch am Leben waren.

Hermann Hesse

Jun 23, 2009

1 Gedicht/Tag

Ferien auf dem Lande

(Ich kam mit einem Auto an
und Koffern, sechs bis sieben.
Der Motor ging total entzwei,
so mußt zuletzt ich schieben.)

Ich wohn in einem Bauernhaus,
Die Milch ist frisch und sahnig.
Die Störchin auf dem Scheunendach,
sie schäkert mit dem Kranich.
Die Kuh macht "muh" - der Ochse auch,
sind schwer zu unterscheiden,
erst wenn man melken will, merkt man
den Unterschied der beiden.
Die Bauersfrau ist jung und schön,
Ich bin bei ihr der Kranich.
Ein Ochse ist ihr Herr Gemahl. -

(Zurück fahr mit der Bahn ich !)

Heinz Erhardt

Wir nannten es Arbeit XX

Während auf der Arbeitsfläche hinter mir die Zentrifuge schnurrt, lese ich das Reiseblatt von letzter Woche und betreibe zwischen den Abschnitten etwas Kopfrechnen. Soeben ist der assay fertig geworden, der nun vermessen werden muss. Eine brauchbare Grössenanalyse der in der Lösung enthaltenen Partikel dauert 10 Sekunden, und 10 Messungen hintereinander sorgen dafür, dass etwaige Streuungen ausgemittelt werden. Mein heutiger assay ist stolze 50 Proben stark, danach oder währenddessen wird noch der Zentrifugen-Inhalt aufgearbeitet. Die Proben im Analysegerät werden von Hand gewechselt, das ist der Grund, warum ich zeitungslesend danebensitze. Es ist einfach nicht sinnvoll, alle 100 Sekunden aus meinem Labor nebenan herüberzustürzen. Noch 20 Proben; ich werde noch 33 Minuten hier sitzen und kleine Plastikröhrchen hin- und herstellen, denke ich zwischen dem Bericht über einen «Glücksurlaub» an der türkischen Ägäis und einer Spurensuche in Maigrets Paris. Es piept, ich wechsle die Proben und schaue aus dem Fenster. Das Berliner Panorama präsentiert sich dunstig, aber freundlich. Die Nachmittage hier sind wechselhafte Gesellen, ich werde mich noch an den zornigen Wind und die tiefe Sonne gewöhnen müssen. Es folgt eine Beschreibung des Seine-Ufers in Simenons Romanen, von Hafenarbeitern, Schlachtern und Damen, die auf den Bänken in den Parks auf Kundschaft warten. Das Intervalllesen ist eine klasse Beschäftigung, gerade, wenn sich zuhause aus Urlaubsgründen ungelesene Feuilletons und Reiseblätter stapeln. Entzückt blättere ich um.